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Ein
Interview mit Jürg Meyer
Wie
ein Jurist mit Doktortitel zum Journalismus kommt...
Wie
kommt ein Jurist mit Doktortitel zum Journalismus, und was führte
ihn dazu, vor allem soziale, politische Themen, Fragen der
Entwicklungszusammenarbeit, der Umweltgerechtigkeit oder der
Friedenspolitik journalistisch zu «beackern»? – Die Rede ist
von Jürg Meyer, ab 1969 für die Nationalzeitung, dann für die
Basler Zeitung tätig und seit dem 1. Juli 2003 pensioniert. snc
hat sich mit dem «Unruheständler» unterhalten.
snc
interview:
sevim
civil
foto:
mehmet gürz
snc:
Als Jurist hättest du einen anderen beruflichen Weg gehen können.
Warum hast du den Journalismus gewählt?
Jürg
Meyer: Ich war immer an politischen und sozialen Fragen
interessiert. Der Journalismus greift sehr stark in die
juristischen Bereiche ein, denn das politische Leben wird zu einem
grossen Teil von jenen Gesetzen geprägt, die ebenso auch für die
Rechtswissenschaften bestimmend sind.
Welche
juristischen Bereiche sind es?
Fragen
des Konsumkredits, Verschuldung, der sozialen Garantie eines würdigen
Lebensbedarfs. Im weiteren sind auch die Sozialversicherungen und
die Sozialhilfe rechtlich geprägte Institutionen. So garantiert
heute auch die Bundesverfassung eine würdige Nothilfe, das
heisst, jede Sozialpolitik hat ihre Grundlage in den
Menschenrechten und in der rechtlichen Garantie eines würdigen
Lebens.
Als
du als Journalist auf der Nationalzeitung anfingst, war das
politische Leben sehr polarisiert...
1970
war die Volksabstimmung über die sogenannte
Schwarzenbachabstimmung. Es ging dabei um die Initiative des
damaligen Nationalrates James Schwarzenbach, welche die Vertreibung von grossen Teilen
der ausländischen Bevölkerung vorsah. Man kann in diesem
Zusammenhang von ethnischer Säuberung sprechen. Die Initiative
wurde nur relativ knapp abgelehnt. In den vorangegangenen Jahren
herrschte in der Schweiz eine starke Wirtschaftskonjunktur und es
gab einen Mangel an Arbeitskräften und darum waren die ausländischen
Arbeitskräfte von den schweizerischen Unternehmen sehr gefragt.
Dagegen richtete sich eine nationalistische Gegenbewegung, die bis
heute für das politische Leben stark mitbestimmend ist.
Die
fortschrittlichen Teile der Bevölkerung traten auch für die
Rechte der ausländischen Bevölkerung ein. Bestimmend war für
sie, die Menschheit als eine Einheit und Schicksalsgemeinschaft zu
sehen, globale Verantwortung wahrzunehmen und für den Abbau der
sozialen Gegensätze einzutreten.
In
jenen Zeiten kam auch die Umweltbewegung auf, welche die
gemeinsame Bedrohung der ganzen Menschheit durch die Summierung
aller technischen Eingriffe mit ihren Nebenwirkungen hervorhob.
Also
hat in den Köpfen der Menschen ein Umdenkungsprozess
stattgefunden?
Es
gibt verschiedene Komponenten des Umdenkens. Die
Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg förderte die Kritik am
westlichen Machtsystem. Dasselbe gilt auch für die atomare Rüstung.
Weiter wurde der globale Wohlstandsgraben zwischen Arm und Reich
neu wahrgenommen. Ins Blickfeld kam neu auch die Armut in der
Schweiz und in den anderen Industriestaaten.
Neu
zur Geltung gebracht wurden Ansprüche auf Mitbestimmung aller
Menschen, nicht nur in der Politik, sondern auch in der
Wirtschaft. Schliesslich wurde erkannt, dass die Natur sehr
verletzlich ist, und dass zu ihr Sorge zu tragen ist.
Als
Journalist war man sicherlich immer einbezogen in die
Kontroversen, die mit diesen Themen verbunden waren.
Es
gab damals in der Öffentlichkeit heftige Auseinandersetzungen,
die globale Sicht kollidierte mit vielfältigen Einzelinteressen.
Dies führte auch zu einem Druck auf die Medien.
Eigentlich
bildet die Fusion zwischen Nationalzeitung und Basler Nachrichten,
die am 31. Januar 1977 wirksam wurde, zu einem grossen Teil das
Ergebnis dieses Drucks. Die wichtigen Zeitungen sollten wieder
mehr lokale und lokalwirtschaftliche Interessen wahrnehmen.
Die
Gegensätze zwischen globaler Verantwortung und lokaler
Verankerung blieben im wesentlichen bis heute ungelöst.
Gibt
es in dieser Hinsicht gewisse Lösungsansätze?
