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Im Kindergarten Erlenstrasse

sprechen die Kinder Hochdeutsch

Haben fremdsprachige Kinder in der Schule mehr Erfolg, wenn sie schon im Kindergarten Hochdeutsch lernen? Das wissenschaftlich begleitete Projekt «Standardsprache im Kindergarten» soll Antworten auf diese Frage bringen. Es läuft seit über einem Jahr in vier baselstädischen Kindergarten. Die bisherigen Erfahrungen sind Positiv.

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dossier: beate kogon - özcan gümüs

sevim civil - özen aytac

fotos: nuriye polat - nesrin okumus

«Komisch», antwortet Rianne auf die Frage, wie sie es findet, im Kindergarten immer Hochdeutsch zu sprechen. Rianne Eigenheer besucht den Kindergarten Erlenstrasse in Kleinbasel, der am Pilotprojekt «Standardsprache an Basler Kindergärten» teilnimmt.

Als Schweizerin gehört Rianne zu einer Minderheit in dieser Klasse; die meisten Mädchen und Buben sind Kinder eingewanderter Menschen. Bei dem Schulversuch geht es darum, zu klären, ob es sich auf die Schulkarriere vor allem von fremdsprachigen, aber auch von Schweizer Kindern günstig auswirkt, wenn sie schon im Kindergarten statt erst in der Primarschule Hochdeutsch lernen. Der Versuch wurde zu Beginn des Schuljahres 2001/2002 gestartet und ist auf vier Jahre angelegt. Beteiligt sind vier Kindergärten mit einem Anteil fremdsprachiger Kinder, der um die 90 Prozent liegt.

In zwei der vier Kindergärten (Erlenstrasse und Elsässerstrasse) sprechen die Lehrkräfte ausschliesslich Hochdeutsch, in der Sprachwissenschaft auch Standardsprache genannt. Als Vergleichsgruppe dienen zwei Kindergärten (Bläsiring und Kandererstrasse), in denen weiterhin in Mundart unterrichtet wird.

Die Entwicklung der Sprachkenntnisse der Kinder wird während der zwei Jahre im Kindergarten beobachtet, danach weiter während der ersten zwei Primarschul-Jahre. Die Rektorate der Basler Kindergärten und Primarschulen arbeiten bei dieser Untersuchung eng zusammen.

Zwei neue Sprachen in vier Jahren - eine Überforderung

Angeregt hatten das Projekt Corina Erzinger und Claudia Dürr, Kindergärtnerinnen im Kindergarten Erlenstrasse. Im August 1999 stellten sie beim Rektorat Kindergärten Basel den Antrag, vom neuen Schuljahr an auf Hochdeutsch unterrichten zu dürfen.

Der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war, dass die Kinder, die im Sommer 2000 bei ihnen eintreten würden, alle fremdsprachig sein würden. Die Mädchen und Buben hätten alle innerhalb von vier Jahren zwei neue Sprachen lernen müssen: zuerst den Dialekt im Kindergarten, denn die mei-sten fremdsprachigen Kinder sprechen bis zum Eintritt in den Kindergarten nur ihre Herkunftssprache, danach in der Schule Hochdeutsch. Das, zeigt die Erfahrung, ist für viele fremdsprachige Kinder eine Überforderung. Drei weitere Beweggründe führten zu dem Antrag der beiden Lehrerinnen:

• Schweizer und Schweizerinnen sprechen meist langsamer und deutlicher, wenn sie Hochdeutsch reden; die Kinder verstehen sie dadurch besser.

• Die unterschiedlichen Dialekte auf engstem Raum bedeuten für Fremdsprachige eine enorme Schwierigkeit und einen grossen Verständnisverlust.

• Fremdsprachige verstehen die Standardsprache viel schneller als Mundart und lernen sie deshalb auch schneller, obwohl man sie in der Schweiz selten hört.

Fremdsprachige Kinder sind benachteiligt

Das Rektorat begrüsste die Idee der beiden Kindergärtnerinnen und liess den Versuch vom Sommer 2001 an wissenschaftlich begleiten. Mit dem Projekt wird ein Teil des kantonalen Integrationsleitbildes umgesetzt. Die wissenschaftliche Leitung des Projekts übernahm Mathilde Gyger, Dozentin am Seminar in Liestal und am Institut für Spezielle Pädagogik ISP der Uni Basel.

