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Zeitungsland Schweiz unter Druck

Die Schweiz ist das Zeitungsland der Welt. Nirgendwo gibt es pro Kopf der Bevölkerung so viele Zeitungstitel wie in der Schweiz. Aber in den letzten gut 20 Jahren nahm die Zahl der Titel um fast einen Viertel ab, und die Zeitungen sind unter wirtschaftlichen Druck geraten.  

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dossier: niklaus freundlieb

foto: mehmet gürz

Vor allem seit dem 11. September 2001 spüren die Blätter den konjunkturellen Einbruch. Insgesamt reduzierte sich das Inseratevolumen um 20 Prozent. Noch drastischer gestaltet sich der Verlust bei den Stelleninseraten. Bei den grössten Schweizer Tageszeitungen brachen diese um 43 Prozent ein.  Weniger von diesem Einbruch betroffen waren und sind kleinere Titel, die im Jahr 2000 weniger als die grossen Zeitungstitel vom wirtschaftlichen Boom profitiert haben und jetzt dafür weniger  unter dem Einbruch leiden. Die Flaute im Inseratenmarkt hat bereits bei einigen Zeitungen zu Einsparungen auch via Entlassungen geführt. Bei vielen Verlagen haben auch ehrgeizige Pläne, ins Radio-, Fernseh- und Internetgeschäft einzusteigen, tiefe Löcher in die Konzernkassen gerissen.

Stabiler Lesermarkt

Zwar verloren vor allem der Tagesanzeiger oder die Berner Zeitung durch die Lancierung der Gratiszeitungen «20Minuten» und «Metropol», das mittlerweile seinen  Betrieb schon wieder eingestellt hat, Leser, insgesamt konnten bei den meisten Titeln jedoch die Leserzahlen einigermassen stabil gehalten werden. Unterdessen hat sich zum Beispiel «20Minuten» mit über 500 000 Lesern auf dem dritten Platz hinter den Marktleadern «Blick» und «Tagesanzeiger» etabliert. Alles in allem scheint gerade «20Minuten», das als Pendlerzeitung konzipiert ist und dementsprechend in Bahnhöfen und an Tramstationen verteilt, beziehungsweise aufgelegt wird, eine neue Leserschaft, zu erreichen. Diese Leser sind in der Regel jung und urban und haben bis anhin kaum Zeitung gelesen. Ebenfalls zugelegt haben der «Sonntagsblick» und die «Sonntagszeitung». Inwieweit dieser Markt bereits gesättigt ist, vor allem nachdem mit der «NZZ am Sonntag» ein dritter Titel in der Deutschschweiz auf den Markt gekommen ist, lässt sich zur Zeit noch nicht beurteilen. Bei den wöchentlich erscheinenden Mitgliederzeitungen von Coop und Migros, die von mehr als der Hälfte der Personen über 14 Jahre in der Deutschweiz gelesen werden, ist ebenfalls eine deutliche Steigerung zu beobachten. Auch in der Westschweiz, wo es keine Gratis-Pendlerzeitungen gibt, ist der Lesermarkt gewachsen. Hier hat sich vor allem «Le Matin» mit neuem Format und neuer Ausrichtung profiliert.

Neue Konkurrenz

Nicht allein die kränkelnde Konjunktur macht den Zeitungsverlagen Sorgen. Auch die zunehmende Konkurrenz durch Fernsehen, Radio und, in geringerem Ausmass, Internet, lässt die grossen Zeitungsverlage kleinere Brötchen backen. Während die SchweizerInnen täglich nur eine halbe Stunde Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher lesen, verbringen sie sechs Stunden vor dem Fernseh- oder Radioapparat. Damit lässt sich klar belegen, dass vor allem das Fernsehen die Zeitung als zentrales Informationsmedium abgelöst hat. Zwar bietet die Zeitung immer noch grosse Vorteile: Man kann sie überall mitnehmen, einen Artikel so oft, wie man will, lesen oder nachschlagen, man braucht keinen Strom (ausser für die Leselampe!) und Themen können in der Regel besser vertieft werden, als dies bei Radio und Fernsehen möglich ist. Aber man muss in der Lage sein, das in der Zeitung Geschriebene auch zu lesen, respektive zu verstehen, während Fernsehen und Radio ausser Zusehen und Zuhören vom Nutzer nicht allzu viel verlangen. Bild und Ton vermitteln eine (manchmal auch nur scheinende) Authentizität, die Zeitungen kaum vermitteln können. Ausserdem spielt der Zeitfaktor eine grosse Rolle. Radio und Fernsehen sind in der Informationsvermittlung einfach schneller als Zeitungen. Und vielleicht auch zeitgemässer, oder eher noch dem Zeitgeist entsprechend. Ein Trend, der vor allem auch das Internet zu einem Medium gemacht hat, das immer mehr Menschen nutzen. Obwohl sich die Voraussagen in Sachen weltweites Netz in den letzten Jahren relativiert haben, hat das Internet zumindest im formalen Bereich bereits einen grossen Einfluss auf die Zeitungsmacher genommen.

