Vor
allem seit dem 11. September 2001 spüren die Blätter den
konjunkturellen Einbruch. Insgesamt reduzierte sich das
Inseratevolumen um 20 Prozent. Noch drastischer gestaltet sich der
Verlust bei den Stelleninseraten. Bei den grössten Schweizer
Tageszeitungen brachen diese um 43 Prozent ein.
Weniger von diesem Einbruch betroffen waren und sind
kleinere Titel, die im Jahr 2000 weniger als die grossen
Zeitungstitel vom wirtschaftlichen Boom profitiert haben und jetzt
dafür weniger unter
dem Einbruch leiden. Die Flaute im Inseratenmarkt hat bereits bei
einigen Zeitungen zu Einsparungen auch via Entlassungen geführt.
Bei vielen Verlagen haben auch ehrgeizige Pläne, ins Radio-,
Fernseh- und Internetgeschäft einzusteigen, tiefe Löcher in die
Konzernkassen gerissen.
Stabiler
Lesermarkt
Zwar
verloren vor allem der Tagesanzeiger oder die Berner Zeitung durch
die Lancierung der Gratiszeitungen «20Minuten» und «Metropol»,
das mittlerweile seinen Betrieb
schon wieder eingestellt hat, Leser, insgesamt konnten bei den
meisten Titeln jedoch die Leserzahlen einigermassen stabil
gehalten werden. Unterdessen hat sich zum Beispiel «20Minuten»
mit über 500 000 Lesern auf dem dritten Platz hinter den
Marktleadern «Blick» und «Tagesanzeiger» etabliert. Alles in
allem scheint gerade «20Minuten», das als Pendlerzeitung
konzipiert ist und dementsprechend in Bahnhöfen und an
Tramstationen verteilt, beziehungsweise aufgelegt wird, eine neue
Leserschaft, zu erreichen. Diese Leser sind in der Regel jung und
urban und haben bis anhin kaum Zeitung gelesen. Ebenfalls zugelegt
haben der «Sonntagsblick» und die «Sonntagszeitung». Inwieweit
dieser Markt bereits gesättigt ist, vor allem nachdem mit der «NZZ
am Sonntag» ein dritter Titel in der Deutschschweiz auf den Markt
gekommen ist, lässt sich zur Zeit noch nicht beurteilen. Bei den
wöchentlich erscheinenden Mitgliederzeitungen von Coop und
Migros, die von mehr als der Hälfte der Personen über 14 Jahre
in der Deutschweiz gelesen werden, ist ebenfalls eine deutliche
Steigerung zu beobachten. Auch in der Westschweiz, wo es keine
Gratis-Pendlerzeitungen gibt, ist der Lesermarkt gewachsen. Hier
hat sich vor allem «Le Matin» mit neuem Format und neuer
Ausrichtung profiliert.
Neue
Konkurrenz
Nicht
allein die kränkelnde Konjunktur macht den Zeitungsverlagen
Sorgen. Auch die zunehmende Konkurrenz durch Fernsehen, Radio und,
in geringerem Ausmass, Internet, lässt die grossen
Zeitungsverlage kleinere Brötchen backen. Während die
SchweizerInnen täglich nur eine halbe Stunde Zeitungen,
Zeitschriften oder Bücher lesen, verbringen sie sechs Stunden vor
dem Fernseh- oder Radioapparat. Damit lässt sich klar belegen,
dass vor allem das Fernsehen die Zeitung als zentrales
Informationsmedium abgelöst hat. Zwar bietet die Zeitung immer
noch grosse Vorteile: Man kann sie überall mitnehmen, einen
Artikel so oft, wie man will, lesen oder nachschlagen, man braucht
keinen Strom (ausser für die Leselampe!) und Themen können in
der Regel besser vertieft werden, als dies bei Radio und Fernsehen
möglich ist. Aber man muss in der Lage sein, das in der Zeitung
Geschriebene auch zu lesen, respektive zu verstehen, während
Fernsehen und Radio ausser Zusehen und Zuhören vom Nutzer nicht
allzu viel verlangen. Bild und Ton vermitteln eine (manchmal auch
nur scheinende) Authentizität, die Zeitungen kaum vermitteln können.
