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Interview
mit Mathilde Gyger
Standardsprache
im Kindergarten
Haben
fremdsprachige Kinder in der Schule mehr Erfolg, wenn sie schon
im Kindergarten Hochdeutsch lernen? Das wissenschaftlich
begleitete Projekt «Standardsprache
im Kindergarten»
soll Antworten auf diese Frage bringen. Es läuft seit über
einem Jahr in vier baselstädischen Kindergarten. Die bisherigen
Erfahrungen sind Positiv
.
Dossier
"Standardsprache" >>>
snc
interview:
sevim civil
foto:
mehmet gürz
snc:
Warum kam man auf die Idee dieses Projekt durch zu führen?
Mathilde
Gyger: Es gibt verschiedene Hintergründe. Der eine davon
kommt direkt aus der Praxis. Die Kindergärtnerin Corinna Erzinger
(Erlenstrasse) hat vor zwei Jahren den Versuch gestartet, in ihrem
Kindergarten nur Hochdeutsch zu sprechen, weil sie in ihrer Klasse
ausschliesslich fremdsprachige Kinder hatte.
Die
Kinder müssen zwei Jahre später in der Primarschule Hochdeutsch
sprechen. Das ist die Schul- und Leistungssprache. Es ist auf eine
Art nicht gut, dass sie zuerst in Mundart eingewöhnt werden und
später müssen sie sich auf die Standardsprache umstellen.
Ein
Jahr später wollte das Kindergärten-Rektorat diese Idee
wissenschaftlich begleiten lassen. Darauf habe ich eine
Projektskizze geschrieben. Die Finanzierung des Projektes konnte
unter Umsetzung des Integrationsleitbildes des Kantons Basel-Stadt
realisiert werden. Es ist also eine Art Schulversuch, der ganz
genau angeschaut und wissenschaftlich begleitet wird.
Ich
habe schon einmal im Integrationsfeld mitgearbeitet. Das Projekt
hiess "Schulische Integration fremdsprachiger Kinder in der
Nordwestschweiz" und hat in sieben Kantonen stattgefunden.
Wir haben Empfehlungen formuliert, darin stand, dass in den
Schulen konsequenter die Standardsprache verwendet werden soll,
weil das Nebeneinander der Mundart und Standardsprache und vor
allem der unreflektierte Umgang mit dem dauernden Wechsel der
beiden Sprachformen für sehr viele fremdsprachige Kinder eine
enorme Belastung ist. "Standardsprache im Kindergarten"
wird somit durch die Erfahrungen der anderen Projekte unterstützt.
Was
verspricht man sich von diesem "Experiment" und wie
lange soll es dauern?
Es
wurden zwei Kindergärten ausgesucht, in denen Kindergartenlehrkräfte
mit den Kindern ausschliesslich in der Standardsprache sprechen.
Als Vergleichsgruppe dienen zwei Kindergärten, in denen weiterhin
in Mundart unterrichtet wird.
Während
der Kindergartenjahre werden die neu eintretenden Kinder
beobachtet und ihre Spracherkenntnisse getestet, in den folgenden
beiden Jahren wird weiterverfolgt, wie sich die Sprachkompetenz
nach Eintritt in die Primarschule entwickelt.
Die
Fragestellung ist: Ist es für die Kinder besser im Kindergarten
in der Standardsprache unterrichtet zu werden? Werden sie
sprachlich sicherer, entwickeln sie ein besseres Gefühl für die
Unterschiede zwischen Mundart und Hochdeutsch und haben einen
emotional unproblematischen Einstieg in die Leistungssprache?
Schliesslich erfahren sie im Kindergartenohne Erfolgsdruck die
Standardsprache als eine natürliche Alltagssprache.
Wie
viele Kinder nehmen daran teil und stammen sie aus verschiedenen
Nationen und Sprachen?
In
allen vier Kindergärten sind insgesamt rund 30 Kinder. Darunter
sind zwei Schweizerkinder mit der Muttersprache Schweizerdeutsch
und ein Kind mit der Muttersprache Hochdeutsch, dessen Elternteile
aus Deutschland und aus der Schweiz stammen.
Die
restlichen 27 Kinder, die zum Teil eingebürgert sind, stammen aus
Albanien, Italien, Spanien, Portugal, Serbien, Mazedonien, Sri
Lanka, Äthiopien und der Türkei.
In
welchen Sprachen werden die Kinder angesprochen und wie muss man
sich diesen Unterricht vorstellen?