Wege aus der Krise - ein Blick zurück

Wie kommt der Zeitungsmarkt Schweiz aus der Talsohle? In der Tat klingt diese Frage fast paradox, wenn man bedenkt, dass die weltweit erste Publikation, die man als Zeitung bezeichnen kann, die Monatsschrift «Annus Christi», 1597 vom Buchdrucker Leonhard Straub, einem Papiermühlebesitzer, in der Schweiz, genauer in Goldach gedruckt wurde. Herausgeber und Verfasser war der Buchhändler und Schriftsteller Samuel Dilbaum aus Augsburg. 1610 erschien in Basel, das schon seit Ende des 15. Jahrhunderts als Druckerstadt Weltgeltung besass, eine Wochenzeitung. Und auch Zürich erhielt 1623 eine solche. Inserateblätter, die sogenannten «Intelligenzblätter», und Zeitschriften, sowie später mit dem Ausbau der Postkurse die «Ordinari-Zeitungen», Nachrichtenblätter, die von den Postmeistern herausgegeben wurden, lösten während der Aufklärung die Wochenzeitungen ab. Waren die Inserate- und Nachrichtenblätter in der Regel Sprachrohre der Obrigkeit und unterlagen einer strengen Zensur, wurden in den Zeitschriften durchaus kritische Meinungen veröffentlicht. Erst mit der Schweizer Bundesverfassung von 1848 wurde dann die Pressefreiheit garantiert, was zur Ausbildung einer politischen Meinungspresse, die grösstenteils das Ideengut der liberalen Bürgerrechte verbreitete, führte. In der Folge war gerade die Presse am Aufbau des foederalen Bundesstaates massgeblich beteiligt, waren Zeitungen doch vielfach auch Organe von politischen Parteien. Erst Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts emanzipierten sich die Zeitungen von den Parteien, was für viele kleinere, parteigebundene Blätter das Aus bedeutete. Nicht mehr auf die Treue der Parteifreunde als Leser rechnen könnend, mussten viele Zeitungen ein eigenes journalistisches Profil entwickeln und durch eigene journalistische Leistungen ihre Leserschaft finden.   

Aber Tradition ist im heutigen Zeitungsgeschäft kein Lösungsweg, sondern höchstens ein Verkaufsargument. Landauf, landab sind deshalb Strukturbereinigungen im Gang. Mittelgrosse Zeitungen gehen Kooperationen ein oder fusionieren. Jüngstes Beispiel einer Kooperation ist die «Mittelland Zeitung» als gemeinsamer Mantel für die «Aargauer Zeitung», «Solothurner Zeitung», «Oltener Tagblatt» und «Zofinger Tagblatt».  Verbreitet ist auch das sogenannte «Stuttgarter Modell», wo sich konkurrierende Blätter einer Region von einem einzigen Verlag herausgeben lassen, um damit Synergien zu erreichen.

Die grossen Verlagshäuser, die sich alle einer Multimedia-Strategie verschrieben haben, stehen allerdings nicht nur im nationalen Wettbewerb. Das Engagement in den elektronischen Medien, teilweise mit ausländischen Partnern, aber auch die Diversifizierung in viele publizistische Fachbereiche lassen vielerorts die Frage stellen, inwieweit die journalistische Arbeit und Leistung der grossen Zeitungstitel als Flaggschiffe ihrer Verlagshäuser tangiert wird. Hohe Kosten für Technologien, Papier, Personal oder Distribution  lassen sich nicht auf die KonsumentInnen abwälzen. Abonnements- und Verkaufserlöse decken nur rund ein Drittel der Kosten, der Rest stammt aus Inseraten und Werbung. Wenn aber, wie jetzt, die Wirtschaft schwächelt, und der Werbekuchen auch nicht grösser wird, müssen Zeitungen nicht nur innovative ökonomische Lösungen anstreben, sondern sich auch wieder auf innovativen und spannenden Journalismus besinnen, der den Nerv der Zeit und den der LeserInnen trifft.