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Tatort Stadion

Die Welt des Sports ist uns bekannt als fair, zusammenführend und fördernd. Siege werden gefeiert, Niederlagen bedauert. Nicht nur die aktiven Sportler erleben diese Gefühlsausbrüche.

Nein auch die Zuschauer sind mit vollem Elan dabei. Fussball ist wohl die Sportart, die am meisten verfolgt wird, sei es vor dem Bildschirm oder im Stadion. Was passiert aber, wenn der Fussball für gewalttätige Aktionen genutzt wird? Was ist, wenn Rassismus, Gewalt und Diskriminierung in den Stadien ausgelebt werden. Und das auf eine erschreckende Weise.

snc - özen aytac

Die Littmann Kulturobjekte zeigen in der Ausstellung „Kulturort Stadion“ die Schattenseiten „der schönsten Nebensache der Welt“. Die Atmosphäre in der Ausstellung lässt die Haare zum sträuben bringen. Fussball wird differenziert, in ungewohnter Form und in überraschenden Zusammenhängen aus und zur Diskussion gestellt. Die Plattform, die es ermöglicht, sich konstruktiv mit dem Fussball als einen Stück Alltagskultur und mit den ihn begleitenden Formen von Gewalt, Rassismus und Diskriminierung auseinanderzusetzen, zeigt Fussball als schmalen Grad zwischen fesselnder Emotion und entfesselter Aggression.

Die ungebrochene Faszination des Fussballs und die Kreativität, die er mobilisieren kann, wird als „Kulturort Stadion“ ausgestellt. Kreativität, die man als Phänomen des Erschreckens bezeichnen kann.

Kulturort Stadion ist nicht die erste Ausstellung, die „Littmann Kulturprojekte“ zeigt. Bereits 1982 gab es die Ausstellung „Fussball in der Vitrine“. In dieser Hommage wurden zahlreiche Facetten und Rituale des Kultur- und Massenphänomens Fussball ausgestellt. Der Vergleich macht die heutige Gratwanderung des Fussball zwischen fesselnder Emotion und entfesselter Aggression sicht- und wahrnehmbar.

Eine Minderheit, dies zeigen 20-jährige Beobachtungen der Stadien Europas, benutzt die Fussball-Arena als Plattform für gewalttätige, rassistische und diskriminierende Aktionen. Aber auch beim Fussball sind dies keine Ideologien, sondern Verbrechen. Der Weg vom Kult- zum Tatort ist eröffnet. Es ist nur eine Minderheit, gemessen an den Millionen regelmässig, friedfertigen Fusballgeniessern, die für atmosphärische Störungen sorgten. Die Missstände und der gesellschaftliche Schaden sind aber so gross, dass sie nicht überhört und übergangen werden können.

„Kulturort Stadion“ zeigt, wie Fussball spätestens seit der Tragödie im Heysel-Stadion 1985, bei der 39 Menschen getötet und 487 verletzt wurden, wie seit der Europameisterschaft 1998 in Frankreich, wo ganze Strassenzüge verwüstet wurden und Daniel Nivel beinahe zu Tode geprügelt wurde, seine Unschuld verspielt hat. Es wird aber auch die ungebrochene Änderung der Faszination zu Fussball gezeigt. Wie sie Sammelbecken für Millionen von Menschen ist, die Wochenende für Wochenende mit ihrer Beigeisterungsfähigkeit und ihrer Kreativitätspotenziale die Stadien zum Kunst- und Kultort zurückverwandeln.

Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit sowohl Gewaltbereitschaft als auch die Bereitschaft, sich rassistischer und diskriminierender Parolen und Symbole zu bedienen, bereits im Vorfeld etwa durch einschlägige Schlagzeilen in der Boulevardpresse und in Songtexten stimuliert wird. Die Ausstellung zeigt auch, inwiefern die Wechselwirkungen zwischen Wortgewalt, Spielergewalt, Fangewalt und Polizeigewalt dem Ausbruch dieser grenzüberschreitenden Phänomene Vorschub leistet.

Der Besuch der Ausstellung wird Fragen wie: „Wer bedient sich welcher Mittel?“, „Wer übt verbale Gewalt aus?“, „Wo liegt die Grenze der im Fussball üblichen Provokationen zwischen den Anhängern der sich gegenüberstehenden Mannschaften – und wo wird die Provokation zum laut geäusserten, diskriminierenden oder rassistischen Gedankengut, das nicht mehr verharmlost werden kann?“, „Wie lösen Worte Taten aus, und wo ersetzen Taten Worte?“.

