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Interview mit August Lienin

Kinderkriegen unterliegt dem sozialen Wandel 

Die Ausländerinnen treiben die Reproduktionsrate in der Schweiz hoch. Dieser Ansicht widerspricht der Kantonsstatistiker des Kantons Basel-Land, August Lienin. Über seine Argumente unterhielt sich snc mit dem Kenner der Materie. 

Die Schweizer Bevölkerung stirbt aus, mangels Nachkommen – eine für viele beängstigende Vision. Zwar schrieb der nachmalige deutsche Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass die Novelle "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus" (1), zu dem er auf einer Asienreise inspiriert wurde. Auch politische Ereignisse der Zeit in seiner Heimat spielten wohl eine Rolle. Nicht nur bei unseren Nachbarn, sondern auch in der Schweiz redet man oft von der Fertilitätsquote. (2) Darunter versteht man die statistische Zahl Kinder einer jeden gebärfähigen Frau, die notwendig ist, um die einheimische Bevölkerung auf dem bisherigen Stand zu halten (Krankheiten und Todesfälle eingerechnet). Im Gespräch betont August Lienin, das "Fruchtbarkeitsverhalten" variiere in einer Bandbreite: Schweizerinnen würden deutlich weniger, die in der Schweiz lebenden Ausländerinnen dagegen viel mehr Kindern das Leben schenken.

snc

interview: georges bertschinger

foto: mehmet gürz

snc: Herr Lienin, wieviele Kinder werden in der Schweiz geboren?

August Lienin: Im Jahr 2000 waren laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) 11 lebensgeborene Kinder je 1000 Einwohner. In dieser Zahl sind schweizerische und ausländische Neugeborene enthalten. (3) Die "zusammengefasste Geburtenziffer" beträgt lediglich 1,48 Kinder. Oder in absoluten Zahlen ausgedrückt, kamen 2000 78.458 Babys zur Welt. Die entsprechenden Zahlen für den Kanton Baselland sind in Relation zur Bevölkerung fast gleich hoch. (4)

Was für eine Geburtenziffer ist denn notwendig, um für genügend Nachwuchs zu sorgen?

Man hat vor einigen Jahren ausgerechnet, dass die schweizerische Bevölkerung sich bei einer Geburtenziffer von knapp über 1,8 reproduzieren könnte. Die Statistik hat festgestellt, dass diese Ziffer je nach Herkunft, Alter und sozialem Verhalten variabel ist. Das heisst beispielsweise, ausländische Frauen im gebärfähigen Alter bringen über 2,5 Kinder zur Welt, Schweizerinnen hingegen nur etwa 1,4 Babys.

Bleiben diese Werte des Bevölkerungswachstums in der Schweiz stetsgleich hoch?

Nein. Die Zahl der Lebendgeborenen hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa dem sozialen Wandel, der inneren Einstellung zu Kindern überhaupt davon, ob die Elternteile Doppelverdiener sind, usw. Ich bin soeben von einem Statistiker-Kongress in Konstanz zurückgekehrt. Selbst für mich etwas überraschend nahm ich das Faktum zur Kenntnis, dass die Geburtenziffern langfristig nur geringen Einfluss haben auf die Altersstruktur.

Wirkt sich die Einwanderung von Müttern ohne Schweizerpass nicht mehr positiv auf die Altersstruktur aus?

Man sagt doch, dank den Ausländern würde der erwerbstätige Anteil der Bevölkerung zunehmen.

Dieser Effekt ist da, ohne Zweifel. Doch Experten für das Fruchbarkeitsverhalten der Frauen, wie wir das nennen, haben herausgefunden, dass sich diese Auswirkung langfristig abschwächt. Mit andern Worten: Das Fruchtbarkeitsverhalten, die Gebärhäufigkeit von

Emigrantinnen gleicht sich schrittweise demjenigen der Schweizerinnen an. Woran dies genau liegt, erforscht die Wissenschaft noch. Sicher spielen dabei vielfältige Faktoren der Biologie, der Psychologie, der Ökonomie und der Religion eine Rolle.

Wird die Geburtenziffer sich also nicht erhöhen?

