BERN.
(11.12.03) Nach den Wahlen vom 19. Oktober, bei denen im
Nationalrat die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei
(SVP) mit 26,6 % vor den Sozialdemokraten (SPS) zur stärksten
Kraft geworden ist, ist nun die bisherige, seit 1959 bestehende
Zauberformel im Bundesrat mit jeweils zwei Vertretern von SPS, der
Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP), der
Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) und einem SVP-Vertreter
zu Ungunsten der CVP verändert worden.
Der Bundesrat präsentiert sich nun wie folgt: Moritz
Leuenberger bisher; SPS), Micheline Calmy-Rey (bisher; SPS),
Christoph Blocher (neu; SVP), Samuel Schmid (bisher; SVP), Pascal
Couchepin, bisher; FDP), Hans-Rudolf Merz (neu; FDP) und Joseph
Deiss (bisher; CVP).
Erstaunlich problemlose Wahl
Überschlugen sich vor der Wahl die Spekulationen, und
war die Rede von den spannendsten Bundesratswahlen aller Zeiten,
verlief die Wahl schlussendlich doch ohne eigentliche Überraschungen.
Der in den Oktober-Wahlen dokumentierte Volkswille und die damit
veränderten politischen Kräfteverhältnisse wurden eins zu eins
umgesetzt. Nicht unmassgeblich war sicherlich auch die Drohung der
SVP, bei Nichtwahl von Christoph Blocher in die Opposition zu
gehen, was eine starke Verhärtung der politischen Fronten in der
Schweiz bedeutet hätte.
Zum ersten Mal seit 130 Jahren ist ein amtierender
Bundesrat abgewählt worden. Leidtragende war die Justizministerin
Ruth Metzler, deren CVP, obwohl klare Verliererin der
Nationalratswahlen, weiterhin auf einen zweiten Sitz in der
Landesregierung beharrte. Das Festhalten der Christlich-Sozialen
an der Macht, beziehungsweise auf zwei Bundesratssitze, liess sich
jedoch nicht aufrechterhalten. Zwar verlor Metzler nur knapp gegen
Blocher, aber offenbar konnten CVP und die Rats-Linke nicht alle möglichen
Stimmen mobilisieren, um die Wahl Blochers zu verhindern.
Insbesondere die an den Finger einer Hand abzuzählenden Stimmen
der Ultra-Linken im Rat, die traditionell die SPS, die die Wahl
Metzlers unterstütze, als ihren wahren Gegner einstuft, und
teilweise leere Stimmzettel einlegte, fehlten am Schluss, um
Blocher aufzuhalten.
Mit der Wahl des Freisinnigen Hans-Rudolf Merz, der
die parteiinterne Konkurrentin Christine Beerli klar distanzierte,
nimmt ein weiterer wirtschaftsfreundlicher Politiker in der
Regierung, in der nun nur noch eine Frau vertreten ist, Einsitz.
Problemlos vermochten sich, mit Ausnahme Metzlers, die
Bisherigen durchzusetzen, die von der Rechten stark kritisierte
Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (SPS) erzielte hinter ihrem
Parteikollegen Moritz Leuenberger sogar das zweitbeste Resultat.
Die Karten werden neu gemischt
Wie vielerorts befürchtet, ist mit dem Wegfall des
einen CVP-Bundesratssitzes die Mitte in der Landesregierung geschwächt
worden. Die sich früher traditionell ebenfalls zur Mitte
bekennende FDP verliert seit Jahren an Einfluss und Stimmen und rückte
im Sog der Erfolge der SVP immer weiter nach rechts. Mit vier
wirtschaftsfreundlichen Bundesräten haben nun FDP und SVP, die
ausserdem seit Jahren mit ausländer- und europafeindlichen
Parolen Politik machte, die Mehrheit in der siebenköpfigen
Regierung. Die wirtschaftspolitischen Kompetenzen des
Unternehmensberaters und Multi-Verwaltungsrates Hans-Rudolf Merz
sowie des milliardenschweren Unternehmers Christoph Blocher sind
zwar unbestritten, dennoch ist das Unbehagen bei sozialen und
liberalen Kreisen gross, dass die bisher in der Regierung
hochgehaltene Konkordanz, sprich die Fähigkeit des Kollegiums,
gemeinsame Lösungen zu finden, nicht mehr in diesem Umfange
spielen, und dies vor allem zu Lasten der sozial Schwachen und
Alten gehen wird. Ebenfalls befürchtet wird eine Verlangsamung
der Entwicklung in Richtung Europa, wenngleich die Öffnung der EU
bis hin nach Ankara auch in der Bevölkerung, und nicht nur in der
Schweiz, auf immer mehr Skepsis stösst.
Noch offen ist, wie die sieben Ressorts in der
Regierung besetzt werden. Am Sonntag, 14. Dezember, entscheidet
der Gesamt-Bundesrat über die Verteilung der Departemente, und
dabei haben die Bisherigen ein Vortrittsrecht. Die beiden Neuen,
Blocher und Merz, haben bereits angekündigt, dass sie jedes
Departement akzeptieren würden, jedoch auch nicht hinter dem Berg
gehalten, dass sie am liebsten das Volkswirtschafts- oder das
Finanzdepartement übernehmen würden.
Reaktionen der Bevölkerung
Gemäss dem Wahlergebnis vom
19. Oktober polarisiert
sich die politische Schweiz immer mehr. Die Mitte verliert immer
mehr an Einfluss, während auf der rechten und linken Seite des
Parteienspektrums zugelegt wird. Demnach zeigten sich nach der
Wahl vor allem organisierte ArbeitnehmerInnen, Auszubildende oder
Frauen enttäuscht über die Bundesratswahl. Insbesondere bei den
Frauen herrscht, teilweise sogar parteiübergreifend, Unverständnis
darüber, dass nur noch eine Frau in der Regierung vertreten ist.
Vereinzelt gingen in einigen Städten Menschen auf die Strasse, um
gegen die neue Zusammensetzung des Bundesrats zu demonstrieren.
Insgesamt herrscht aber die Meinung, dass nun zuerst
abgewartet werden muss, wie sich die «neue Zauberformel» auf die
Politik der Regierung auswirken wird, und viele Skeptiker hoffen
zumindest, dass sich durch die Einbindung Christoph Blochers in
die Regierung, dessen rabaukenhaften Politstil positiv verändern,
und damit sein in vielen Bereichen rechtes Gedankengut teilweise
relativeren lässt.
snc
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