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"Integrations- und  Migrationspolitik 

des Kantons Basel-Landschaft"

Interview mit Julia Morais

"Integration ist sicherlich ein gegenseitiger Prozess." 

Wir haben ein Gespräch mit Julia Morais geführt. Mit ihrer Mitarbeit ist die Priorität im Kanton Basel-Landschaft der Spracherwerb, weil die Sprache der Schlüssel zur Integration ist. Julia Morais, eine selbstbewusste Frau, die felsenfest hinter ihrer Meinung steht, arbeitet für die Stabsstelle für Integrations- und Migrationsfragen Basel-Landschaft.

snc

interview: sevim civil

foto: miroslav pazdera

snc: In Basel-Stadt steht hinter Integrations- und Migrationsfragen die Regierung. Dies ist sicherlich ein Faktor, der die Arbeit erleichtert. Wie ist dies in Basel-Landschaft?

Julias Morais: Ich denke, Ende der neunziger Jahre wurde der Stellenwert einer effizienten und bis dahin nicht wahrgenommenen Integrationspolitik seitens der Kantonsregierung ganz klar erkannt. Damals wurde eine erste Arbeitsgruppe, die sogenannte Umiker-Kommission berufen, die zur Aufgabe hatte, dem Regierungsrat Massnahmen im Integrationsbereich zu unterbreiten.

Aufgrund des damals erarbeiteten Konzeptes wurden der Regierung folgende Vorschläge unterbreitet: Erstens, dass die Erziehungs- und Kulturdirektion BL die Federführung des Integrationswesens übernimmt. Zweitens die Schaffung einer Stabsstelle, meiner heutigen Stelle, und drittens die Einsetzung eines Forums für Integrationsfragen. Alle diese Forderungen sind also realisiert worden. Aber man darf nicht vergessen, dass der Kanton Basel-Landschaft aus 86 Landgemeinden verschiedenster politischer couleurs besteht, die einerseits alle autonom sind, also einen grossen Spielraum für eigene Projekte haben, und andererseits natürlich auch unterschiedliche Bedürfnisse haben.

In Baselland gibt es so-mit nicht nur die kantonale, sondern auch die kommunale Ebene, die eine wesentliche Rolle spielt.

Gibt es konkrete Integrationsprojekte?

Mit dem Zuzug einer Migrantin oder eines Migranten in den Kanton Basel-Landschaft setzen auch unsere Integrationsbemühungen ein. Alle NeuzuzügerInnen werden zu einer Informationsveranstaltung beim Ausländerdienst Baselland eingeladen. Bereits beim Neuzuzug sollen MigrantInnen erste Informationen über die Schweiz und den Kanton Basel-Landschaft erhalten. Diese regelmässig stattfindenden Veranstaltungen werden auf Deutsch, aber unter Einbezug von ÜbersetzerInnen und MediatorInnen abgehalten.

An den Anlässen erwartet die Teilnehmenden eine Kurzeinführung in die politischen Verhältnisse, und sie werden über die Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, z.B. über das Deutschkursangebot, das kantonale Schulsystem oder auch über Freizeitmöglichkeiten in der Regio infomiert.

Und das Connectica Deutschkurs mit Kinderhort...

Connectica ist ein Frauenbildungsprojekt, das sich speziell an Frauen mit Kindern richtet, denn absorbiert von Haushalt und Kindererziehung hat gerade diese Zielgruppe häufig keine Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Ziel ist es, diesen Deutschunterricht in Baselland flächendeckend mit bis zu 24 parallel laufenden Kursen anzubieten.

Dieser Sprachkurs beinhaltet auch Sozialinformationen. Unter anderem beteiligen sich die Fachstellen Halt Gewalt, das Gleichstellungsbüro und die Fremdenpolizei an diesem Projekt. Finanziert wird dieses Projekt von Bund, Kanton, Gemeinden und einer Eigenleistung der TeilnehmerInnen.

