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Wie
gross ist das Interesse des Schweizer Volkes an der Politik?
Interview
mit Lukas Golder
"Die
Unzufriedenheit über
die Politik wächst"
Umfragen
zeigen, dass viele Schweizer und Schweizerinnen derzeit
unzufrieden mit der Politik sind. Deswegen gehen wieder mehr Bürger
und Bürgerinnen abstimmen, meint der Politologe Lukas Golder.
Er ist Projektleiter bei der Gesellschaft für Sozialforschung
(GfS) in Bern.
snc
interview:
beate
kogon
snc:
Was
gefällt Ihnen am Schweizer Staat besonders gut?
Lukas
Golder: Besonders gut finde ich die Vielzahl von
Volksabstimmungen, die es in der Schweiz gibt. Dadurch werden
immer wieder neue Themen in der Öffentlichkeit diskutiert. Die
Abstimmungen bringen regelmässig Bewegung ins politische
Geschehen.
Obwohl
die meisten Volksinitiativen abgelehnt werden?
Ja,
weil auch abgelehnte Initiativen oft etwas bewirken. Ein Beispiel
dafür ist die erste Abstimmung über die Abschaffung der Armee
1989. Immerhin rund ein Drittel der Abstimmenden war für die
Abschaffung. Das löste eine Diskussion im Eidgenössischen Militärdepartement
aus und führte schliesslich zur Armee 95, einer verkleinerten
Armee. Auch der öffentliche Diskurs über die Armee änderte sich
durch die Abstimmung: Das Thema Armee-Abschaffung war nicht mehr
tabu.
Hat
das politische System der Schweiz Schwächen?
Eine
Schwäche sehe ich vor allem darin, dass der Bundesrat infolge Überlastung
nicht genügend Zeit für die strategische Planung hat. Ein
Beispiel dafür scheint mir die EWR-Abstimmung von 1993 zu sein:
Als das Volk den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum
ablehnte, sahen sich viele vor einem grossen Scherbenhaufen. Ich
denke, dass sich der Bundesrat zu wenig Zeit für den
Abstimmungskampf nehmen konnte und dass das Resultat auch damit zu
tun hatte.
Die
Schweiz ist eine halbdirekte Demokratie. Was bedeutet das genau?
Halbdirekte
Demokratie heisst, dass die Verfassung und die Gesetze einerseits
direkt durch das Volk, andererseits aber auch durch das Parlament
gestaltet werden. Die Instrumente für die direkte Mitgestaltung
durch das Volk sind die Volksrechte Referendum und Initiative.
Existiert
ein solches System noch irgendwo sonst auf der Welt?
Es
gibt Staaten, die in bestimmten Dingen die direkte Mitbestimmung
des Volkes kennen, beispielsweise, wenn es um eine neue Verfassung
geht.
Es
gibt aber keinen anderen Staat, in dem das Volk so systematisch
direkt mitreden kann wie in der Schweiz.
Wie
gross ist das Interesse des Schweizer Volkes an der Politik?
Die
Stimmbeteiligung bei Abstimmungen ist nicht sehr hoch,
durchschnittlich liegt sie bei 42 Prozent. Man muss dabei berück-sichtigen,
dass durch die Vielzahl von Volksinitiativen und Referenden eine
gewisse Faulheit besteht, sich an den Abstimmungen zu beteiligen.
An Wahlen nehmen die Stimmbürger und -bürgerinnen in noch
geringerem Masse teil. Laut Umfragen haben jedoch rund 60 Prozent
der Bevölkerung Interesse am politischen Geschehen.
Das
ist, international gesehen, eine hohe Zahl.
Schweizer
Medien war jüngst zu entnehmen, dass das Volk aus Unzufriedenheit
verstärkt an der Politik interessiert sei. Ist da etwas dran?
Doch,
das geht aus Umfragen hervor. Es gibt Bereiche, in denen seit längerem
Unzufriedenheit besteht, etwa im wirtschaftlichen Bereich oder in
der Ausländerpolitik. Die Unzufriedenheit des Volkes hat im
Sommer einen atuellen Schub erhalten, als der Bundesrat beschloss,
den Mindestzinssatz für Einrichtungen der beruflichen Vorsorge um
ein dreiviertel Prozent zu senken. Das löste Unverständnis und
Ängste aus. Schon bei den Abstimmungen vom 22. September lag die
Stimmbeteiligung mit 44 Prozent höher als sonst.
Wie
würde sich ein Beitritt der Schweiz zur EU auf die Schweizer
Demokratie auswirken?
Meines
Wissens gibt es darüber noch keine genauen Studien. Die Schweiz müsste
auf jeden Fall das EU-Recht übernehmen. Das würde Reformen in
vielen politischen Bereichen bedeuten. Auf keinen Fall aber dürften
die Grundpfeiler der schweizerischen Demokratie angetastet werden,
also die Volksrechte, die Konkordanz, der Föderalismus und die
Neutralität. Sonst hätte ein EU-Beitritt keine Chance.
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