Bei der Ausstellung ist bewusst auf eine wie auch immer wertende Darstellung verzichtet worden. Die Absicht der Ausstellungs-Mechanik ist vielmehr, ethnologischen und archäologischen Arbeitsprinzipien zu folgen und nicht politischen- oder soziologischen. Als Wanderausstellung konzipiert, wird die Ausstellung durch verschiedene Länder ziehen und schliesslich anlässlich der WM 2006 in Deutschland, Berlin zu sehen sein. In dieser Zeitspanne wird „Kulturort Stadion“ sich aufgrund aktueller Geschehnisse in und um den Fussball von Station zu Station weiterentwickeln.

Klaus Littmann zur Ausstellung und zur Gewalt

Wir haben ein Gespräch mit Herrn Littmann geführt, um seine Ausstellung und Beweggründe von ihm persönlich zu hören. Es ist ein sehr interessantes Gespräch geworden, dass wiederum ganz andere Perspektiven eröffnet hat.

«Fussball hat eine Seele, und Seelen sind fragile Gebilde. Man kann sie einige Zeit mit den Füssen treten, sie stückweise verkaufen, sie prügeln oder sie verleugnen. Aber ist sie verloren, ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, sie wieder zu finden. Dann lebt sie nur noch in der Erinnerung, und man mag sich gar nicht vorstellen, was all die Millionen Anhänger dieses Spiels tun würden, gäbe es nur noch einen seelenlosen Fussball.»     Klaus Littmann

Klaus Littmann Macht seit 20 Jahren Ausstellungen. 

Lebt von und für Ausstellungen. (foto: snc - nesrin okumus)

 

Die Idee zu dieser Ausstellung ist eigentlich verbunden mit einer Ausstellung, die auch meine erste Ausstellung war. Damals haben wir uns mit Werner Jehle, dem ich diese Ausstellung gewidmet habe, zusammengesetzt und ein Gespräch über die Idee einer Ausstellung geführt. Wir wollten es ethnologisch aufbauen. Die Objekte sollten so ausgestellt werden, wie es in einem Museum gemacht wird. Wir haben uns dann überlegt, was wir ausstellen sollten und sind auf die Idee Fussball gekommen. Die Gewalt ist eigentlich ein gesellschaftliches Problem, wir haben das Thema Fussball aufgegriffen. Die Fussballstadien werden von Wochenende zu Wochenende, überall auf der Welt, von sehr vielen Menschen besucht. So entstand die Ausstellung „Fussball in der Vitrine“. In dieser Ausstellung wurden die Objekte wie zum Beispiel ein Fussballschuh teil für teil ausgestellt. Die ethnologische Veränderung des Fussball ist in der Ausstellung „Tatort Stadion“ zu finden und auch dass, was aus dem Fussball geworden ist.

Hier muss ich sagen, dass wir für die Ausstellung bewusst nicht die brutalsten Bilder und Objekte ausgesucht haben. Für uns ist es wichtig, dass auch Schüler die Ausstellung sehen, bewerten und darüber nachdenken können. Die Menschen sollten nicht beeinflusst, sondern zum Nachdenken gebracht werden. Die Art der Gewalt, wie sie in den Stadien zu sehen ist, fängt langsam an und vergrössert sich. Wir wollten, dass die Lehrer mit ihren Schülern die Ausstellung besuchen und das nicht als Zeitvertreib, sondern, weil darüber vorher gesprochen worden ist. Wir haben uns dafür eingesetzt und sind mit den Lehrkräften in Kontakt gegangen. Mit dem Ergebnis sind wir auch zufrieden. Von den Schülern wurden Fragebogen zum Thema Gewalt ausgefüllt; diese bewerten wir zusammen mit Soziologen um ein Bild bekommen zu können. Es wurde offen diskutiert und verschiedene Meinungen kamen zu Tage. Die Feedbacks werden nach ihrer Bewertung auch in die Ausstellung umgesetzt.

Das was mich am meisten schockiert hat, sind manche Gegenstände, die von der Polizei beschlagnahmt worden sind. In der Ausstellung liegt in einer Vitrine ein Stab, an dessen Ende eine Metallspitze angebracht worden ist. Was hat wohl dieser Mensch, der es in das Stadion tragen wollte damit vor? Was ging in ihm vor als er es einschmuggeln wollte? Das einschmuggeln von Feuerwerksobjekten hat mich eigentlich nicht so schockiert. Obwohl, der Grund, warum es unter einem Rock befestigt, illegal eingeführt wird, schon vorher feststeht.

Die Besucher waren eigentlich am meisten darüber betroffen, als sie die Objekte sahen, die bei einem Fussballspiel in Basel beschlagnahmt worden sind. Es war nicht das ausgebrannte Auto, oder die blutigen Bilder von Verletzten und Toten. Die Bilder aus Basel konnten sie nicht mehr an einen anderen Ort schieben, es war praktisch vor ihrer Haustür. Es waren Beschlagnahmungen und Geschehnisse ihrer in ihrer Stadt. Die Ausstellung wird sich auch dahingehend von Land zu Land ändern, dass sie den Umständen dort angepasst werden.