Wahrscheinlich nicht, denn heute sind lediglich 10 Prozent der Schweizerinnen unter 25 Jahren, in der Alterskategorie der höchsten Fruchtbarkeit, verheiratet. Im Jahr 1970 noch hatten sich in diesem Alter rund 50 Prozent bereits verheiratet. Aber Voraussagen sind immer schwierig, weil die Einflussfaktoren grossen Schwankungen unterworfen sind.

Herr Lienin, wir bedanken uns für das Gespräch.

(1) Günter Grass: Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus. Darmstadt und Neuwied, 1980.

(2) Fertilität ist ein medizinisch-biologischer Begriff. In der Soziologie wird heute eher von "Fruchtbarkeitsverhalten" gesprochen. Die "zusammengefasste Geburtenziffer" in der Statistik  drückt die durchschnittliche Kinderzahl je Frau aus, d.h. die Zahl Kinder, welche die Frau gebären würde, wenn sie in ihrer gesamten gebärfähigen Zeit das Fortpflanzungsverhalten der verschiedenen Altersgruppen im Beobachtungsjahr aufweisen würde.

(3) Statistisches Jahrbuch der Schweiz 2002, Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2002, S. 64ff.

(4) Für den Kanton Basel-Land liegen die Zahlen für 2001 vor: Auf 1.000 Einwohner wurden 9,1 Kinder geboren, 8,3 bei Schweizern, 12,8 bei Ausländern. Total kamen 2001 2.387 Lebend geborene zur Welt. (Statistisches Jahrbuch 2002, Kanton Basel-Landschaft, Liestal, 2002, S. 30)

Nur Fragen, aber kaum Antworten

Wie wird sich die Bevölkerung bis in 10 Jahren weiter entwickeln? Eine Frage ohne zuverlässige Antwort,nur mit Schätzungen und Annäherungen. Auch die wissenschaftliche Statistik kämpft mit den geopolitischen Unwägbarkeiten.

Wird die weltweite Rezession der Wirtschaft einen Zuwanderungsschub bringen, oder wird der Immigrantenstrom zurückgehen? Die Statistik kann über die Vergangenheit genaue Angaben erarbeiten, doch bei Voraussagen muss sie passen. Der Chefstatistiker von Baselland, August Lienin, stellte klar, dass bei Vorausberechnunen die Annahmen, die man trifft, das Problem darstellen. Bezüglich der Bevölkerungsdynamik der Schweiz lassen sich die Werte bis heute nicht wie z.B. Schülerzahlen in die Zukunft projizieren. Welche Zugangserleichterungen für Arbeits- und Studierwillige, welchen Bedarf der Unternehmen, was für eine Wirtschaftsentwicklung soll der Statistiker seinen "Prognosen" unterstellen.

Immerhin hielt Lienin fest, dass die Bilateralen Verträge zwischen der EU und der Schweiz Auswirkungen haben könnten, weil zum Beispiel die Grenzgänger nun in der Schweiz ungehindert Wohnsitz nehmen dürfen. "Grosse Bewegungen in der Zuwanderung sind jedoch nicht zu erwarten", verspricht der Chefstatistiker.

Das Abkommen über den freien Personenverkehr ermöglicht den Schweizern freien Zugang zum EU-Arbeitsmarkt. Umgekehrt für EU-Bürger den Zugang in der Schweiz. Das Abkommen regelt den längerfristigen Aufenthalt.

Bei einer Assoziation der Schweiz zum Schengener Übereinkommen von 1985 und 1990 würden der Schweiz ähnliche Mitwirkungsmöglichkeiten zugestanden wie den Nicht-Eu-Mitgliedländern Norwegen und Island. "Schengen" baut die Personenkontrollen an den Binnengrenzen der EU ab, auf der anderen Seite wird das Sicherheitsbedürfnis der Mitgliedstaaten mit verschiedenen Massnahmen gedeckt:

Verstärkung der Grenzkontrollen an den Aussengrenzen des Schengen-Raumes

Gemeinsame Visa- und Asylpolitik

Verbesserung der grenzüberschreitenden Polizeizusammenarbeit

Informationsaustausch über gesuchte Personen und Sachen

Erleichterung der Rechtshilfe

Zusammenarbeit im Kampf gegen den Drogenhandel.

Falls eine Assoziation Schengen-Schweiz zustande kommt, hätte die Schweiz mindestens ein Recht auf Mitwirkung bei Entscheidungen im Asyl- und Visumsrecht im EU-Raum, welche sie ohnehin betreffen. (gbe)