|

25.000
'altermondistes' haben sich vom 15 bis zum 17 Oktober in London
getroffen
Die vielfältigen
Debaten des Europäischen Sozialforums
Man hat viel geschrieben über die Heterogenität,
das Folklore und die Farbenpracht der Sozialenforen, über die vielen
verschiedenen Ideologien, die sich zusammentun, um gegen
Neoliberalismus, Krieg und Rassismus zu kämpfen. Andererseits, bei den
Inhalten, geht es nur darum, die Schlussdemo zu beschreiben und ein paar
Zeilen der Schlusserklärung vorzustellen. Aber, dies ist nicht ein
Sozialforum, dies ist nur eine oberflächliche Schilderung von dem, was
da eigentlich passiert. Die Essenz der Sozialenforen liegt in den
Debatten. Es ist in den Diskussionen über Themen wie Krieg im Irak, die
EU als Alternative zum US Imperialismus, die Einführung der Tobin Taxe,
die Attacke des FBIs an Indymedia oder die Integration des Islams im
Westen in denen man wirklich die Komplexität und die verschiedenen
Fronten in den europäischen Sozialbewegungen erfassen kann.
snc special
Beitrag und Fotos: Miguel Otero
LONDON. Wenn ich erzähle, dass ich beim
Europäischen Sozialforum (ESF) sein werde oder gewesen bin, dann fragen
mich meistens die Leute: "Ja, aber was ist das ESF?" Und ich
antworte ihnen: "das ESF ist ein Treffen, das alle sozialen
Bewegungen zusammenbringt, die mit der gegenwärtigen Politik nicht
zufrieden sind". Aber, gleich danach, fragen sie mich weiter:
"Ja, na gut, aber was machen sie eigentlich da beim ESF?" Und
meine Antwort lautet dann folgendermassen…
In London, vom 15. bis zum 17. Oktober, haben sich, nach
Zahlen der Organisation, ungefähr 25.000 'altermondistes'
zusammengetroffen. Das heisst: 25.000 Aktivisten, die überzeugt sind,
dass "eine andere Welt ist möglich". Auch wenn viele
Debatten, Seminare und Workshops in der Innenstadt stattfanden, der
Mittelpunkt des diesjährigen ESF war der Alexandra Palace, der sich
nördlich, ausserhalb der City befindet. Dieses Kongresszentrum hat in
seinen neubarocken Sälen die meisten Plenaries und Debatten
aufgenommen. Die riesigen Säle wurden durch Mobilwände getrennt und in
jeder Abteilung fanden dann gleichzeitig die verschiedenen Debatten
statt. Da die Wände so dünn waren, wurde man gleich beim ersten
Schritt in den grossen Raum sofort mit einer Kakophonie von angeheizten
Reden in verschiedenen Sprachen, mit Schreien, Beifällen, Buhs und
Gesängen überflutet … Aber in dieser Art von Chaos, gab es auch
Ordnung. Wenn man sich den Rednern näherte, betrat man jeweils eine
andere Fachkapsel: die Privatisierung der öffentlichen Güter, der
Klimawandel, die migratorischen Bewegungen, das Leben nach dem
Kapitalismus, die Rolle der Frau, die Europäische Verfassung, die
genetisch veränderten Organismen, der Kampf für die Freiheit der Gay
Bewegung…
Der Krieg im Irak
Das erste Problem bei jedem Sozialforum kommt immer
wieder wenn man mit der Vielfalt des Programms konfrontiert wird. Wie
man so schön sagt: Bei der Wahl hat man die Qual. Es gibt so viele
interessante Debatten, dass es schwer fällt sich zu entscheiden, vor
allem wenn man sieht, dass viele der Debatten während der gleichen Zeit
angesetzt sind. Am Ende muss man sich aber entscheiden und das heisst,
wie mir Malte Riechey, ein Aktivist von ATTAC Deutschland, sagte:
"Dass man 'Ja' zu einem einzigen Seminar sagt, aber 'Nein zu all
den anderen". Ich hab mich für die Debatten entschieden, die ich
für mehr interessant fand, der Krieg in Irak unter anderem. Über die
anderen Diskussionen kann ich leider nicht viel sagen, da ich denke,
dass wenn man nicht dort gewesen ist, auch nicht viel zu sagen hat.
