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Autofahrer,
Zweiräder und
Fussgänger
gegeneinander
Auf
den Strassen der Schweiz eskaliert der Kleinkrieg zwischen
Autofahrern, Velos und Fussgängern. Die Experten reagieren auf
diese kriegerischen Zustände auf den Strassen und setzen auf
Begegnungszonen, in denen man die Verkehrsteilnehmer/innen
aufeinander loslässt, statt sie zu trennen.
snc/
ali yilmaz
In
den letzten dreissig Jahren hat der Verkehr in der Schweiz stark
zugenommen. Im Jahr 2004 waren in der Schweiz 3,8 Millionen Autos
und ungefähr 580000 Motorräder unterwegs. Wenn man diese Zahlen
mit denen von 1970 vergleicht, so ist das Verhältnis drei oder
sogar viermal so gross als in der Vergangenheit. Mit dieser
Feststellung lässt sich vermuten, dass auf den Strassen der
Schweiz einiges mehr los ist. Der Platz wird knapp. Denn auch die
Velos haben in den letzten zehn Jahren zugenommen, genauer
betrachtet um etwa einen Viertel, sodass heute ungefähr 5,5
Millionen Velofahrer am Verkehr teilnehmen.
Autofahrer,
Velos und Fussgänger im Kampf
Vor
allem in den verkehrsreichen Städten und den Agglomerationen
nimmt die Rechthaberei und Konfliktbereitschaft der einzelnen
Verkehrsteilnehmer/innen immer mehr den Platz von Toleranz ein.
Die Autofahrer, Velofahrer und Passanten liefern sich auf dem
Asphalt einen Kleinkrieg, dern sich aus den kleinsten Anlässen zu
Eskalationen entwickeln kann. Hier sind einige Beispiele, die der
Zeitschrift "Beobachter"* entnommen wurden:
In
Biel: Ein ehemaliger Pfarrer ist unachtsam und touchiert mit
seinem Auto den vor ihm stehenden Wagen. Der Ex- Pfarrer empfindet
die Situation als nicht weiter schlimm, jedoch ist der andere
Autofahrer ganz anderer Meinung. Zuerst äussert er seinen Wut mit
heftigen Schimpfworten und geht anschliessend auf den Ex- Pfarrer
los. Der Ex- Pfarrer landet als Resultat für mehrere Tage im
Spital mit schwerer Gehirnerschütterung und Beinverletzungen.
Anderes
Beispiel Zürich: Ein vierzig- jähriger Metzger überholt mit
seiner Vespa im Schritttempo eine stehende Fahrzeugkolonne rechts.
Darauf hin rastet einer der Autofahrer aus, und bei freier Fahrt
zwingt er den Metzger an den Strassenrand. Der Rollerfahrer
stürzt beinahe und revanchiert sich anschliessend mit einem Hieb
an die Seitenscheibe des Autos. Der Autofahrer rastet völlig aus.
Er steigt aus dem Wagen aus, geht auf den Metzger los und reisst
ihm den Helm ins Genick.
Während
einer Samstagnacht im April macht ein junges Paar im Zürich-
West- Quartier einen Spaziergang. Auf dem Trottoir kommt ihnen
plötzlich ein grosses Auto entgegen. Als das Paar am Auto
vorbeigeht, streift die 27 jährige Frau aus Versehen den
Rückspiegel des Autos. Daraufhin steigen die Passagiere aus dem
Wagen, und ein Streit beginnt, der immer heftiger wird. Bevor es
jedoch zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommt, tritt das
Paar den Nachhauseweg an.
Polizeilich
sind im Jahr 2003 30 098 Personen verunfallt, davon starben 546.
Dbei wurde festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Unfälle
sich in den Innenstädten und Agglomerationsgebieten ereignen.
Für Ruedi Häfliger, Verkehrsingenieur und Geschäftsleiter von
Metron in Brugg, einem der führenden Schweizer
Verkehrsplanbüros, muss vor allem innerorts eingegriffen werden.
