Franca
Magnani besuchte als Kind mit ihrem Vater, einem italienischen
Immigranten, des öfteren Fussballmatches in der Hard, Zürich.
Ihr gefielen die harmonisch-spielerischen Bewegungen der Italiener
in ihren gut geschnittenen Spielhosen, wie sie in „Wer sich
erinnert, lebt zweimal“ schreibt. Die behäbig rackernden
Schweizer in den zu langen Hosen hingegen verachtete sie. Wenn die
Landsleute dann noch gegen die Schweizer siegten, war Franca
zufrieden.
Heute,
da etliche Afrikaner, Ost- und Südeuropäer (Hakan und Murat
Yakin beim FCB!) ihr Geld mit Fussball verdienen, hätte Franca
Magnani Mühe, für eine nationale Mannschaft Partei zu ergreifen.
Doch die Fragestellungen der Migration und Integration in der
Schweiz sind unverändert.
In
der Nordwestschweiz wohnten im Jahr 1990 95.184 Ausländerinnen
und Ausländer sowie 436.767 Schweizerinnen und Schweizer; in der
ganzen Nordwestschweiz lebten also 531.951 Menschen. 1995 erhöhte
sich der Anteil der Ausländer bis 1998 um 2,5 Prozent, der
schweizerische Anteil ging um 0,1 Prozent zurück. Im ganzen
wohnten in der Nordwestschweiz 1998 546.199 Personen. Die Ausländerquote
macht damit 20,1 Prozent aus. Das die nüchterne Statistik.
Hinter
den Fakten verbergen sich wie eh und jeh Menschen mit Stärken und
Schwächen, Emotionen und Träumen. Max Frisch stellte in einem
seiner Tagebücher fest, die Schweizer Wirtschaft habe Arbeitskräfte
gerufen, „und es kamen Menschen“. Er meinte damit, die
„Gastarbeiter“ aus Italien, Spanien, Griechenland hätten in
den Industriebetrieben Beschäftigung gefunden, was den Zielen der
Arbeitgeber entsprach. Und die Immigranten hätten ihre eigene
Kultur und Identität gleichzeitig mitgenommen, statt sie zurück
zu lassen. Die arbeitenden Ausländer wurden in der Schweizer
Umgebung „auffällig“, eckten mit ihrer Eigenart an.
50
Jahre nach Frischs Tagebuch ist die Situation der ausländischen
Erwerbs- und Wohnbevölkerung gleich und doch anders. Es sind
heute neben den Italienern vorwiegend Ex-Jugoslawen und Türken,
die in der Schweiz Brot und Arbeit suchen. Die Herkunft der
„Gastarbeiter“ hat sich mithin von den nächsten Nachbarländern
etwas nach Osten bzw. Südosten verschoben. Immer noch leben und
äussern sich dagegen die Ausländer getreu ihrer eigenen Kultur
und Identität. Gleich wie in den Fünfzigerjahren trennt oft die
Politik in der Heimat die Emigrantinnen und Emigranten von ihren
Wurzeln. Ohne Wurzeln kann auf die Länge kein Baum gedeihen.
Die
„Fremdenfrage“
Auf
Abstimmungsplakaten und in Zeitungsartikeln wurde das Probelm der
Integration von Immigrantinnen und Immigranten „Fremdenfrage“
genannt. Mit dieser Etikettierung versuchten die Autoren, die
emotionsgeladenen Diskussion zu versachlichen. Bedingt durch die
Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre, gingen die Emigrantenzahlen
gegenüber 1910 wieder zurück. Diese Feststellung trifft sowohl
die Situation in der Schweiz wie im Kanton Baselland und der
ganzen Nordwestschweiz (Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bezirke
Dorneck und Thierstein, Laufental und Fricktal). 1941 betrug die
Emigrantenquote im Kanton Baselland etwas mehr als 5 Prozent. In
Basel-Stadt erhöhte sie sich derweilen auf 37 Prozent der
Gesamtbevölkerung. Der Boom der Fünfziger- und Sechzigerjahre
lockte erneut sehr viele erwerbstätige Emigrantinnen und
Emigranten an. Bis ins Jahr 1970 kletterte die Ausländerquote
hoch bis auf fast 19 Prozent der Bevölkerung. „Überfremdung“
beherrschte die öffentliche Diskussion.
Die
„Schwarzenbach-Initiative“
In
den Siebzigerjahren schwappte eine Woge des Fremdenhasses über
die Schweiz, Sie war eine Folge des raschen Gesellschaftswandels,
welcher sich in der Hochkonjunktur der späten Sechzigerjahre
vollzog. Neue Phänomene wie zum Beispiel Wohnungsnot, Teuerung, Lücken
im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in der Infrastruktur
akzentuierten sich so stark, dass die Phänomene der zunehmenden
ausländischen Bevölkerung angelastet wurden. Dieser Mechanismus
ist den Psychologen als Projektion bekannt, aber das konnte
Stimmungsmacher gegen die Integration nicht hindern,
vereinfachende Rezepte gegen die „Überfremdung“
breitzuschlagen.
Das
Volksbegehren (Initiative) gegen die Überfremdung von Volk und
Heimat („Schwarzenbach-Initiative“) wurde am 6./7. Juni 1970
an der Urne entschieden: Mit 54 Prozent Nein- zu 46 Prozent
Ja-Stimmen lehnten die Schweizer Stimmberechtigten diese
Initiative relativ knapp ab. Im Kanton Basel-Landschaft allein
erzielte die Überfremdungsinitiative nur 39,5 Prozent Ja-Stimmen.
Im
Sog der weltweiten Wirtschaftskrise von 1973-1975 nahm der Druck
des Integrationsproblems wieder ab, indem zahlreiche Emigrantinnen
und Emigranten gezwungen waren, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren.
Im Kanton Basel-Landschaft wohnten im Jahr 1980 noch 31.114, das
heisst 7.525 Personen weniger hier als 1970. Die
„Gastarbeiter“ hatten ihre Pflicht getan, sie mussten wieder
gehen. Die Wirtschaftspublizistik nennt so etwas
„Konjunkturpuffer“.
Status
des Saisonniers geschaffen
Immerhin
reagierte die Politik: Der Bundesrat erliess eine Verordnung zur
sogenannten Kontingentierung der Ausländerbestände. Bis heute
legt das Bundesamt für Justiz und Polizei jährliche Höchstzahlen
für Saisonbewilligungen und erstmalige Jahresbewilligungen fest.
Diese Kategorien betreffen jedoch nicht die Asylbewerberströme,
das heisst, die zahlreichen Flüchtlinge aus Krisengebieten in der
Ex-Republik Jugoslawien, in Albanien und vor allem Westafrika.
Diese Asylanten reisen in die Schweiz ein, ohne im Besitz einer
Arbeitsbewilligung zu sein. Die Schweiz, von der Tradition her
Aufnahmeland für Flüchtlinge, tut sich immer noch schwer, ihrem
Ruf gerecht zu werden.