Was das Thema Krieg in Irak anbelangt, das wichtigste war
zu wissen wie die Lage auf dem Feld ist. Die Delegierten warteten
gespannt auf Informationen aus erster Hand und wie schon letztes Jahr
der Bericht von Haifa Zangana, von Iraq Occupation Watch, war
haarsträubend. Nach dem, was sie gesehen hat, steht das Land in einem
totalen Chaos. Es gibt keine Wasser und Stromversorgung und die
Besetzungstruppen bombardieren fast täglich Städte wie Faluja, Najaf,
Ramadi, Samarra und viele Gebiete in Bagdad, was weiter die Lage
verschlechtert. In Irak gibt es heutzutage kaum einen Schimmer von
Sicherheit. Seit George W. Bush in Mai 2003 das Ende der militärischen
Operationen im Irak erklärt hat, "sind 250
Universitätsprofessoren gestorben, 100 Ärzte haben das gleiche
Unglück erlitten und um die 1000 Intelektuellen haben schon das Land
verlassen". Im ganzen, schätzt man, "dass seit dem Anfang des
Krieges rund 100.000 irakische Zivilpersonen ums Leben gekommen
sind" und Zagana hat auch den Mythos, dass der Wiederstand aus
nichtirakischen Kämpfer gebildet ist, grundsätzlich zurückgewiesen.
Nach ihren Einschätzungen,sind nur 57 der 5 800 Gefangenen in Irak
Ausländer.
Das beste Beispiel für das Chaos im Irak kommt von der
Komunistischen Partei des Iraks (KPI), die weitgehend im Forum
kritisiert wurde, weil sie mit der Übergangsregierung von Iyad Allawi
zusammenarbeitet. Für viele nur eine Puppe der Vereinigten Staaten. Wie
einige der Mitglieder der KPI, die einen Säkularen Staat in Irak
einrichten wollen, mir erklärten: "Die Lage ist unmenschlich. Auf
einer Seite haben wir die Besatzungstruppen, die uns täglich
bombardieren, und auf der anderen Seite haben wir die islamischen
Fundamentalisten, die einen neuen Talibanstaat im Irak einführen
wollen, und wir sind da in der Mitte. Es ist wie ein Teufelskreis, die
Besatzungstruppen werden nicht weg gehen bis der Wiederstand aufgibt,
und der Wiederstand will nicht aufgeben, bis die amerikanischen Soldaten
das Land verlassen. Dieser Lage, plädieren wir für den Rückzug der
Besatzungskräfte, wenigstens so haben wir ein Problem weniger".
Genau zum Thema Wiederstand führten die meisten der
angeheizten Debatten in der Anti-Kriegsbewegung. Die Aktivisten haben
seit Anfang des Konflikts keine Einverständnis gefunden. Muss man den
Wiederstand verwerfen, weil er gewalttätig ist oder muss man ihn
unterstützen, weil er die einzige Kraft ist, die den Eroberern entgegen
tritt? Nach diesem Sozialforum aber scheint es, dass man eine Art
Konsensus gefunden hat, auch wenn sehr viele Stimmen nicht völlig
einverstanden sind. Die mehrheitliche Meinung könnte man mit den
Wörtern von George Galloway, den Leader der britischen
Anti-Kriegskoalition Respekt, zusammenfassen: "Das wichtigste Ziel
der Bewegung ist der Rückzug der Besatzungstruppen und die einzige
Kraft, die Fortschritte in diesem Bereich erlangt hat, ist der irakische
Wiederstand". Der berühmte philippinische Akademiker Walden Bello
ist damit einverstanden. Für ihn, "wenn man die Geschichte
betrachtet, waren die Taktiken der nationalen Freiheitsbewegungen waren
nie besonders nett. Die französische Resistance hat auch gegen die
Nazis die brutalsten Methoden angewendet, von Ermordungen, Entführungen
und Bombenschachteln, bis zum Einsatz von Selbstmord-Attentätern".
Tariq Ramadan, dagegen, einer der bekanntesten Persönlichkeiten des
islamischen Reformismus in Europa, war moderater in seiner Rede.
"Wir hier sind niemand, um den Irakern zu sagen, wie sie gegen den
Eroberer kämpfen sollen, was wir machen müssen, ist ihnen andere
Mitteln zu zeigen, die genau so effektiv sind wie die Gewalt",
sagte er. Allerdings, die Rednerin, die mehr Beifall provozierte war
Aleida Guevara, die Tochter von Che Guevara, die zur Unterstützung des
Wiederstands das Publikum fragte: "Nie sind die Länder der Ersten
Welt zur Dritten Welt gekommen, um Hilfe für ihre Probleme zu suchen,
wieso müssen dann die Länder der Ersten Welt immer glauben, dass sie
die Probleme der Dritten Welt lösen können?
Nicht alle Delegierten waren aber der gleichen Meinung.
