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Die
Dimension des Europäischen Sozial Forums
Wenn
man vom Sozial Forum in Porto Alegre oder von den europäischen
sozial Forums redet, da taucht gleich eine Frage auf: Was ist
denn eigentlich so ein sozial Forum? Gleich danach kommt dann
eine zweite Frage: Aber, bewierken sie überhaupt etwas? Die
Antwort zur ersten Frage ist einfach. Die regionale und globale
Sozialbewegung braucht einen Raum, vom dem aus sie Einfluss
nehmen kann und wo sie Ideen austauschen kann. Dazu sind
die Forums da. Die zweite Frage wurde vor kurzem von der
einflussreichen wirtschaftlichen Zeitung The Financial Times beantwortet:
„Heutzutage gibt es zwei Möglichkeiten die Welt zu verstehen.
So wie es George Bush tut, oder so wie es die
globalisierungskritische Bewegung vorschlägt“.
snc
miguel
otero
fotos:
malte riechey
MANCHESTER.
Die Antiglobalisierungs-, oder besser, die
globalisierungskritische Bewegung hat grosse organisatorische
und aktionsreiche Fortschritte gemacht, seit dem kalten November
von 1999, als sie sich mit den massiven Protesten in Seattle
gegen die Verhandlungen der WTO (World Trade Organization) zum
ersten mal der Öffentlichkeit gezeigt hat. Vier Jahren ist das
her und dazwischen liegen die Mobilisierungen von Washington,
Melbourne, Prag, Nice, Genova, Evian, Cancún, und vorallem
Porto Alegre, Florenz und, vor ein paar Wochen, Paris.
Die
Bewegung, deren Kernsatz „Eine andere Welt ist möglich“ ist,
hat sich so stark gemacht, dass sie jetzt internationale Gipfeln
organisieren kann wie der von Porto Alegre, mit 100.000
Teilnehmern, oder der letzte von Paris, als sich im II Europäischen
Sozial Forum 50.000 Aktivisten getroffen haben. In Paris, nur um
ein paar Zahlen zu nennen, wurden 55 grosse Debatten durchgeführt,
250 Seminare, über hundert Workshops, andere hundert kulturelle
Projekte, es wurden 40.000 Mahlzeiten angeboten, die Organisation
hat 16.000 kostenlose Unterkünfte bereit gestellt, 2.000 Freiwilige
haben da gerarbeitet, 1.200 Übersetzer und 600 Künstler waren
vorhanden und man hat 30.000 Kopfhörer benötigt, um in die 15
Sprachen des Forums zu übersetzen, darunter albanisch, baskisch,
katalanisch, kurdisch und flemisch.
Während
den drei Tagen des Forums haben Aktivisten verschiedenster
Ideologien, Nationalitäten, Altersstufen, Rassen, Geschlechter
und soziale Klassen zusammen gelebt. Von Schwedischen Ökostudenten
von der Antiatom- Bewegung, italiänischen Universitätsprofessoren,
Mitgliedern von ATTAC, englischen Gewerkschaftlern, linken
„abertzales“ vom Baskenland, deutsche Feministinnen, radikalen
dänischen Marxisten, arabische Gruppen, die für die Freiheit Palästinas
kämpfen, Agrar Kooperativisten aus Frankreich bis, und das ist
vielleicht die wichtigste Sozialgruppe, zu den „ohne“,
die ohne Papiere, ohne Dach, ohne Arbeit, ohne Land...
Die
Frage, die man sich stellt, ist: wieso kommen alle diese total
verschiedene Leute zusammen? Gustave Massiah Präsident von CRID
(Centre for Research, Information and Development) aus Paris hat
vielleicht die Antwort. „Alle diese Leute sind hier, weil sie
sehen, dass das neoliberale Modell, das heute existiert, gegen
viele Grundrechte verstösst, wie zum Beispiel das Recht auf
Information, auf gute Arbeitsbedingungen, auf einen Wohnort, auf
Gesundheit und soziale Dienstleistungen, und das wichtigste, das
Recht auf politisches Mitreden“. Wir sehen also, dass die Kraft
dieser vielfältigen Bewegung auf einem gemeinsamen Gegner beruht.