Für spät nachgezogene Jugendliche haben wir Sugal con chili, einen intensiven Deutschkurs-extra für diese Altersgruppe entwickelt. Der Kurs dauert 16 Wochen und beinhaltet auch ein viertägiges Konflikttraining. Der Pilotkurs beginnt Anfang dieses Jahres. Anmeldungen richten Sie bitte an den Ausländerdienst Baselland. Der Kurs soll den Einstieg in die Berufs- oder Ausbildungswelt erleichtern.

In regelmässigen Abständen finden Elternabende mit Informationen rund um das Schweizer-Schulsystem und die Ausbildungswege für verschiedene Migrantengruppen statt. Diese Anlässe werden dann in der jeweiligen Muttersprache abgehalten. Bisher wurden 14 Elternabende für türkische, tamilische, kosovo-albanische, albanische und portugiesische Eltern im ganzen Kanton abgehalten.

Auf Kindergartenebene unterstützen wir z.B. das Projekt Anker, das die sprachliche und quartierbezogene Integration von fremdsprachigen Kindern, aber auch von deren Eltern fördert. Praktisch sieht das so aus, dass die Mütter einmal pro Woche mit in den Kindergartenablauf einbezogen werden. Dadurch wird das Interesse von MigrantInnen an Kindergarten und Schulfragen geweckt, und ein Austausch mit den einheimischen Eltern entsteht, der ausserhalb des Kindergartens dann eben wieder zu besseren Kontakten im Quartier führt.

Wir legen in Baselland grossen Wert auf die Partizipation von MigrantInnen in der Integrationsarbeit.

So ist zum Beispiel die vor kurzem mit dem baselstädtischen Integrationsspreis ausgezeichnete «Gruppe Beraber» im Kanton Basel-Landschaft entstanden und wird dort bereits seit drei Jahren sowohl finanziell wie ideell unterstützt.

Welche konkreten Zusammenarbeitsprojekte gibt es mit dem Kanton Basel-Stadt?

Ein sehr wichtiges bikantonales Projekt ist die Öffentlichkeitskampagne «Tatsachen gegen Vorurteile». Aber auch die neu eingerichtete Datenbank, die durch die Vernetzung des Ausländerdienstes mit der GGG zustande kam, ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit mit Basel-Stadt.

Gibt es gemeinsame Entscheidungsgrundlagen der beiden Kantone?

Bei bikantonalen Projekten bildet ein regierungsrätlicher Beschluss die Grundlage.

Was allgemein Finanzierungsgesuche für Projekte aus dem Integrationsbereich anbelangt, tauschen sich die jeweils relevanten kantonalen Stellen natürlich aus.

Da die Integrationspolitik von Basel-Stadt und Basel-Landschaft inhaltlich die gleichen Ziele verfolgt, sind demnach auch die Entscheidungskriterien ähnlich.

Ist das Baselstädtische Integrationsmodell für Baselland anwendbar?

Diese Frage wird mir häufig gestellt. Wir haben ja in Baselland auf ein eigenes Leitbild verzichtet, und zwar auch deswegen, weil von Basel-Stadt diese Vorarbeit schon geleistet wurde. Wir müssen das Rad ja nicht neu erfinden. Die Grundgedanken des Leitbildes, nämlich die Wahrung der Chancengleichheit, der ressourcenorientierte Ansatz und vor allem gute (Sprach)-Bildung, sind auch das Fundament der basellandschaftlichen Integrationspolitik.

Was sind die Prioritäten in Baselland betreffend Integrations- und Migrationsfragen?

Im Kanton Basel-Landschaft steht auf der Prioritätenliste ganz oben der Spracherwerb, und zwar weil die Sprache der Schlüssel zur Integration ist.

Ohne Sprachkenntnisse ist keine Verständigung mit der Scweizer Bevölkerung möglich und somit keine soziale Integration, keine Weiter- oder Ausbildung, nur ein schlechter Zugang in die Berufswelt.

Damit verbunden sind auch geringere Verdienstmöglichkeiten. Ausserdem zeigen sich als Folge von Isolation und Desintegration nicht selten gesundheitliche Probleme bei den Betroffenen. Wenn die Mutter ausfällt, leidet die ganze Familie...