Viele haben sich geweigert, sich einfach blind hinter dem gewalttätigen
irakischen Widerstand zu stellen. Lucy Ferguson, zum Beispiel, eine
unabhängige Delegierte, sagte empört: "Wie kann man bei der
Anti-Kriegsbewegung sein und dann den gewalttätigen Kampf
rechtfertigen?" Ein wenig später, erklärte mir David Adams, ein
englischer Delegierter: "Für die Franzosen und die Deutschen ist
es einfach, den Wiederstand zu unterstützen, die sind ja nicht da im
Irak. Wir aber sind mit den Amerikanern in den Krieg gezogen und sind
jetzt auch teilweise verantwörtlich für das Chaos, das wir da
fabriziert haben. Wir können nicht einfach die Sachen packen und die im
Stich lassen, wir haben eine Verantwortung zu tragen".
Die Europäische Union als Alternative zum
amerikanischen Imperialismus
Eine andere wichtige Debatte beim diesjährigen Forum
galt der Analysie, ob die Europäische Union in Zukunft ein Gegengewicht
zu den Vereinigten Staaten darstellen kann. Das Thema sorgte für
grosses Interesse, nicht nur weil die Beziehungen zwischen der Achse
Paris-Berlin und Washington angespannt sind, sondern auch weil in der
Diskussion zwei Schwergewichte der Bewegung sich gegenüberstanden: der
ägyptische Intelektuelle Samir Amin und der britische Politik-Ökonomen
Alex Callinicos. Nach Amins Meinung ist die EU kein Rivale gegenüber
den Vereinigten Staaten, sondern eher ein Partner oder Freund. "Die
neoliberalen wirtschaftlichen Interessen beider Zonen koinzidieren, in
anderen Worten, wir stehen vor einem kollektiven Imperialismus, geführt
von den US wegen ihrer militärischen Überlegenheit, aber auch
finanziert durch Europa, die schlussendlich auch von den politischen
Entscheidungen Washingtons profitiert". Callinicos dagegen ist
nicht einverstanden mit dieser Analyse. Man sollte sich nicht täuschen,
"die EU und die Vereinigten Staaten haben keine gemeinsamen
Interessen, sondern verschiedene kapitalistische Bestrebungen". Die
wirtschaftlichen Spannungen haben schon im Irak angefangen. Da hatten
Frankreich und Deutschland Ölverträge mit Saddam Hussein
abgeschlossen, darum sind sie nicht in den Krieg gezogen. Aber auch in
der WTO sind die Konfrontationen offensichtlich, nach den schwierigen
Verhandlungen über die Stahltarife der Vereinigten Staaten und der
Weigerung Europas, genetisch modifizierte Organe in den Binnenmarkt
hineinzulassen. Der Konflikt liegt jetzt bei den Staatshilfen für den
amerikanischen Flugzeughersteller Boeing, die den europäischen
Hersteller Airbus sehr viele Schmerzen bereiten.
Dieser Argumentationslinie folgten auch Panos Garganas
von der griechischen Anti-Kriegsbewegung, und Lars Steinau, von Agir
contre la Guerre Frankreich. Garganas stellte klar, dass Chirac nicht
aus solidarischen Gründen gegen den Krieg war, sondern weil die
französischen Firmen bereits die Ölverträge für die Zeit nach der
Aufhebung der UN Sanktionen gegen Irak mit Saddam Hussein abgeschlossen
hatten. Steinau war noch dramatischer in seiner Bewertung. Der Franzose
sagte, dass wir so langsam in einer Phase wie vor dem Ersten und Zweiten
Welt-Krieg hineinrutschen. Die wirtschaftlichen Spannungen werden immer
schärfer und man kann sehen, wie schon "le grand jeu" der
Allianzen angefangen hat. Chirac hat vor kurzem China besucht und ist
zurückgekommen mit der Absicht, die EU zu überzeugen, dass sie das
Waffenembargo gegen das chinesische Regime abheben soll. Kürzlich,
waren auch noch Schroeder und Chirac in Moskau, um mit Putin die
Beziehungen zwischen Russland und der EU zu bekräftigen. Laut Steinau,
während man wartet, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten
sein wird, scheint es so, dass die Europäer erstmals ihre Beziehungen
mit den übrigen Grossmächten festigen wollen.
Im grossen und ganzen, alle Referenten dieser Debate
waren sich in einem einig: Der grösste Feind der Bewegung sind die
imperialistischen Politiken der Neokonservativen im Weissen Haus, aber
Alle lehnten die Idee eines militärischen und wirtschaftlichen
Gegengewicht durch die Europäische Union ab. Wie Samir Amin
zusammenfasste, die Strategie Europas sollte nicht auf der Erweiterung
der wirtschaftlichen und militärischen Kraft abgestützt sein, sondern
auf der politischen Kultur und die historische Erfahrung der Europäer.