Dabei setzt er auf ein Mittel: Verlangsamung bei gleichmässigem
Verkehrsfluss.
Koexistenz
der einzelnen Verkehrsteilnehmer/innen
Die
Zunahme des Verkehrs während der letzten Jahrzehnt hat dazu
geführt, dass ein anderer Grundsatz für die Bewältigung der
verkehrsbedingten Probleme zwischen den Velofahrern, Automobilsten
und Fussgängern gefunden werden muss, als die Trennung dieser
Verkehrsteilnehmer/innen. Häfliger ist der Meinung, dass
Konflikte zugelassen werden sollen, damit die Auto- oder
Velofahrer lernen, rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Zwischen
2002 und 2004 wurde im Zentrum der Solothurner Kleinstadt Grenchen
eine Begegnungszone realisiert, mit dem Zweck, dem motoristischem
Verkehr mit der Verlangsamung der Geschwindigkeit auf maximal 20
Kilometer pro Stunde die Dominanz zu nehmen. Dabei profitieren vor
allem die Fussgänger, denn sie haben Vortritt. Grenchen wurde mit
dieser Prioritätenänderung mit dem Innovationspreis Fussverkehr
2004 zur fussgängerfreundlichsten Stadt der Schweiz erklärt. Die
Begegnungszone, die neben der Hauptstrasse auch kleinere Strassen
umfasst, gehört einem Verkehrskonzept an, mit dem der
Durchgangsverkehr ums Zentrum herumgeführt wird. Dies bedeutet
für den Autofahrer, der in den Ortzentrum gelangen wird, dass er
auf die Bremse drücken und das gewohnte Vortrittsrecht des
Stärkeren abgeben muss. Hugo Kohler, Vizechef der Stadtpolizei,
sagt: "Wir haben hier etwas Mutiges durchgezogen. Der Verkehr
hat deutlich abgenommen und Unfälle mit Personenschäden gab es
bisher keine." Und das Resultat sieht tatsächlich gut aus:
Passanten, Autofahrer und Zweiräder kommen ohne grosse Mühe und
mit Gelassenheit aneinander vorbei, sie reagieren
rücksichtsvoller aufeinander, was das Bild eines friedlichen
Verkehrs vermittelt. Auch der Lärmfaktor hat stark abgenommen.
Jedoch sieht nicht jeder Autofahrer einen Vorteil in dieser
Situation. Denn das Auto ist ein Mittel, mit dem sich viele
Menschen vorgenommen haben, schnell die gewünschten Ortziele zu
erreichen. In solchen Begegnungszonen aber müssen sie auf die
Bremse drücken, und können nicht in gewünschtem Masse von der
Kraft des Autos profitieren. Falls nun die Hauptstrassen in das
Verkehrskonzept eingeschlossen werden, könnte sich bei den
Autofahrern zusätzliche Frustration aufbauen. Daniel Mühlemann
vom Departement Verkehrssicherheit Touring- Clubs- Schweiz warnt
vor übereilten Massnahmen in Bezug auf die Begegnungszonen, denn
die Autofahrer müssten sich an die neuen Geschwindigkeiten
gewöhnen.
Am
konsequentesten wird der Mischverkehr, also die Koexistenz des
Verkehrs im Strassenraum, in dem Velofahrer, Autos und Passanten
friedlich und rücksichtsvoll unterwegs sind, in den
Begegnungszonen realisiert, und die Idee beginnt sich langsam
durchzusetzen. Es gibt bereits 200 Begegnungszonen in der Schweiz,
150 weitere sollen dazukommen. Hauptsächlich ist dieses
verkehrsberuhigende Konzept für Nebenstrassen in Wohn- und
Geschäftsbereichen vorgesehen, jedoch dehnen sich die Zonen wie
in Grenchen auch auf Hauptstrassen aus.
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