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Der Bundesrat in corpore: Ab dem 10. Dezember gehört dieses

Bild der Vergangenheit an.

(Von rechts nach links) Bundespräsident Pascal Couchepin,

Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz, Bundesrat Samuel Schmid,

Bundesrat Moritz Leuenberger, Bundesrätin Micheline Calmy-Rey,

Bundesrat Kaspar Villiger, Bundesrat Joseph Deiss und Bundesrätin

Ruth Metzler-Arnold (Vizepräsidentin). (foto: bundesrat foto-service)

Schweizer Bundesratswahlen

so spannend wie noch nie

Am 10. Dezember wählt die Vereinigte Bundesversammlung (National- und Ständerat) den neuen Bundesrat, die siebenköpfige Regierung der Schweiz. Noch nie in der Geschichte des Schweizer Bundesstaates war die Ausgangslage derart spannend und ist das Wahlergebnis nicht vorauszusehen.

snc: niklaus freundlieb

Nach den Wahlen vom 19. Oktober, bei denen im Nationalrat die Schweizerische Volkspartei (SVP) mit 26,6 % vor den leicht verlierenden Sozialdemokraten (SPS) zur stärksten Kraft geworden ist, steht die bisherige Zauberformel im Bundesrat mit jeweils zwei Vertretern von SPS, der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP), der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) und einem SVP-Vertreter vor einer Veränderung. Vehement drängt die SVP, die schon bei den Wahlen 1999 zweitstärkste Partei in der Grossen Kammer geworden ist, auf einen zweiten Bundesratssitz. Neben dem amtierenden Samuel Schmid, parteiintern nicht unumstritten, weil er zu wenig die SVP-eigenen Interessen in der Landesregierung wahrgenommen habe, tritt als zweiter Kandidat der milliardenschwere Unternehmer Christoph Blocher, der bekannteste Politiker in der Schweiz, an.

Politisches Hickhack

Bereits am Abend des 19. Oktobers kündigte SVP-Präsident Ueli Maurer unmissverständlich an, dass wenn die SVP den zweiten Bundesratssitz nicht bekommen sollte und der dafür ausersehene Christoph Blocher nicht gewählt würde, die SVP ihren bisherigen Samuel Schmid aus der Landesregierung zurückziehen und geschlossen in die Opposition gehen würde. Die FDP, die den zurückgetretenen Kaspar Villiger ersetzen muss, und mehrheitlich die SPS bestreiten den SVP-Anspruch auf einen zweiten Bundesratssitz nicht, der zu Lasten der schwächsten Partei in der Regierung, der CVP, gehen müsste. Die SPS wehrt sich allerdings explizit gegen einen Bundesrat Christoph Blocher, dem sie Rechtspopulismus, Rassismus und die mangelnde Fähigkeit, sich in einer Kollegialbehörde einzupassen, vorwirft. Die CVP ihrerseits, die im Gegensatz zum Nationalrat im Ständerat, der Vertretung der Kantone, mit 15 Sitzen stärkste Partei, nach massiven Verlusten der FDP, will unter keinen Umständen auf ihre zwei Bundesratssitze verzichten.

Bürgerliches Dilemma

Haben sich Teile der CVP-Basis mit dem Verlust eines Bundesratssitzes abgefunden, argumentieren die Fraktion und führende Exponenten der Partei, dass der Bundesrat nicht nur rein rechnerisch aufgrund der Wahlen zusammengesetzt, sondern auch dem politischen Konsens verpflichtet sein sollte, umsomehr ihrer Ansicht nach die FDP nach rechts gerutscht sei, und damit die politische Mitte geschwächt wird, würde die CVP nur noch einen Sitz in der Regierung innehalten. Deshalb fordert die CVP, dass die FDP auf einen Sitz verzichten sollte. In der Tat fusste bis anhin das «Regierungssystem Schweiz» auf Konkordanz, deren Ausdruck die besagte Zauberformel ist, und nicht nur ausschliesslich auf arithmetischen Überlegungen. So hat zum Beispiel in der Vergangenheit die SPS trotz genügendem Stimmenanteil lange warten müssen, bis man ihr den Einsitz in die Landesregierung zugestand. Und, wie erwähnt, hätte ja eigentlich auch die SVP bereits vor vier Jahren einen Anspruch auf einen zweiten Bundesratssitz gehabt.