Zuerst
muss man erkennen, dass das Probleme gibt. Völlig auflösen kann
man den Konflikt nie. Natürlich müssen wir auch unsere eigenen
Interessen wahrnehmen, wenn wir überleben wollen. Aber die
globale Verantwortung und die Verantwortung gegenüber den
einheimischen Armen sollten doch ein grösseres Gewicht haben.
Dies ist meines Erachtens durchaus erreichbar.
Was
war anders in der Basler Zeitung?
Mit
der Fusion wurde die Redaktion sehr heterogen. Man kann sie
eigentlich als grosse Koalition umschreiben. Die Mitgliedschaft
reicht von weit Links bis weit nach Rechts. Es war seit jeher sehr
schwierig, zu einer gemeinsamen Linie zu finden. In diesem
Zusammenhang muss festgestellt werden, dass seit den 60-er Jahren
die Recherche, das heisst, die eigene Suche nach den Fakten an
Bedeutung, massiv zugenommen hat. Mit diesen Fakten wurden auch
die politischen Gegensätze etwas relativiert, denn gleichgültig
wo man stand, war man sich einig, dass die Fakten in die Zeitung
gehören.
In
den 50-er Jahren waren die Zeitungen in der Basler Region
wesentlich dünner und viel stärker kommentierend. Im
wesentlichen waren sie damals gebunden an die politischen
Parteien. In den 60-er Jahren lösten sich die Zeitungen von den
Parteien ab. Dies erweiterte die Handlungsspielräume, auch Fakten
darzustellen, die nicht vereinbar waren mit den Konzepten der
massgeblichen Parteien.
Wie
ist es mit dem wirtschaftlichen Druck?
Ich
glaube, die finanzielle Abhängigkeit der Zeitungen von den
Inserenten ist wesentlich stärker geworden. Die Zeitungen sind
auch stärker von Kapital abhängig, um die modernen und neuen
Drucktechnologien finanzieren zu können. Dies bringt wesentliche
Beschränkungen der Handlungsfähigkeit.
Zum
Glück verstehen sich aber die Zeitungen heute in verstärktem
Masse als sogenannte Forumszeitungen. Sie wollen ein Abbild der
gesamten Gesellschaft bilden. Dies unter Einschluss der
Minderheiten. Dies bietet neue Chancen, auch Standpunkte zur
Darstellung zu bringen, die von wichtigen Trägern der politischen
und wirtschaftlichen Macht vehement bekämpft werden.
Der
Pluralismus bietet wichtige Chancen, sodass auch unbequeme
Standpunkte zur Darstellung kommen.
Warum
gibt es keine gesamtschweizerische Zeitung?
Das
hängt mit der föderalen Struktur der Schweiz zusammen. Das
politische Leben findet zu einem grossen Teil in den Gemeinden und
Kantonen statt. Dort können die Leute auch in verstärktem Masse
direkt in das politische Leben eingreifen. Darum findet auch der
Lokalteil der Zeitungen die grösste Aufmerksamkeit. Nur werden
heute die lokalen und auch nationalen Entscheidungsprozesse
vorgespurt durch globale Machtstrukturen.
Die
Ohmacht gegen diese Entwicklung bildet sicher eine wichtige
Ursache für den Terrorismus, den ich keinesfalls entschuldigen
will.
Doch
ist es notwendig, dass wir ausgehend von den Menschenrechten den
weltweiten Zusammenhänge eine grössere Beachtung schenken.
Heute
nehmen die Gegensätze zu. Auch die Umweltbedrohung nimmt zu. Wie
siehst du der Zukunft entgegen?
Es
gibt ein Ungleichgewicht der Macht. Vor allem haben die USA und
deren Spitzenpersonen ein zu grosses Gewicht. Dagegen richtet sich
auf einer konstruktiven Basis die Koalition der
Nichtregierungsorganisationen, die sich in den vergangenen Jahren
in den Foren von Porto Allegro (Brasilien) zusammengefunden haben.
In deren Workshops wurden wichtige Konzepte einer
Gegenglobalisierung erarbeitet. Dies halte ich für
vielversprechend und ich sehe mit grosser Hoffnung der Zukunft
entgegen.
Mit
dem Computer hat sich die Arbeitsweise der JournalistInnen massiv
verändert. Wie kamst du damit klar?
Wir
alle mussten uns mit den Gesetzlichkeiten des Bildschirms neu
vertraut machen. Aus Profis wurden dadurch wieder Lernende.
Drastische
Veränderungen brachte das Internet. Denn es machte viele Fakten
direkt zugänglich, die man vorher mühsam zusammensuchen musste.
Trotz aller problematischen Komponenten hat das Internet eine
wichtige liberale Funktion, welche für die Entwicklung des
demokratischen Lebens sehr wichtig ist. Umso wichtiger ist es,
dass das Internet auch den armen Völkern voll zugänglich gemacht
wird.
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