«An sich soll der Dialektunterricht im Kindergarten die Integration in die Klasse und in das alltägliche Umfeld erleichtern», beschreibt Mathilde Gyger die Ausgangslage. «Wenn allerdings weder die anderen Kinder in der Klasse noch das Umfeld der Kinder deutschsprachig ist und das Hochdeutsche bei Schuleintritt zum Mass aller Dinge wird, fragt es sich, ob die wertvolle Zeit im Kindergarten mit dem Mundartunterricht wirklich gut genutzt ist.»

Bildungsstatistiken zeigen, dass fremdsprachige Kinder gegenüber deutschsprachigen in der Schule im Nachteil sind. Deutschsprachige Kinder haben, führt Gyger aus, bei Schuleintritt bereits ein Gefühl für die Unterschiede zwischen Dialekt und Standardsprache entwickelt. Sie sind durch die Medien mit dem Hochdeutschen vertraut und setzen sie im Rollenspiel gerne ein.

Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, haben hingegen im Vorschulalter weitaus geringere Chancen, die Standardsprache selbst zu entdecken und zu erwerben. Sie erfahren sie in erster Linie als Schulsprache beziehungsweise als Sprache der Autorität; sie ist bei ihnen daher nicht sehr beliebt.

Da sich die meisten fremdsprachigen Schulkinder in der Mundart als Alltagssprache verständigen können, fehlt ihnen die existenzielle Motivation, sich in der Schule mit den Feinheiten der Standardsprache mehr als unbedingt notwendig abzugeben. Viele fremdsprachige Kinder entwickeln daher eine Mischsprache aus Hochdeutsch und Dialekt und bleiben bis zum Abschluss ihrer Schulzeit sprachlich sehr unsicher.

Sprachliche Unsicherheit: Nachteile für gesamte Lernentwicklung

«Diese Unsicherheit hat einen nachteiligen Effekt auf die gesamte Sprach- und Lernentwicklung», betont Mathilde Gyger. Schon seit rund einem Jahrzehnt stelle man sich die Frage, ob es nicht besser sei, in Kindergartenklassen mit mehrheitlich Fremdsprachigen auf Hochdeutsch zu unterrichten. «Der Kindergarten lässt einen frühen Zugang zur Standardsprache in einem spielerischen Rahmen und ohne Druck zu»,  so Gyger. «In diesem Alter lernen Kinder ausserdem besonders leicht Sprachen.»

Im Jahr 2005 soll eine sprachwissenschaftlich fundierte Auswertung des Pilotprojekts vorliegen, die es ermöglicht, die Vor- und Nachteile eines Hochdeutsch geführten Unterrichts im Kindergarten abzuschätzen. Das Ergebnis wird den Behörden als Grundlage für die Entscheidung dienen, ob in den Basler Kindergärten generell in Standardsprache unterrichtet werden soll.

Lehrerinnen und Eltern sind nach dem ersten Jahr zufrieden

«Nach dem ersten Projektjahr kann ein positives Fazit gezogen werden», stellen Corina Erzinger und Claudia Dürr fest, Kindergärtnerinnen am Kindergarten Erlenstrasse. Alle Eltern begrüssen den Schulversuch. Einzelne Mütter und Väter zeigten sich überaus glücklich darüber, dass ihre Kinder Standardsprache lernen, weil diese eine solidere Basis sei als der Dialekt.

Die Kinder lernten rasch: Nach durchschnittlich 14 Tagen nach dem Start im Sommer 2001 sprachen sie bereits erste Worte, nach den Herbstferien erste kurze Wortketten und Sätze aus den allgemeinen Ritualen, nach den Weihnachtsferien selbst formulierte Wortketten oder einfache Sätze, nach der Fasnacht längere Sätze, und seit dem Frühjahr reden die Kinder sehr lebhaft in allen Spielsituationen auf Hochdeutsch miteinander.