"Dies ist es, was Europa von den Vereinigten Staaten unterscheidet.
Die Grundwerte in den Vereinigten Staaten sind die Freiheit und das
Privateigentum, während in Europa sind es die Freiheit und die
Gleichheit. In diesem Sinne, was die Europäer machen müssen, liegt
darin, die Regierungsvertreter aus Washington zu überzeugen, dass sie
mehr ausgleichende Politiken adoptieren müssen. Nur auf dieser Weisse
können wir zukünftige Konflikte vermeiden", sagte der Ägypter.
Die Tobin Steuer - wird ein Traum zur Realität?
In diesem Zusammenhang, ein Vorschlag, der in den letzten
Jahren von Europa gekommen ist, um die Ungleichheiten der Welt zu
verkleinern, ist die Tobin Steuer. Diese reduzierte Taxe auf die
finanziellen Transaktionen, die von Organisationen wie ATTAC
(Association pour une Taxation des Transactions financières pour
l´Aide aux Citoyens), mit mehreren Millionen Mitgliedern auf der,
verlangt wird, hat in den letzten Jahre unglaubliche Fortschritte
erreicht. Noch vor 5 Jahren wurde die Tobin Steuer in wirtschaftlichen
Milieus als eine Utopie bezeichnet und jetzt kann es sein, dass die
Europäische Union sie einführt. Die Freude in diesem Seminar des ESF
war gross. Fabrice Collignon von ATTAC Belgien, zum Beispiel, erzählte
stolz, wie nach sehr harten Auseinandersetzungen, sie es geschafft
hätten, die Tobin Tax ab den 1 Juli 2004 als Landesgesetz einzuführen.
"Nach diesem ersten Sieg", sagte der Belgier, "braucht es
'nur' noch, dass die anderen Länder der Eurozone auch auf den Zug
steigen".
Die Verhandlungen bei Ecofin (der EU Rat, der
Wirtschafts- und Finanz Ministern) sind schon sehr weit voran, mit
Deutschland, Frankreich und selbstverständlich Belgien. "Der
Kurswechsel in Frankreich ist einmalig. Vor ein paar Jahren war es fast
verboten, über die Tobin Taxe zu reden, und jetzt ist ein
Parlamentsbericht, auf Auftrag von Jacques Chirac, veröffentlicht
worden, der die Steuerung von finanziellen Transaktionen
befürwortet", sagte Christoph Ventura von ATTAC Frankreich. Die
guten Nachdichten für ATTAC enden aber nicht hier. In Italien sind
schon 50.000 Unterschriften für die Initiative gesammelt worden und das
Thema wird bald im Parlament gegenwärtig sein. In Spanien hat man das
belgische Gesetz als Modell genommen und alles deutet darauf hin, dass
die neu gewählte linke Regierung das Projekt unterstützen wird. Auch
in der Schweiz befasst sich schon seit einiger Zeit eine
Parlamentskommission mit der Idee, Finanztransaktionen zu steuern,
bemerkte ein Delegierter von ATTAC Schweiz. Zum Schluss, David Hillman,
vom Tobin Tax Network UK, informierte, dass das Thema schon vom
Internationalen Währungsfond aufgenommen wurde und dass nur noch die
Amerikaner sich weigerten, darüber zu reden. "Sogar Gordon Brown
(der britische Wirtschafts- und Finanzminister) hat sich offen gestellt,
neue Formen der Finanzierung der Entwicklungshilfe für die Dritte Welt
zu diskutieren", sagte Hillman, der seine Rede beendete mit dem
Hinweis, dass die Europäischen und weltweiten Sozialforen sicher eine
wichtige Rolle haben für die Erfolge der Tobin Tax Bewegung.
Die FBI Attacke gegen Indymedia
Eine andere Diskussion, die beim ESF für Furore sorgte,
handelte von der Beschlagnahmung durch den FBI von mehreren Festplatten
des alternativen Nachrichtendienstes Indymedia, was für viele
Aktivisten als eine klare Informationszensur verstanden wurde. Am .7
Oktober 2004 beschlagnahmten einige FBI Agenten, ohne Vorwarnung, zwei
Server der Londoner Büros von Rackspace, die amerikanische Firma, die
mehrere Webseiten für Indymedia führt. Sechs Tage danach, am 13.
