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Das Integrationsleitbild: Erste Erfahrungen

Die neue Migrations- und Integrationspolitik des Kantons Basel-Stadt ist drei Jahre Alt

Es sind drei Jahre vergangen, seit die Basler Migrationspolitik neu konzipiert worden ist. Die neue Politik stand seither mit ihren Zielsetzungen, den institutionellen Neuerungsschritten und dem alltäglichen Leben immer in der Tagesordnung des Kantons Basel.

Die Entwicklung in Basel hatte auch eine besondere Bedeutung in der gesamtschweizerischen Migrations- und Integrationspolitik. Die neuen Perspektiven in der Lösungsfindung und die Anordnungen beeinflussten Diskussionen in Bern und in den anderen Kantonen. Auch dort wurde das Basler Modell immer mehr genutzt.

Diese Politik, über die überall gesprochen wurde, ist in ihren dritten Jahr eines unseres Dossier Themen. Von äusserster Wichtigkeit ist das Interview mit der Nummer 1 in der Basler Integrationsbehörde, Thomas Kessler. Mit ihm wurde über die heutige Lage gesprochen. Wir "ziehen" uns jetzt zurück und lassen Sie mit unserem Dossier über dieMigrations- und Integrationspolitik von Basel alleine.

snc

interview: sevim civil

foto: mehmet gürz

snc: Herr Kessler, im Regierungsprogramm 1997-2001 hat der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt der Integrationspolitik einen hohen Rang eingeräumt. Es ist ein Leitbild und ein Handlungskonzept mit klaren Koordinationsstrukturen verfasst worden. Migration wird als ein wichtiger Teil der Kantonspolitik definiert.

Die alte defizit-orientierte "Ausländerpolitik" wurde auf den Kopf gestellt und das Potenzial an Kultur, Arbeitskraft und Ideen der Migrationsbevölkerung in den Mittelpunkt gestellt. Von jetzigem Standpunkt aus betrachtet, wo sehen Sie die Entwicklungen und wo nicht?

Thomas Kessler: Das Wichtigste ist, dass die hohe Priorität, die die Regierung dem Thema zuordnet, erhalten werden kann. Im neuen Politikplan der Regierung 2002-2005 gehört Integration zu den vier wichtigsten Schwerpunktthemen. Mit dieser guten Vorgabe der Regierung können wir das Leitbild und das Handlungskonzept mit der Unterstützung des Bundes ziemlich schnell umsetzen. Das ist eigentlich das Positive. Wir können den eigenen Plan einhalten.

Gleichzeitig sehen wir natürlich, was noch zu tun ist, wo wir Lücken haben. Durch die Entwicklung der ganzen Arbeit werden die Lücken präziser erfasst; die haben wir eindeutig bei der Ganztagesbetreuung von Kleinkindern und bei der Nachschulung, vor allem der Mütter, die im Familiennachzug nach Basel kamen. Hier haben wir noch viel zu tun. Das ist die aktuelle Situation.

Ein Drittel der Basler Bevölkerung besteht aus MigrantInnen und deren Nachkommen. In den letzten Jahren ziehen immer mehr SchweizerInnen von Basel weg. Der Bevölkerungsanteil der MigrantInnen nimmt hingegen zu. Wie stellen Sie sich die Zukunft unserer Stadt vor?

Das erscheint heute als aussergewöhnlich, ist aber, wenn man es ganz genau analysiert, eine uralte Konstante. Die Dynamik war immer so in einer Stadt. Die Stadt ist ein Ort der Migration, von Zu- und Wegzug. Diese Dynamik war früher in Basel stärker, ihren Höhepunkt hatte sie vor hundert Jahren. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es Zeiten, in denen sich die gesamte Stadtbevölkerung innerhalb von zwei Jahren ausgewechselt hat, statistisch betrachtet ist der Grund hierfür der starke Zu- und Wegzug.