Ausserdem spielt der Zeitfaktor eine grosse Rolle. Radio und
Fernsehen sind in der Informationsvermittlung einfach schneller
als Zeitungen. Und vielleicht auch zeitgemässer, oder eher noch
dem Zeitgeist entsprechend. Ein Trend, der vor allem auch das
Internet zu einem Medium gemacht hat, das immer mehr Menschen
nutzen. Obwohl sich die Voraussagen in Sachen weltweites Netz in
den letzten Jahren relativiert haben, hat das Internet zumindest
im formalen Bereich bereits einen grossen Einfluss auf die
Zeitungsmacher genommen.
Wege
aus der Krise - ein Blick zurück
Wie
kommt der Zeitungsmarkt Schweiz aus der Talsohle? In der Tat
klingt diese Frage fast paradox, wenn man bedenkt, dass die
weltweit erste Publikation, die man als Zeitung bezeichnen kann,
die Monatsschrift «Annus Christi», 1597 vom Buchdrucker Leonhard
Straub, einem Papiermühlebesitzer, in der Schweiz, genauer in
Goldach gedruckt wurde. Herausgeber und Verfasser war der Buchhändler
und Schriftsteller Samuel Dilbaum aus Augsburg. 1610 erschien in
Basel, das schon seit Ende des 15. Jahrhunderts als Druckerstadt
Weltgeltung besass, eine Wochenzeitung. Und auch Zürich erhielt
1623 eine solche. Inserateblätter, die sogenannten «Intelligenzblätter»,
und Zeitschriften, sowie später mit dem Ausbau der Postkurse die
«Ordinari-Zeitungen», Nachrichtenblätter, die von den
Postmeistern herausgegeben wurden, lösten während der Aufklärung
die Wochenzeitungen ab. Waren die Inserate- und Nachrichtenblätter
in der Regel Sprachrohre der Obrigkeit und unterlagen einer
strengen Zensur, wurden in den Zeitschriften durchaus kritische
Meinungen veröffentlicht. Erst mit der Schweizer Bundesverfassung
von 1848 wurde dann die Pressefreiheit garantiert, was zur
Ausbildung einer politischen Meinungspresse, die grösstenteils
das Ideengut der liberalen Bürgerrechte verbreitete, führte. In
der Folge war gerade die Presse am Aufbau des foederalen
Bundesstaates massgeblich beteiligt, waren Zeitungen doch vielfach
auch Organe von politischen Parteien. Erst Ende der 60er Jahre des
vorigen Jahrhunderts emanzipierten sich die Zeitungen von den
Parteien, was für viele kleinere, parteigebundene Blätter das
Aus bedeutete. Nicht mehr auf die Treue der Parteifreunde als
Leser rechnen könnend, mussten viele Zeitungen ein eigenes
journalistisches Profil entwickeln und durch eigene
journalistische Leistungen ihre Leserschaft finden.
Aber
Tradition ist im heutigen Zeitungsgeschäft kein Lösungsweg,
sondern höchstens ein Verkaufsargument. Landauf, landab sind
deshalb Strukturbereinigungen im Gang. Mittelgrosse Zeitungen
gehen Kooperationen ein oder fusionieren. Jüngstes Beispiel einer
Kooperation ist die «Mittelland Zeitung» als gemeinsamer Mantel
für die «Aargauer Zeitung», «Solothurner Zeitung», «Oltener
Tagblatt» und «Zofinger Tagblatt».
Verbreitet ist auch das sogenannte «Stuttgarter Modell»,
wo sich konkurrierende Blätter einer Region von einem einzigen
Verlag herausgeben lassen, um damit Synergien zu erreichen.
Die
grossen Verlagshäuser, die sich alle einer Multimedia-Strategie
verschrieben haben, stehen allerdings nicht nur im nationalen Wettbewerb. Das Engagement in den elektronischen Medien,
teilweise mit ausländischen Partnern, aber auch die
Diversifizierung in viele publizistische Fachbereiche lassen
vielerorts die Frage stellen, inwieweit die journalistische Arbeit
und Leistung der grossen Zeitungstitel als Flaggschiffe ihrer
Verlagshäuser tangiert wird. Hohe Kosten für Technologien,
Papier, Personal oder Distribution
lassen sich nicht auf die KonsumentInnen abwälzen.
Abonnements- und Verkaufserlöse decken nur rund ein Drittel der
Kosten, der Rest stammt aus Inseraten und Werbung. Wenn aber, wie
jetzt, die Wirtschaft schwächelt, und der Werbekuchen auch nicht
grösser wird, müssen Zeitungen nicht nur innovative ökonomische
Lösungen anstreben, sondern sich auch wieder auf innovativen und
spannenden Journalismus besinnen, der den Nerv der Zeit und den
der LeserInnen trifft.