Sie sehen, die Sprache nicht beherrschen zu können, kann einen ganzen Rattenschwanz an Problemen nachziehen.

Soll die Schweiz in der Ausländerpolitik die EU-Masstäbe erreichen oder einen eigenen Weg gehen? Was meinen sie dazu und was sind Ihre Visionen?

Es gibt ja leider keine einheitlichen EU-Massstäbe. Wenn in Frankreich ein Kind ausländischer Eltern geboren wird, erhält es automatisch die französische Nationalität, gleich wie in England und den USA. In Deutschland bekommt das Kind zwar einen deutschen Pass, zusätzlich zu dem Pass der Nationalität der Eltern, muss sich aber mit 18 für den einen oder anderen Ausweis entscheiden.

Allerdings werden in den EU-Ländern MigrantInnen sehr viel schneller eingebürgert und haben politische Rechte, und wer von seinen politischen Rechten Gebrauch macht, setzt sich differenzierter mit seiner Umwelt auseinander. Das wiederum fördert sicherlich die Integration wesentlich.

Mit dem neuen Bundesgesetz zur Regelung von Aufenthalt und Niederlassung der in der Schweiz lebenden AusländerInnen schlägt die Schweizer Ausländerpolitik - aus der Einsicht heraus - , dass gesteuerte Zuwanderung eine Erfolgsbedingung von Integration ist, einen Weg ein, der zu einer drei Klassengesellschaft führen wird, nämlich den Schweizern, den bevorzugten EU-Bürgern und den Hochspezialisierten aus den nicht EU-Ländern. Eine solche Aufteilung wird schlussendlich Rassismus und Vorurteile schüren.

Ganz abgesehen von der SVP Initiative, über die am 24. November abgestimmt wurde. Diese Initiative verlangte eine Schweiz ganz ohne Asyl, denn sie forderte, dass nur Flüchtlinge in der Schweiz Asyl erhalten, die nicht über einen "sicheren Drittstaat" eingereist sind. Da 98% aller Flüchtlinge über den Landweg einreisen und die Schweiz von sicheren Drittstaaten umgeben ist, heisst das im Klartext, dass die Schweiz keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will.

Ich frage mich da wirklich: Muss die humanitäre Tradition in der Schweiz schon wieder international diskutiert werden?

Die Schweiz kann keine Ausländerpolitik unter der "Käseglocke" betreiben.

Um die Probleme rund um Migration und Integration nachhaltig und solidarisch lösen zu können, braucht es den Dialog und die Zu-sammenarbeit mit der EU.

Was verstehen Sie persönlich unter Integration?

Integration bezeichnet für mich die Eingliederung neuer Bevölkerungsgruppen in bestehende Sozialstrukturen und die Art und Weise , wie diese neuen Bevölkerungsgruppen mit dem bestehenden System in sozialer, wirtschaftlicher, rechtlicher und kultureller Beziehung verknüpft werden.

Wann ist Ihrer Meinung nach ein Integrationsprozess abgeschlossen (Sprache, Ausbildung etc.)?

Vereinfacht ausgedrückt, wenn sich eine Migrantin / ein Migrant, hier zu Hause fühlt, die Sprache beherrscht, im persönlichen Umfeld Freundschaften, sowohl mit SchweizerInnen, wie natürlich auch mit anderen MigrantInnen geknüpft hat. Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, sowie Umschulungen wahrgenommen hat und Zugang zur Arbeitswelt gefunden hat. Im Weiteren am kulturellen Leben teilnimmt und sich auch für politische Fragen im Land interessiert.

Bedeutet Integration nicht auch, dass Schweizer sich gegenüber den anderen Kulturen öffnen oder anpassen?

Integration ist sicherlich ein gegenseitiger Prozess. Nur indem wir "aufeinanderzugehen" können wir den Integrationsprozess wirklich fördern. Die Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt versuchen, durch die Öffentlichkeitskampagne "Tatsachen gegen Vorurteile" Aufklärung zu betreiben und dadurch ethnischen Vorurteilen und Rassismus entgegenzuwirken.