Die
Kinder werden von Anfang an entweder in Mundart oder in der
Standardsprache mit der Unterstützung der Gestik und Mimik
begrüsst.
Gerade
am Anfang sind Rituale sehr wichtig, wie zum Beispiel beim
"Znüni" zusammenhängende Wörter gelernt werden. Es
gibt Versen, in denen die Alltagswörter vorhanden sind und
von den Kindern jeden Tag wiederholt und eingeprägt
werden. Dies führt zum Erfolg und die meisten Kinder bringen auch
einen gewissen passiven Wortschatz mit.
Es
wird von einem "wissenschaftlichen Experiment"
gesprochen. Wie sinnvoll ist es, mit Kindern solche Versuche zu
machen?
Es
ist ein Schulversuch, das heisst eine Art Feldversuch. Wie ich am
Anfang gesagt habe, hat die Kindergärtnerin Corinna Erzinger in
der Standardsprache unterrichtet und anschliessend in den anderen
Schulen nachgefragt, ob die Kinder sich ausgegrenzt fühlen würden,
da sie nicht in Mundart sprechen. Die meisten Antworten lauteten,
dass es überhaupt keine Rolle spielen würde.
Es
ist ja auch eine Tatsache, dass die meisten dieser Kinder in einer
"Mischsprache", Mundart und Hochdeutsch, sprechen.
Deshalb fällt es nicht auf, wenn sich ein Kind grössten Teils in
der Standardsprache ausdrückt. Das einzige Experimentelle in
diesem Projekt ist die Sprache.
Die
Integration der fremdsprachigen Kinder in Schweizerdeutsch
geschieht auf der Strasse beim Spielen, beim Einkaufen usw. Auch
im Kindergarten wird heute Schweizerdeutsch gesprochen. Wenn ich
es richtig sehe, auch in den ersten zwei Klassen der Primarschule.
Wo sehen Sie darin ein Integrationshindernis für die Kinder?
Im
baselstädtischen Lehrplan steht , dass ab der dritten
Primarschule an in Hochdeutsch unterrichtet werden soll. In
Kleinbasel herrscht zurzeit eine Sonderregel. Dort soll der
Unterricht schon ab der ersten Klasse an in der Standardsprache
stattfinden. Ob dies gemacht wird, weiss man nicht so genau. Es
gibt keine flächendeckenden Ergebnisse. Ich kenne aber einige
Lehrkräfte, die aus Überzeugung in der Schriftsprache
unterrichten.
Die
gesellschaftliche Integration ist genau genommen an den
Schulerfolg gekoppelt und dieser wiederum an die Standardsprache
Hochdeutsch als Schul- und Leistungssprache und als Sprache der
Schriftlichkeit. Was man eigentlich erlernen muss, ist das
Beherrschen der Schriftlichkeit mit einem anderen Wortschatz und
anderen Satzkonstruktionen, die sowohl fürs Lesen als auch fürs
Schreiben sehr von Bedeutung sind.
Schweizerdeutsch
ist so allgegenwärtig, dass es im Kontakt mit den Schweizerinnen
und Schweizern erworben wird und keinen Unterricht braucht.
Die
Sprache der Schriftlichkeit wird jedoch nicht häufig gesprochen
und braucht deshalb eine spezielle Unterstützung. Wenn der Input
nur über das Geschriebene lauft, braucht es ein hohes Mass an
Sprachbegabung, um die Sprachform richtig zu erlernen.
Was
gewinnt man, was verliert man am Ende? Entwickelt sich aus diesem
Experiment nicht ein "Dreieck-Konkurrenz-Verhältnis":
Eltern-Kinder-Kindergärten?
Mit
den Eltern arbeiten wir sehr sorgfältig zusammen. Am Anfang des
Projektes haben wir Elternabende organisiert. Wir haben die Eltern
gefragt, ob sie die Idee gut fänden, dass ihre Kinder in der
Standardsprache unterrichtet werden und alle fanden dies gut.
Sogar die Eltern, dessen Kinder weiterhin in der Mundart
unterrichtet werden, wollten dass ihre Kinder in der
Standardsprache unterrichtet werden. So gesehen stösst das
Projekt bei den Eltern an Akzeptanz und somit nicht an Konkurrenz.
Solange mit den Kindern liebevoll umgegangen wird, spielt es keine
Rolle, in welcher Sprache man mit ihnen spricht.