Und dieser Gegner ist der Kapitalismus und seine Ideologie, das
„Einbahn-Denken“.
Die
Forums sind also dazu da, um Alternativen zu diesem System zu
finden. Um Ideen und Erfahrungen auszutauschen, um Vorschläge
anzubieten und Aktionen zu koordinieren, die zu mehr
Gerechtigkeit, Humanitarismus und Gleichheit in Europa führen.
„Um eine Europa zu gestalten“, nach Worten von Mireille
Mendes-France von der Organisation des Forums, „das nicht Sie
wollen, sondern das, dass wir wollen“.
Europa
im Zentrum der Debatten
Die
Europäische Union „kassierte“ sehr viele Kritiken vom Europäischen
Sozial Forum. Die Teilnehmer an den Debatten beschwären sich,
dass die Privatisierungen, die in fast allen Gebieten
durchgenommen worden sind, gar nicht die Dienstleistungen
verbessert haben. „Die Marktwirtschaft der Europäischen Union
ist so destruktiv, dass sie den Wohlstandstaat, für den ältere
Generationen so hart gekämft haben, zerbröckelt hat“, sagte
Susan George mitgründerin und zurzeit vizepräsidentin von ATTAC.
Chris Nineham, von Global Resistance, war sogar noch klarer:
„Die Lebenserwartungen in England sind dramatisch gefallen in
den letzten zehn Jahren. Wir ähneln uns immer wie mehr den
Vereinigten Staaten, dort sind die Armutszahlen heute höher als
noch 1965“.
Die
Redner haben nicht nur die neoliberale Politik der EU kritisiert,
sondern auch die nichtvorhandene Transparenz und der Sekretismus
der Institutionen. Das sieht man, besser als niergendswo, im modus
operandi von Pascal Lamy, den Handelskomissar für die WTO
Verhandlungen, oder auch beim Entwurf der zukünftigen Verfassung,
also der Carta Magna der Europäischen Union. Yves Salesse,
Jurist der Fodation Copernic aus Frankreich erklärte, dass „bei
der redaktion der Verfassung, der Einfluss der rechten Ideologie
sehr hoch sei“. Salesse ging noch weiter: „Der Druck der
wirtschaftlichen und militärischen Lobbies ist unglaublich stark
und es kann sogar sein, dass Aznar, Präsident von Spanien, das
Konzept Christianismus in der Verfassung einführt“. Die
Teilnehmer am Forum zeigten grosse Sorgen, was die zukünftige
Verfassung anbelangt. Wie Celina Pereda andeutete, von der
baskischen Organisation Monduko Medikuak, „es kann doch nicht
sein, dass ein paar Leute, hinter geschlossenen Türen, das
wichtigste Gesetz für die nächsten 50 oder 100 Jahren
bestimmen“.
Lage
im Irak
In
Paris haben sich auch die verschiedenen etnischen Gruppierung des
Iraks getroffen. Die Situation in ihrem Land ist sehr heikel,
nachdem was sie erzählt haben. Jawad Mehdi, Delegierter der
Shiishen Minderheit in Baghdad, betonte, dass „die
amerikanischen Bomben viele der Juwelen, der mesopotamischen
Zivilisation zerstört haben, die US Soldaten verletzen andauernd
die Menschenrechte, es gibt unrechtfertigte Ermordungen,
Hauskontrollen, Verhaftungen (...) Mehdi hat sich sogar getraut
Datum, Orte und Namen von Frauen zu geben, die „durch
amerikanische Soldaten vergewaltigt worden sind“. Mokshan
Shaabut, Sprecher von mehreren irakischen Gruppierungen, sagte,
dass sich nichts geändert habe seit Saddam Husseins untergang.
„Wir bleiben ausgebeutet, unsere Naturresourcen werden
ausgebeutet und man wirft weiterhin Intellektuelle in den
Zellen“, rief er aus.
