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Ein
wichtiger Name im Moderndance
Parwin Hadinia:
"In
der Schweiz können verschiedene
Kulturen nur nebeneinander
Leben"
Parwin
Hadinia kommt 1965 als Tochter eines iranischen Vaters und einer
Schweizer Mutter in Basel auf die Welt. Bis zu ihrem 16.
Lebensjahr geniesst sie die schulische Bildung und entschliesst
sich dann, eine Tanzausbildung durchzuführen. Sie macht sich
auf den Weg. Die erste Stadt, in die sie geht, ist das Mekka der
Tänzer, New York. Von dort geht sie nach London und arbeitet am
modernen Balett. London gefällt ihr sehr gut, sie plant lange
Zeit dort zu leben. Eines Tages nähert sich ihr, nach dem
Unterricht in London, eine Frau und möchte, dass sie im
Staatstheater Ankara Tanzunterricht gibt. Parwin hört auf
ihre innere Stimme und sagt sofort zu. Dies wird ein
unerwarteter Wendepunkt in ihrem Leben. In den ersten zwei
Jahren in Ankara spricht sie englisch und denkt sich, dass sie
niemals türkisch lernen wird. Sie besucht keine Sprachkurse.
Weil aber die Kinder, die sie unterrichtet, mit ihr türkisch
sprechen, hat sie langsam, Schritt für Schritt auch damit
begonnen, sich auf türkisch zu äussern. Innerhalb kürzester
Zeit spricht sie sehr gut türkisch. Sie nimmt den Tagesablauf
in der Türkei an und fühlt sich in dem sozialen Leben und in
der Kultur immer wohler.
Parwin,
die 5 Jahre in Ankara gelebt hat, kommt aus persönlichen Gründen
zurück in die Schweiz, sie besucht immer wieder ihre Freunde in
Ankara, um ihre Sehnsucht zu stillen. Sie denkt oft an diese
Zeiten und erzählt, dass sie in dieser Zeit die innere Ruhe
gefunden hat. Warum? Dies erfahren wir im Gespräch mit ihr.
snc
interview:
özen
aytaç - sevim civil
snc:
Parwin, wieso hattest du dich dazu entschlossen, in London zu
leben?
Parwin:
London ist vor allem aus künstlerischer Sicht eine gute
Stadt. Ausserdem leben dort vielmehr Menschen wie "wir"
es sind. Ich möchte hier wie wir sagen, weil es in London keine
Londoner gibt. Dort haben in der Zeitspanne von vielen Jahren,
verschiedene Kulturen nebeneinander gelebt und haben es gelernt,
miteinander zu leben. In London kann jeder ein Leben leben, das er
sich wünscht. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben in
London wohl gefühlt. In London steht es nicht im
Vordergrund, woher die Menschen kommen und welcher Religion sie
angehören. Ich konnte zum ersten Mal meine Ängste abwerfen.
Das
Schicksal hat aber ein anderes Spiel gespielt...
Ja.
Eines morgens waren wir im Unterricht, mir ging es körperlich
nicht gut, ich hatte eine Verletzung am Bein. Auf einmal gingen die Türen
auf und eine Frau kam herein. Manchmal hat man eine Vorahnung, da
ist genau so etwas passiert: Ich fühlte, dass diese Frau mir eine
Arbeit anbieten wird. Später sagte ich mir, mein Gott, wieso
denkst du so etwas. Wir waren ungefähr 40 Leute im Unterricht,
nach dem Unterricht ist diese Frau wirklich zu mir gekommen und
hat mich gefragt, ob ich in Staatstheater Ankara modernes Balett
unterrichten möchte. Ich habe in dem gleichen Moment dieser Frau,
Inci Kursunlu, die noch immer Direktorin des Staatstheaters Ankara
ist, wie aus der Pistole geschossen “ja” gesagt.