Die Dynamik heute ist geprägt davon, dass die Stadt selber so gross geworden ist wie die Region. Die Wohnorte der Leute, die in der Stadt arbeiten, können auch auf dem Lande sein – oder in Baselland, Deutschland, Frankreich. Dieser Radius ist grösser geworden.

Dieses Phänomen sieht man fast in allen grossen europäischen Städten. Die Entmischung in der Stadt, beispielsweise wenn junge Familien wegziehen oder grössere Wohnungen gesucht werden, sind in ganz Europa vorhanden und betreffen MigrantInnen und gleichermassen auch SchweizerInnen.

Migranten-Familien, die sozial aufsteigen und eine grössere Wohnung suchen, verhalten sich genauso wie Schweizer Familien. Ein Problem in Basel ist, dass viel zu wenig Wohnungen für Familien existieren. Deshalb hat die Regierung das Programm "5000 Neue Wohnungen für Basel" lanciert, damit vor allem die jungen Familien die Stadt nicht verlassen.

Die Dynamik von Weg- und Zuzug ist relativ stabil. Es sind jedes Jahr etwa 10000 Menschen, die kommen und ein bisschen mehr, die gehen. Es gehen mehr, weil der Bedarf von Wohnraum jedes Jahr steigt. Das ist ein Zeichen von Wohlstand.

Der Nationalrat hat die Revision des Bürgerrechts gutgeheissen. Die MigrantInnen-Kinder der dritten Generation sollen inskünftig bei der Geburt mit Einverständnis der Eltern automatisch Schweizer Staatsbürger werden. Ausserdem dürfen die Einbürgerungsgesuche nicht mehr willkürlich abgelehnt werden. Die Revision des Bürgerrechts geht nun an den Ständerat. Wenn die Revision durchkommen würde, wie würde die Einbürgerungspraxis in Basel aussehen?

Die Einbürgerungspraxis in der Schweiz ist von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich. Die Bürgergemeinde Basel hatte immer eine liberale Praxis und hat die Bearbeitungszeit stark verkürzt.

Das Problem war ja bis jetzt nicht unbedingt die Präsenz in der Schweiz, also die Frist von zwölf Jahren, sondern die lange Bearbeitungszeit von bis zu drei Jahren. Das war eigentlich das Haupthindernis für Interessierte.

Mir kommt es vor, dass die Verkürzung der Bearbeitungszeit in Basel, aber auch in Bern fast wichtiger ist als die Revision des Bürgerrechts. Die Revision ändert für Basel nur im Punkt der Aufenthaltszeit, die für ein Einbürgerungsgesuch nötig ist. Diese wird bei Erwachsenen von zwölf auf acht Jahre verkürzt.

Die Entscheide in Basel werden sehr sorgfältig getroffen. Deshalb begrüsse ich die Einführung des Rechtsmittels, dass man vor Gericht gehen kann, um einen Willkürentscheid überprüfen zu lassen, sehr. Ich habe über das Einbürgerungswesen noch keine Reklamation erhalten. Hier sind die Kunden zufrieden.

Basel-Stadt hat eine kantonale Anlaufstelle betreffend rassistische Diskriminierung eingerichtet und will damit eine offene Integrationspolitik etablieren. Seit wann gibt es die Anlaufstelle und was zeigen die bisherigen Erfahrungen?

Diese Stelle ist bei mir angegliedert und soll zusätzlich zur Integration, in einem Parallelbereich gegen Diskriminierung, handeln. Die Regierung hat diese Stelle vor über zwei Jahren auf Anfrage der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus eingerichtet, um, durch eine Anlaufstelle systematisch allfällige Hinweise zur Diskriminierung erfassen, beraten und dagegen vorgehen zu können.

Zwischen der Ombudsstelle, den Beratungsstellen und Anzeigen wegen Verstössen hat es im Antirassismusgesetz einen Graubereich der subtilen Diskriminierung und diese Stelle hier erfasst auch diesen Bereich, d.h. wenn beispielsweise bei der Wohnungsvergabe, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit die Leute subtil diskriminiert werden und nicht direkt frontal. In solchen Fällen kann man sich an eine Beratungsstelle oder an uns wenden.