Nihad
Ackhami von der Kommunistischen Partei des Iraks hat, genau so wie
die meisten seiner Landsleuten, den gewalttätigen Kampf seines
Volkes gegen die Eroberer rechtfertigt. Ackhami hat nur die
Attacken gegen das Rote Kreuz, die UNO und die Zivilisten
verurteilt. „Wir werden weiterhin gegen die anglo-amerikanische
Besetzung kämpfen, bis der Tag kommt in dem das irakische Volk
seine Souveranität erlangt und es eine gerechte Verteilung der
Macht zwischen den einzelnen Minderheiten des Landes gibt“, bestätigte
er.
Die
shockierenden Kommentare kamen jedoch von Eman Ahmed Khammas von
Baghdads International Observation Centre, als sie erklärte, dass
„es zurzeit viele amerikanische Gefängisse in der irakischen Wüste
gibt, die voll mit Gefangenen ohne jegliche Anklagen sind und in
denen die Menschenrechte noch mehr verletzt werden, als in
Guantanamo“. Khammas sagte auch, dass im Flughafen von Baghdad
in den letzten vier Tagen der Kämpfe zwischen amerikanischen und
Saddam Husseins Soldaten seien unheimliche Sachen passiert. „In
den Krankenhäusern kamen verletzte irakische Soldaten an, die
Verbrenungen hatten, die selbst die Ärzte nicht erklären
konnten“, sagte Khammas, „die Soldaten berichteten, dass, als
sie in den Panzern waren, eine Wärmewelle sie geschlagen hätte
und die Verbrenungen brachte, verblüfend war aber die Tatsache,
dass die Panzern ohne jeglichen Kratzer davon kamen“. Für Eman
Khammas, diese Beispiele bringen den Verdacht, dass „die
amerikanische Armee neu Waffen in den letzten Tage der Kämpfe benützt
hat.“ Khammas hat der Internationalen Gemeinschaft gebeten diese
Fälle durchzuforschen.
Wie
weiter nach Cancun?
Der
Abbruch der WTO Verhandlungen in Cancun, als die Gruppe der 21
Nicht-Industrialisierten-Länder, mit China und Brasilien an der
Front, sich gegen den Druck der USA und der Europäischen Union
wiedersetzt hat, war für die globalisierungskritische Bewegung
ein totaler Erfolg. Jedoch, nach Worten von Sergio Haddad von
ABONG, Verband der das Porto Alegre Forum mitorganisiert, „man
hat nur eine Schlacht gewonnen, aber man muss noch sehr viel
tun“. Die nächsten Gefahren lauern hinter den
Bilateralenabkommen, die die reichen Länder durch ekönomischen
Druck durchsetzen wollen. Auch wenn man dazu sagen muss, dass die
Bilateralenabkommen nichts neues sind. „Der Druck, der
neoliberalen Interessen ist in allen Ebenen zu spüren, regional,
national und global“, argumentierte Elin Kwa vom Centre of
International Studies in Southeast Asia. Kwa warnte auch, dass der
nächste Feind die „Singapur Issues“ sein werden, weil sie, im
Verhältniss zum Staat, noch mehr Rechte den Konzernen geben.
Chris
Nineham von Global Resistance London war vielleicht die
progressistische Stimme in der Debatte, als er sagte, dass die
Bewegung einen qualitativen Schritt machen muss. „Wir müssen
aus der Kritik Fase rauskommen und anfangen zu planifizieren, wir
müssen konkrete Alternativen zum neoliberalen Modell finden. Die
Schullehrer und dieUniversitätsprofessoren, die Arbeitern in den
Fabriken, sowie die Krankenschwestern und Ärzte in den Krakenhäusern
müssen anfangen ihre Arbeit anders zu organisieren“, erklärte
der britte. Auf der anderen Seite, Susan George hat die aktuelle
Kampagne von ATTAC Frankreich beschrieben, die darin besteht bei
den einzelnen Gemeinden Druck auszuüben damit sie ein Gesuch für
ein GATS (General Agreement on Trade in Services) Moratorium
unterschreiben. „Bis jetzt sind es schon 200, wir wollen aber
bis Tausend kommen, die Gemeinden, die das Moratorium für den
Stopp der Verhandlungen für die privatisierung von
Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit oder Wassser
unterschrieben haben“, spezifizierte George, die den Delegierten
gebeten hat diese Initiative in ihren jeweiligen Ländern weiter
zu führen.