Oktober kamen dann die beschlagnahmten Server wieder zurück, aber
niemand bei Indymedia weiss, durch wen und weshalb sie konfisziert
wurden. Das FBI hat nur gesagt, dass die richterliche Weisung von einem
dritten, nichtidentifizierten Land käme und dass sie sich auf
Übereinkommen für Rechtshilfe im Falle von internationalen
Terrorismus, Entführungen und Geldwäscherei stützte.
Die Beschlagnahmung der Festplatten liess für sechs
Tage einen Indymedia Radiosender und mehr al 20 Seiten des unabhängigen
Media Netzwerks verstummen. Die Polizeiaktion betraf die Internet Seiten
von Indymedia Ambazonien, Uruguay, Andorra, Polen, Massachusetts, Nice,
Nantes, Lilles, Marseille, Euskal Herria (Baskenland), Liege, Vlaanderen
Ost und West, Antwerpen, Belgrad, Portugal, Prag, Galizien, Italien,
Brasilien, Grossbritannien und Teile Deutschlands. Für David Meieran,
einer der Mitglieder des Netzes, "dies ist eine direkte Attacke
gegen die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit und die
Privatsphäre". Indymedia hat den Verdacht, dass die
Beschlagnahmungsordnung aus Italien oder der Schweiz kam. Die Schweizer
Behörden haben schon rechtliche Aktionen gegen Indymedia wegen der
Berichterstattung beim G8 Gipfel in Evian in 2003 unternommen und die
italienische Staatsanwältin Marina Plazzi hat eine andere Untersuchung
gegen das Netzwerk initiiert unter dem Vorwand von Terrorismus-Verdacht.
Der Islam und der Westen
Die letzte Debatte, die ich besuchen konnte, befasste
sich mit einem Thema, das sehr wichtig ist für die Zukunft unserer
Gesellschaft, nämlich die Integration des Islams in den Westen. Die
Diskussion zog sehr viel Publikum an, da der muslimische Professor aus
Genf Tariq Ramadan mit dabei war, einer der bekanntesten Figuren des
reformistischen Zweiges des Islams in Europa, einem Kontinent, das schon
fast 20 Millionen Muslime beherbergt. Der in der Schweiz aufgewachsene
Akademiker gewann schon am Anfang seiner Rede das Interesse der
Aktivisten, als er erklärte, was der Islam ist. "Der Islam ist
nicht eine Kultur, er ist eine Religion. Es gibt nicht nur eine
islamische Welt, es gibt verschiede Kulturen, die unterschiedlich den
heiligen Text interpretieren. Ich bin von der reformistischen Schule,
die den Koran aus der Gegenwart heraus liest. Wir sind die Mehrheit und
wir interpretieren nicht den Text wortwörtlich, wie es die Radikalen
tun. Was wir machen, ist die Lehren des Korans für die Gesellschaft von
heute zu nutzen". Ramadan verwies auf die multidimensionale
Identität der Muslime in Europa. "Wir als Muslime", sagte er,
"müssen gestehen, dass wir nicht nur eine Kultur haben. Ich bin
ein Muslime, aber ich bin in der Schweiz aufgewachsen, ich verbringe
sehr viel Zeit in Frankreich und das alles bringt einen Einfluss in
meiner Identität, meine Identität wird dadurch multidimensional. Am
Ende unseres Zieles muss es sein, unsere Religion zu bewahren, aber
gleichzeitig auch im Stande zu sein, uns an das neue Umfeld anzupassen
und zu integrieren".
Ramadan hat für diese Wörter sehr viel Beifall
erhalten, aber, wie in fast allen Debatten des ESF, nicht alle waren mit
dem Genfer einverstanden. Ein Kollektiv von Gays und Lesben bezeichnete
Ramadan als ein rückständigen Fundamentalisten, weil er die Ehe nur
zwischen einer Frau und einem Mann versteht. Die Homosexuellen
Delegierten fragten Ramadan, was er in einem progressiven Forum mache,
wenn er nicht einmal die verschiedenen sexuellen Neigungen akzeptierte.
Der Akademiker, ein wenig angerötet, antwortete mit folgenden Worten:
"Da kann ich nur eins sagen, der Koran anerkennt nicht die Paare
desselben Geschlechts, das ist mal klar, aber als vor kurzem die
ägyptische Polizei 20 Homosexuelle festnahm, da hab ich ausdrücklich
gesagt, dass dies Falsch sei". Gerade dieses Ereignis zeigt sehr
schön, was das Europäische Sozialforum ist: Hunderte von Bewegungen
mit verschieden Ideologien die zusammenstossen, aber die durch den
Dialog und die Diskussion sich besser kennen lernen und sogar gemeinsame
Wege finden.
|