Die Gründe für die Gewalt in den Stadien ändern sich je nach Struktur des Landes und die Bedeutung des Fussballs in dem jeweiligen Land. In England zum Beispiel ist einer der Gründe, die soziale Schwäche, die Menschen leben ihren Frust in den Stadien aus, weil die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist. In Italien ist der Fussball eher faschistisch gezeichnet. Die Auslebung ist wiederum ganz anders. Bei uns ist genau das Gegenteil wie in England zu sehen, hier ist es der Überfluss und die Langeweile, die die Menschen zu solchen Aktivitäten führen. Es ist für uns wichtig, dass die Menschen sich in der Ausstellung wiederfinden. Sie soll nicht in der Art besucht werden, dass sie sagen, dass passiert irgendwo ganz anders. Es sind nach Fussballspielen kriegsähnliche Auseinandersetzungen erlebt worden. Man muss auch bedenken, dass in den Stadien nicht nur Feindlichkeiten gegenüber den Fans der Gegenmannschaft bestehen. Es werden rassistische, diskriminierende, frauen- und homosexuellenfeindliche Sprüche losgelassen; Plakate aufgehängt.

Die Menschen werden auch auf einer Weise in diese Gewalt reinversetzt. Auf einer Internetseite aus Deutschland kann man neben Aschenbechern, Fahnen, Stiften, Uhren etc. auch Wurfäxte bestellen. Man muss einfach die Kopie des Personalausweises, dass die Volljährigkeit bestätigt hinschicken. Die Bezahlung läuft über die Kreditkarte. Es ist also ganz legal kommerziellisiert worden. Die Gewaltobjekte sind für jeden zugänglich. Es sind nicht nur Hooligans, die an den Wochenenden die Gewalt ausüben. In einem Gespräch mit der Polizei aus Basel wurde mir gesagt, dass ich mich wundern würde, welche Menschen in den Gewaltgruppen vorhanden sind. Es sind ganz normale Menschen, die unter der Woche ihren Anzug tragen, vielleicht Vater von zwei Kindern sind. Am Wochenende wechseln diese wohl nicht nur ihre Kleidung. Der Mensch selbst hat sich gewandelt, die Hemmschwelle hat sich von tieferen Stufen, in die Höhe gearbeitet. Die Gewaltbereitschaft besteht. Es ist nicht nur die Gewalt mit diversen Objekten, auch die verbale Gewalt hat sich sehr stark, negativ, entwickelt. Ich bin auch gegen das Schwarz-Weiss denken. Wenn die eine Gruppe zur anderen Gruppe, die mit Gewalt aufgetreten ist, sagt, die die sollte man an die Mauer stellen, ändert sich für mich nichts.

Wir wollten in der Ausstellung die verschiedenen Arten der Gewalt und der Diskriminierung darstellen. Aus diesem Grund haben wir auch verschiedene Räume eingerichtet. In einem sind die Objekte ausgestellt. In einem anderen „Die Masse“, sind auf die eine Wand die Menschen projiziert, auf der anderen Wand die Ausschreitungen. Wieder in einem anderen Raum ist die verbale Gewalt ausgestellt. Es ist unvorstellbar, was für Sprüche Menschen von sich geben, die auch für den Fussball zuständig sind. Ich bin der Meinung, dass die Gewalt im Fussball von den zuständigen Personen nicht auf irgendeine Weise verheerlicht werden sollte. Die Spieler, Präsidenten usw. die in der Öffentlichkeit stehen, müssen darauf achten was sie sagen. Sie gelten als Idole für Jugendliche und man nimmt sich seine Idole als Beispiel.

Die Wanderausstellung wird sicherlich in Berlin nicht enden, weil sich das Phänomen Fussball auch verändern wird. Es werden immer wieder Objekte und Geschehnisse vorhanden sein, die das Weiterführen der Ausstellung durchführbar machen könnten.

essay von werner jehle

Als Galerie Littmann 1982 zum ersten Male das Kulturphänomen Fussball ausstellte, seine Utensilien und Rituale sichtbar machte, war Heysel noch undenkbare Zukunft. Klaus Littmann hat diese Ausstellung Werner Jehle gewidmet, der 1991 einen Essay schrieb. Jehle ist Kunsthistoriker, Journalist und Ausstellungsmacher. Dieses Essay, das vielleicht am deutlichsten hervorbringt, wie und was sich seit Heysel im Fussball verändert hat, lautet wie folgt:

Essay von Werner Jehle

Als wir 1982 unter dem Titel „Fussball in der Vitrine“ die Räume einer Galerie in Basel mit Bällen, Schuhen, Hemden, Hosen, Stutzen, Torhüter-Handschuhen, Schiedsrichter-Ausrüstungen, Eckfahnen und Devotionalien füllten, hatte der Fussball noch nicht ganz das Gesicht angenommen, das er heute hat. Natürlich waren die Massen, entweder in den Stadien selbst oder am Bildschirm beteiligt, aber doch nicht in dem Masse wie zehn Jahre danach. Es gab noch keine Satelliten-Kanäle, welche die öffentlich-rechtlichen Anstalten hätten konkurrenzieren können. Die furchtbare Nacht im Brüsseler Heyselstadion mir ihren Krawallopfern stand noch bevor. Noch niemanden war der Begriff des „Hooligan“ geläufig. Es existierten noch viele Stadien von der unsicheren Bauart des Heysel. Die Ränge der Arenen waren noch längst nicht überall in Sektoren getrennt. Das Verhalten der Zuschauer schien insgesamt friedlicher heute: Gesänge schon, Fahnen und Hupen auch, Feuerwerkskörper und Flaschenwürfe vereinzelt, aber kaum Vandalismus von mit Knüppeln bewaffneten Fans. Es gab die „Welle“ noch nicht, auch nicht die organisierte Beteiligung des Publikums an der Medienwirklichkeit eines Spieles durch befohlenes Verhalten des einzelnen: Arme hoch, Fahne halten, Pappkarton hochhalten.

Die Aggressivität unter den Zuschauern hat zugenommen, ob auch unter den Spielern sei dahingestellt. Es gibt immer wieder brutale Szenen auf dem Feld. Vielleicht hat es sie schon früher gegeben, aber die Möglichkeiten der elektronischen Fernsehkameras, die bei wichtigen Spielen ums Stadion verteilt sind oder – unter Ballons hängend – aus der Vogelperspektive aufnehmen können, lassen uns aus allen möglichen Blickwinkeln und in Zeitlupe teilhaben an den Tätlichkeiten der Protagonisten, Richtmikrophone vermitteln uns das Krachen der Knochen beim Tackling der Spieler.

Immer noch dauert ein Spiel neunzig Minuten. Doch was vorher und nachher alles produziert wird, was gearbeitet wird im Zeichen eines Spieles, übertrifft das Ereignis an Bedeutung. Es wird geschrieben, aufgezeichnet, gedruckt, gesendet, gespeichert. Es wird diskutiert. Es fliesst Geld. Es wird spekuliert. Eine ganze Sekundär-Industrie beteiligt sich mit der Fabrikation von Andenken, Fetischen, Maskottchen, Posters und Accessoires am Markt um die Spiele, und einen Rattenschwanz von Sponsoren nutzt die Banden der Fussballplätze für ihre Zwecke oder macht sich mit Signeten und Logos auf den Leibchen, Hosen, Socken und Schuhen der einzelnen Teams bemerkbar. Sogar das Sportgerät, um den sich alles dreht, der Ball, ist firmentechnisch ausgezeichnet. Mehr und mehr hat spielerischer Erfolg auf dem Rasten wirtschaftliche Konsequenzen, genauso wie Misserfolg übrigens auch. Nachdem Italien 1990 im eigenen Land nicht Weltmeister geworden ist, blieben Weinflaschen in Form des Siegespokals zu Tausenden in den Regalen der Händler stehen.

Man kann das Fussballspiel nicht ausstellen, aber man kann seine Spuren sichern in Gegenständen. Man kann, sowie Archäologen die zerbrochenen oder oxidierten Geräte eines Schlachtfeldes aus Erdschichten bergen, die „Reliquien“ des Fussballs zusammentragen und auslegen.

Auswahl der Aktivitäten von Littmann Kulturprojekte

Einzelausstellungen:

1983 Meret Oppenheim

1985 Bernar Venet , Nikki de. St. Phalle

1987 André Tomkins

1988 Jim Whiting

1989 Dieter Roth

1990 Daniel Spoerri

1991 Jean Tinguely

1992 Leon Golub , Keith Harring

1993 Bernhard Johannes Blume

1994 Anna Blume

1995 Robert Mapplethorpe

1996 César

1997 Wang Guangiy

1998 Ute Schröder

2001 Johannes Hüppi

2002 Tazro Niscino

Gruppenausstellungen:

1985 Privatsachen

1986 Wahlverwandschaften

1991 Kunstzug

1992 Tinguely zu Ehren

1995 Crossover

1996 China Now

2000 Skultur

2001 Frontside