Schlusswort
Das
waren jetzt nur ein paar von den Themen, die im Europäischen
Sozial Forum diskutiert wurden. Man muss aber nicht vergessen,
dass in den drei Tagen hunderte und hunderte Veranstaltungen
stattfanden. In den Seminaren gab es zum Beispiel grosse
Unterschiede zwischen den zwei grossen Blöcken der
globalisierungskritischen Bewegung. Zum einen, gibt es da den
moderaten Flügel, mit Organisationen wie ATTAC, der für einen
mehr menschlichen kapitalistischen System kämpft und auf der
anderen Seite steht der radikalerer Block, der durch
marxistischen, kommunistischen, anarkistischen und trotskistischen
Gruppierungen formiert ist. Ein Block, der den Ausgang aus der
kapitalistischen Sackgasse durch die Revolution versteht.
Wir
können aber nicht andere Kämpfe und Probleme auf die Seite
lassen. Beispielsweise die Palestina Frage, die baskische Frage,
Westsahara, Chechenien, die schlechte Arbeitsumstände, der
Kollaps der Sozialdemokratie, die Möglichkeit der
Umweltfreundlichen Landwirtschaft, die Konzentration der Medien,
die Rentenreform, die Legalisierung der Drogen, die Gefahren des
razismus und antisemitismus, die Rechte der Kinder, der Frauen,
der Zuwanderer, der Behinderten, der Homosexuälen und, und,
und... Das Integrationsproblem stand auch unter grosser Debatte,
vor allem in ein Land wie Frankreich, das seit Jahrzenten so viele
muslime beherbergt und in dem die Frauen keinen Kopftuch in den öffentlichen
Gebaunden tragen können.
Die
Schlusserklärung des Sozial Forums ist vorallem kritisch mit dem
Entwurf der Europäische Union Verfassung. Die Organisationen des
Forums von Paris glauben, dass dieser Entwurf
„den Wirtschaftsliberalismus als offizielle Doktrin der
EU erhebt. Er schreibt das Konkurrenzprinzip als Grundlage des
europäischen Gemeinschaftsrecht, befördert eine Militarisierung
der Union und schliesslich hält er die Sozialpolitik im Status
eines füften Rads am Wagen
eines europäischen Aufbaus, der sich auf das Primat des Marktes
gründet, und besiegelt de facto die bereits vorgesehene
Zerschlagung der öffentlichen Dienste”.
Die
soziale Bewegung, so die Schlusserklärung, wird weiter für ein
„solidarisches und nachhaltiges Europa ohne Arbeitslosigkeit“
kämpfen. „Ein Europa,
das zur Welt hin offen ist, das allen die Freizügigkeit erlaubt,
das allen hier lebenden Ausländern das Aufenthaltsrecht
und Bürgerrechte zuerkennt und das Asylrecht anerkennt; auf ein
Europa, das eine tatsächliche Gleichheit zwischen Männern und
Frauen verwirklicht, das die kulturelle Vielfalt fördert sowie
das Recht der Bevölkerungen auf Selbstbestimmung, das heißt das
Recht, auf demokratische Weise über die eigene Zukunft zu
entscheiden“.
Das
pariser Sozial Forum richtet zudem einen Anruf an die Bevolkerung
Europas, damit sie sich gegen das neoliberale Modell und den Krieg
mobilisiert. Am 20. März 2004, dieser Datum wurde von der
amerikanischen Antikriegsbewegung gesetzt, werden
Grossdemonstrationen für den Ruckzug der amerikanischen und
israelischen Soldaten aus Irak und den besetzten Gebieten
Palestinas stattfinden und am 9. Mai 2004, Tag der Ratifizierung
der EU Verfassung, will die Bewegung, in mitarbeit mit den grossen
Gewerkschaften, den Politikern zeigen, dass dies nicht ist „das
Europa, das wir wollen“.
Sozialforum
2004/London
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