So können wir auch ziemlich systematisch erfassen, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist, welche Themen akut und brisant sind. Somit haben wir eine relativ gute Übersicht zur Problematik der Diskriminierung.

Integration ist zu einer Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Kantonen und Gemeinden geworden. Es werden gemeinsame Zielvorgaben, klare Prioritäten und eine vermehrte Koordination gewünscht. Welchen Stellenwert hat der Kanton Basel-Stadt in dieser Zusammenarbeit?

Wir haben den Vorteil, dass wir ein Stadtstaat sind. Als Stadt können wir kleinräumig und dynamisch agieren. Gleichzeitig haben wir den Status eines Kantons. Somit können wir direkt mit dem Bund verhandeln. Ausserdem haben wir eine sehr gute Partnerschaft mit dem Kanton Basellandschaft und dem Bund.

So haben wir innerhalb der Schweiz häufig auch eine Vorreiterrolle oder eine Vermittlungsrolle, wenn es Konflikte zwischen dem Bund und oder beispielsweise den konservativen Kantonen gibt. Wir sind also in der Koordination stark präsent, dies auch, weil in unserem Kanton diese Strukturen schon lange präsent sind.

Wir haben eine sehr effiziente Koordination. Viele Kantone, aber auch viele Bundesländer aus Österreich und Deutschland, sind sehr an unserem Konzept interessiert.

Soll die Schweiz in der Ausländerpolitik die EU-Massstäbe erreichen oder einen eigenen Weg gehen? Was meinen Sie dazu und was sind ihre Visionen?

Die EU ist eigentlich nur bei der Einbürgerung fortschrittlicher, weil in den meisten EU-Ländern die Aufenthaltsfristen kürzer sind und die Einbürgerung ein Verwaltungsakt ist.

Bei der allgemeinen Integrationspolitik ist die EU sehr heterogen. Sie hat sehr moderne Konzepte, aber auch sehr konservative. Derzeit erleben wir in Holland und Dänemark eine Umkehr von einem liberalen zu einem restriktiven Modell, die EU ist also sehr uneinheitlich.

Deshalb bin ich der Meinung, dass die Schweiz einen eigenen Weg gehen muss. Der Anfang ist jetzt mit dem Artikel 25 a im Ausländergesetz vollzogen. Entscheidend ist, dass die Integrationspolitik schnell, aber realistisch ausgebaut und weiterentwickelt wird.

Die wichtigsten Themen der Integration sind die Familien-, Sozial- und Bildungspolitik. Das sind Themen, die wichtiger sind als die Integrationsfragen und sollen mehr Gewicht kriegen. Das heisst konkret, die Schweiz hat keine kohärente Familienpolitik. Wenn wir die Thematik richtig analysieren, stellen wir fest, dass die Familienpolitik wichtiger ist als die Integrationspolitik. Mit einer guten Familienpolitik wären die meisten Probleme der Integration gelöst, weil dann die Eltern sich früh integrieren könnten, die Kinder hätten Ganztagesbetreuung, die Eltern könnten beide arbeiten, die soziale Integration würde in zwei Sprachen gut verlaufen.

Eine dynamische Integrationspolitik dient dazu, die Lücken in anderen Politikbereichen zu erkennen. Das ist das Interessante.

Wie soll das Integrationskonzept im Alltag umgesetzt werden?

Das Ziel ist, dass die Integration im Alltag zum Normalfall wird. Die Dynamik braucht es, um im Alltag diese Normalität herzustellen. Integration im Alltag wäre der freundliche Empfang, die Gastfreundschaft, die Kommunikation, dass die Familienunterstützung vorhanden ist, dass der Kindergarten früher, mit drei oder vier Jahren, beginnt und nicht erst mit fünf Jahren.

All dies sollte zum Alltag gehören. Erst dann wird Integration leicht und selbstverständlich. Aber solange wir nicht all diese Angebote haben, muss man über die Bewältigung der sogenannten Defizite diskutieren. Beispielsweise Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in den Kindergarten kommen. Das ist ein klassisches Defizit, das sehr problematisch ist, aber nicht nötig wäre.

Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer schwierigen Arbeit.

Es waren interessante Fragen, die entscheidende Punkte berühren.

Leitbild:

Abschied von Defizitidee

Das Resultat des Leitbildprozesses ist ein eigentlicher Paradigmawechsel – weg vom alten Defizitansatz hin zum Potentialansatz. Was heisst dies nun?

Die "alte Politik" hat sich nicht um Integration gekümmert; sie befasste sich vor allem mit den teuren Problemen der Nicht-Integration, den Folgen der Unterlassungen und der Versäumnisse. Sie befasste sich beispielsweise mit den ungenügenden Deutschkenntnissen der arbeitslos gewordenen ausländischen Arbeiter, also mit dem zu einem Problem gewordenen Defizit des betroffenen Menschen. Man hat nicht dem Werktätigen Deutschkurse und Weiterbildung angeboten, damit er sich qualifizieren und so seine Arbeit behalten kann, man hat erst nach der Entlassung das Symptom behandelt. Die Analysen haben gezeigt, dass dieser Defizitansatz teilweise den ganzen Arbeits- und Sozialbereich durchzieht und auch im Gesundheitswesen und der Justiz vorhanden ist. Viele sogenannte Ausländerprobleme sind bei genauer Betrachtung in Wirklichkeit Systemfehler, die im Interesse aller rasch korrigiert werden müssen.

Alte Politik auf den Kopf gestellt

Die "neue Politik" stellt das symptomorientierte Denken auf den Kopf, sie geht vom vorhandenen Potential aus, das heisst von den Erfahrungen, der Motivation, dem Wissen, den Kompetenzen und der Arbeitskraft der Immigrantinnen und Immigranten. Sie will dieses Potential (oder diese Ressourcen) von Beginn weg durch Information und Bildung fördern und im Interesse des ganzen Kantons sozial, wirtschaftlich und Kulturell nutzen- nach dem Prinzip Fördern und Fordern. Der Potentialansatz ist die erste Leitidee.

Integration - ein gegenseitiger Prozess

Die zweite Leitidee beschreibt Integration als gesamtgesellschaftliches und gesamtstädtisches Anliegen. Das heisst konkret, dass Integration immer ein gegenseitiger Prozess zwischen Zuzügern und Einheimischen ist und die Integration nicht von der Stadtentwicklung, bei uns namentlich von der Entwicklung der Arbeiterquartiere (Matthäus, Klybeck, St. Johann und Gundeli) getrennt werden kann.

Integrationspolitik ist deshalb eng mit den Stadtentwicklungsprojekten gekoppelt. Es wird also nicht nur in die Information und die Bildung investiert, um dem sozialen Abstieg vorzubeugen und das Potential zu nutzen, sondern es wird auch in die "Hardware" (Wohnungen, Grünraum,) investiert, damit generell die Erfolgreichen und die jungen Familien in Basel bleiben und nicht auf der Suche nach Wohnraum weg ziehen.

Ethnisierung gilt es zu vermeiden

Die dritte Leitidee beschreibt den bewussten und sorgsamen Umgang mit Differenz, das heisst die Verpflichtung auf genaue Analysen der Probleme und auf die Vermeidung von sogenannter Kulturalisierung oder Ethnisierung. Jede Pauschalisierung und gut gemeinte Romantik wird ebenso abgelehnt wie Mythen. Die neue Integrationspolitik nimmt auf der Grundlage der Menschenrechte und unserer Gesetze alle Menschen ernst und nimmt sie individuell in die Verantwortung. Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, einer Religion oder einer Sprachgruppe gibt keine Sonderrechte und darf auch nie zu Diskriminierung führen. Vor allem Migrantinnen sind bis jetzt von vielen Integrationsangeboten kaum erfasst worden. Der "Paternalismus" hat ebenfalls ausgedient, Hilfe soll stets der Selbsthilfe dienen.