Das Ungewohnte bereitete zuerst Mühe

«Kinder sind in diesem Alter sehr begeisterungsfähig und kennen die negativen Gefühle nicht, die viele Erwachsene dem Hochdeutschen gegenüber empfinden», erläutert Corina Erzinger die schnellen Fortschritte der Mädchen und Buben. Die erhobenen Daten seien reichhaltig und stellten eine gute Basis für die Weiterarbeit dar.Der Anfang war für die beiden Kindergärtnerinnen nicht ganz leicht. «Das Kommunizieren in Standardsprache war auch für uns ungewohnt», berichtet Claudia Dürr. «Eine gewisse Spontaneität ging zunächst verloren.» In  Situationen, in denen Gefühle im Vordergrund standen – etwa beim Trösten oder Schimpfen –, sei es manchmal schwierig gewesen, gleich die passenden Worte in Standardsprache zu finden.

Mit der Zeit verschwanden die Hemmungen

«Wir waren aber von der Richtigkeit unseres Projektes überzeugt, und da wir in emotionalen Situationen durch unser gesamtes Verhalten und nicht nur durch die Sprache miteinander umgehen, verschwanden die Hemmungen rasch», ergänzt Corina Erzinger. Mit der täglichen Übung wurde diese Unterrichtsform für die beiden Lehrerinnen allmählich Alltag. Der  Erfolg des Projekts, so meinen beide, sei nicht zuletzt durch die gute Zusammenarbeit zwischen den beiden beteiligten Rektoraten, den Lehrkräften und allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen möglich geworden.

Interview mit Mathilde Gyger >>>

interview mit frau eigenherr

„Ich sah ein, dass Rianne gut auf die

Primarschule vorbereitet wird“

Frau Eigenherr, Mutter von Rianne, war am Anfang vom Pilotprojekt nicht begeistert. Doch mit der Zeit erkannte sie die Vorteile für die Kinder, auch für ihre Schweizerdeutsch sprechende Tochter.

Was sagen Sie als Schweizer Mutter dazu, dass im Kindergarten Hochdeutsch gesprochen wird?

Zuerst war ich damit überhaupt nicht einverstanden; doch dann sah ich ein, dass dies eine gute Vorbereitung für die Primarschule ist und dass Hochdeutsch sowieso früher oder später gelernt wird.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie für Ihr Kind?

Der Nachteil ist, dass mein Kind sich auch emotional umstellen muss, denn auch die Begrüssungen, das Trösten und sogar die Scherze finden auf Hochdeutsch statt. Das empfinde ich als extrem. Der Vorteil ist sicher die bessere Vorbereitung für die Schule, wo diese Sprache beherrscht werden muss. Die Kinder in diesem Kindergarten kommen auch in dieselbe Primarschulklasse, da ist es von Vorteil, wenn alle gleich gut vorbereitet sind. Für Kinder von Migranten ist der Versuch eine einmalige Sache. Er ist auf jeden Fall unterstützenswert.

Was denken Sie, wie die Umstellung für Ihr Kind ist?

Rianne traut sich nicht so recht, im Kindergarten zu sprechen, sie ist zurückhaltender. Sie findet es komisch, auf Hochdeutsch zu reden. Ich denke, dass durch die neue Situation das Spielerische zu kurz kommt. Rianne vermag aber im Allgemeinen gut zu trennen zwischen Hoch- und Schweizerdeutsch. Hin und wieder kommt es vor, dass sie zu Hause plötzlich Hochdeutsch spricht.

Hat man Befürchtungen als Schweizer Familie, dass das Kind die Muttersprache, das Schweizerdeutsche,  verlernt oder sich nicht mehr damit identifizieren kann?

Am Anfang hatte ich solche Befürchtungen, denn natürlich möchte ich, dass mein Kind mit dem Schweizerdeutschen vertraut ist. Doch ich sehe nun, dass es nicht schwierig ist, zwischen der Mutter- und der Fremdsprache eine Linie zu ziehen.

Sind Sie um Ihre Meinung gefragt worden, als man dieses Projekt starten wollte?

Die Eltern sind über den Schulversuch orientiert worden. Nein, nach unseren Meinungen wurde nicht gefragt, erst im Nachhinein.

Wie ist das Verhältnis zwischen Lehrkraft und Eltern? Besteht eine Zusammenarbeit?

Ja, es gibt Elternabende. Wir werden über die Entwicklung unserer Kinder orientiert. Eine gemeinsame Planung zwischen Lehrerinnen und Eltern existiert jedoch nicht.