Bei
diesem Schulversuch beteiligen sich freiwillige Kindergartenlehrkräfte,
die in diesem Projekt viele Vorteile für die Kinder sehen.
Wenn
nach der Pilotphase das herauskommt, was man sich erhofft hat,
wird die Standardsprache möglicherweise in allen Kindergärten
der Stadt Basel eingeführt. Ich werde meine Empfehlung
aussprechen und Behörden werden dann darüber eine Entscheidung
treffen.
Die
Muttersprache der Kinder ist doch die Sprache des Herzens. Werden
diese wichtigen Gefühle durch dieses Experiment nicht irgendwohin
deplaziert?
Für
Schweizerkinder ist Hochdeutsch zunächst keine Fremdsprache.
Schweizerdeutsch ist schliesslich auch ein deutscher Dialekt. Bei
den Erwachsenen sieht es anders aus. Viele empfinden die
Standardsprache als Fremdsprache. Die Einstellung der
Schweizerinnen und Schweizer zur Mundart ist, dass sie die Sprache
des Herzens ist. Deshalb braucht es für die hochdeutschsprechende
Kinderartenlehrkräfte ein Umgewöhnen im Umgang mit den Kindern.
Es
gibt vor allem solche Situationen, wenn sich ein Kind weh tut und
sie tröstet werden soll. Eine Schweizerin und ein Schweizer muss
lernen, wie man das in der Standardsprache macht. Das braucht eine
Gewöhnungszeit. Dies ist jedoch das Problem der Erwachsenen.
Untersuchungen
zeigen, dass Schweizerkinder die Standardsprache beim Rollenspiel
benutzen, weil sie Hochdeutsch vom Fernsehen und Märchenkassetten
kennen. Solange sie nicht in die Schule gehen, haben sie einen
einfacheren Zugang zum Hochdeutsch. Ab der dritten Primarklasse
an, wenn Hochdeutsch obligatorische Unterrichtssprache wird,
entwickeln sie Distanz.
Bei
den fremdsprachigen Kindern ist es so, dass die Muttersprache
weiterhin geschult werden soll. Nach meinem Wissens, gibt es
solche Förderangebote erst für die schulpflichtigen Kinder.
Wenn
man abgekoppelt von der Herkunftskultur und Sprache lebt, können
sehr oft Probleme entstehen. Dies ist für den Erwerb der zweiten
Sprache auch entscheidend. Deshalb wollen wir im zweiten Projekt
durch Mitarbeit von "Heimatliche Sprache und Kultur"
(HSK), die in der Herkunftssprache Unterricht erteilen,
herausfinden, wie differenziert die erste Muttersprache der im
Projekt beteiligten Kinder ist.
Was
und wo ist dann die Heimat? Wo ist sie dann für die Kinder
anzusiedeln? Gilt am Ende des Experiments der Grundsatz
"Heimat ist die Sprache in der man träumt" nicht mehr?
Genauer
gefragt:
Entwickelt
sich da nicht eine schleichende Entfremdung Eltern – Kinder und
fördern wir damit nicht eine neue "soziale Kategorie"?
Zum
Heimatbegriff: Sehr viele Migrantinnen und Migranten leben in
einer relativ unsicheren Situation oder Provisorium. Sie haben das
Gefühl, dass sie wieder in ihre Heimat zurückgehen werden. Am
Schluss leben sie dann doch 20 Jahre oder definitiv in der
Schweiz.
Ich
denke, es bleibt keinem Kind erspart, eine eigene Identität
aufzubauen, die sowohl von der Herkunftskultur als auch von der
Schweizerkultur einen gewissen Anteil hat. Jedes Kind muss einen
eigenen Weg finden und es ist eine Herausforderung.
Die
Eltern, mit denen ich in Kontakt komme, sprechen Hochdeutsch, wenn
also die Kinder Hochdeutsch sprechen, führt dies nicht zu einer
Entfremdung.
Damit
wir uns nicht missverstehen: Die "Gazete Basel" unterstützt
jede Möglichkeit und jeden Versuch, die
die Leistungen der Kinder fördert.
Wir
danken Ihnen deshalb, dass sie zu uns gekommen sind, um über
dieses wichtige Projekt Auskunft zu geben.
Es
war für mich sehr interessant. Die Fragen kommen aus einer
anderen Perspektive wie von den deutschsprachigen Medien her
gewohnt. Ich danke Ihnen auch.
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