Die CVP kämpft

Tatsächlich kämpft nicht nur die CVP um Macht und Einfluss, vor allem ihre beiden Bundesräte Ruth Metzler und Joseph Deiss wollen unter keinen Umständen ihre Ämter abgeben. Justizministerin Metzler und Volkswirtschaftsminister Deiss sind allerdings nicht unumstritten. Deiss, ein akademischer Technokrat, gilt auf wirtschaftspolitischem Gebiet nicht als sehr innovativ und wirkt blass, und Metzler, als junger Shootingstar vor vier Jahren in die Regierung gewählt, vermochte zu wenige Macher-Qualitäten entwickeln, patzte verschiedentlich und fiel kürzlich unangenehm auf, weil sie im Zuge der türkischen Geheimdienst-Affäre SPS-Aussenministerin Calmy-Rey bei Bundespräsident Couchepin (FDP) mit fadenscheinigen Gründen anschwärzte, was ihr als Verstoss gegen das ungeschriebene Kollegialitätsprinzip angehaftet wurde. Welcher der beiden CVP-Bundesräte über die Klippe springen muss, ist völlig offen, einzig der angesprochene Rückzug der SVP in die Opposition könnte der CVP die beiden Bundesratssitze retten.

FDP sucht Nachfolger(In) für Villiger

Zwar hat die FDP in den Oktoberwahlen mehr Verluste als die CVP erlitten, bleibt aber dennoch drittstärkste Kraft im Bundesrat und es scheint wenig wahrscheinlich, dass sie einen ihrer Regierungssite verlieren wird, auch wenn Innenminister Couchepin nicht überall auf Sympathien stösst, und vor allem noch nicht klar ist, wer die Nachfolge von Kaspar Villiger antreten kann. Für die Wahl schickt die FDP die abgetretene Ständerätin Christine Beerli und Ständerat Hans-Rudolf Merz ins Rennen. Beide Politiker gelten als valabel, favorisiert werden kann vielleicht Christine Beerli, ihre Wahl könnte aber möglicherweise von der Abwahl von Ruth Metzler abhängen, denn es scheint fraglich, ob die Vereinigte Bundesversammlung drei Frauen im Bundesrat sehen will.

SPS und Grüne mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Unbestritten ist der Anspruch der Sozialdemokraten auf ihre beiden Bundesratssitze. Die SPS konnte bei den Nationalratswahlen um einen Sitz zulegen und ist auch in der Kleinen Kammer mit drei neuen Mitgliedern vertreten. Die SPS bestreitet nicht den Anspruch der SVP auf einen zweiten Bundesratssitz, will jedoch einen Bundesrat Blocher mit allen Mitteln verhindern. Ob sie diese Strategie durchhalten kann oder will, muss sich noch weisen. Es scheint aber durchaus denkbar, dass die SPS, zusammen mit den Grünen, der CVP und Stimmen anderer im Nationalrat vertretenen Gruppierungen, eine Wahl Blochers verhindern könnte.

Die Grünen, mit vier Sitzgewinnen in den Nationalratswahlen fünftstärkste Fraktion, hegt zwar (noch) keine ernsthaften Bundesratsambitionen, hat aber dennoch angekündigt, energisch sich gegen Christoph Blocher einzusetzen und im Falle eines Rückzuges der SVP in die Opposition, ebenfalls eine Bundesratskandidatur anzumelden.

Alles ist offen

In einem sind sich alle Polit-Auguren einig, dass am 10. Dezember nämlich alles möglich ist. Also, zwei Bundesratssitze für die SVP, auf Kosten der CVP, Status quo der Zauberformel, oder Oppositionsrolle der SVP mit der allerdings eher unwahrscheinlichen Regierungsbeteiligung der Grünen. Ebenfalls nicht abzuschätzen ist, ob die ultimative Kandidatur Blochers durch die SVP aufrechterhalten wird. Der gewiefte Taktiker Blocher könnte im Verlaufe der Wahlgänge von seiner Kandidatur zugunsten eines Parteilkollegen oder einer Parteikollegin, auch wenn führende Exponenten der SVP immer wieder betonen, dass die Partei nicht über valable Frauen verfüge, zurücktreten. Gerade die Strategie, zu behaupten, es gäbe keine fähige SVP-Kandidatin, könnte darauf hinweisen, dass die SVP die Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer quasi als Joker zu gegebenem Zeitpunkt in die Ausmarchung schicken könnte. Rita Fuhrer gilt als starke und sachorientierte Persönlichkeit mit Exekutiv-Erfahrung, die auch für andere Parteien wählbar wäre. In einem solchen Fall wären jedenfalls die Chancen der FDP-Kandidatin Christine Beerli stark gefährdet.