6
Monate nach dem Angebot bin ich nach Ankara umgezogen. In der
ersten Zeit, bis ich eine Wohnung fand, lebte ich bei Inci
Kursunlu. Ankara war mir überhaupt nicht fremd. Nur die Sprache
war anders. Am Anfang dachte ich, dass ich diese Sprache nie
lernen werde und ging auch nicht in Sprachunterrichte. Die Kinder,
die ich unterrichtete, haben mir aber innert einem Jahr türkisch
beigebracht. Ich habe von den Kindern die Sprache gelernt.
Bevor
ich türkisch lernte, erlebte ich interessante Dinge, auf der
Strasse, in den Bussen und an den Einkaufsorten. Alle sprachen mit mir türkisch,
dies wegen meines Äusseren. Ich habe natürlich kein Wort
verstanden. Aus meiner Sicht war das Interessante folgendes: In
dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, in dem ich eine
Schweizer Mutter habe, haben mich alle als Ausländerin angesehen
und konnten nicht einfach einen Dialog eingehen. In der Türkei habe
ich genau das Gegenteil erlebt. Diese Erfahrung war für mich sehr
gut. Die andere Seite der Medaille ist, dass ich meine innere
Balance gefunden haben.
Siehst
du Ähnlichkeiten zwischen der iranischen und türkischen Kultur?
Die
Türkei und der Iran sind sich vielleicht ähnlich, aber nicht
gleich. Die Türkei ist ein anderes Land, mit einer anderen Kultur. Die Türkei
ist meiner Meinung nach, ein ganz anderer Ort auf der Welt.
Du
kennst die türkische Kultur und Sprache sehr gut. Wie bewertest
du, als eine Person, die in Istanbul, Izmir und Ankara gelebt hast,
uns hier?
Ich
kann hier einen guten Zusammenhang finden, weil auch wir die
Probleme durchleben, die die Menschen aus anderen Kulturen haben.
Wenn ein Mensch in eine andere Kultur kommt, entstehen Sehnsüchte.
Man will die eigene Welt, Kultur und Sprache leben und die Energie
teilen. Diese Dinge bleiben in einem verschlossen und stören
einen. Ich habe auch mit zwei Kulturen gelebt und sehe euch als
einen Teil von mir.
Es
ist für mich eine grosse Freude, in den Iran zu gehen, denn mein
Vater findet zu sich, sobald er im Iran ist. In der Schweiz lebt
er zwiespältig. Meiner Meinung nach eine schwere Situation.
In
der Schweiz können andere Kulturen nur nebeneinander leben.
Eigentlich wollen die Menschen miteinander leben, dies ist aber
noch nicht möglich. Ich denke es braucht für die Verwirklichung
noch Zeit.
Zur
Zeit, so wie ich das verstehe, entscheiden die Menschen nur mit
ihren Köpfen. So wie ein Mensch aus einer anderen Kultur mit
seinem Kopf “ich lebe hier" sagt, so sagt ein Schweizer mit
seinem Kopf “ja, sie sollen leben”. Es ist schade, dass das
nicht von innen, vom Herzen kommt.
Parwin,
welcher Kultur fühlst du dich hingezogener?
Ich
war sehr erstaunt während der Zeit, als ich von der Türkei zurück in
die Schweiz kam. Ich habe gesehen, dass ich in der Türkei einen
Lebensstil hatte, der mir näher war, es ist so, als wäre ich in
meine Kindheit zurückgekehrt. Ich habe für mich selbst voll und
ganz folgendes angenommen: in der Arbeit, im sozialen Leben und
beim Treffen mit Menschen fühle ich mich als ein Mensch aus der Türkei
und dem Iran. In meinem Privatleben aber, habe ich auch Seiten,
die ich von meiner Mutter angenommen habe und die ich mit ihr
verbinde.
Lass
uns doch ein wenig zur Künstlerin des modernen Balett´s Parwin
zurückkehren. Was war der grösste Ausschlagpunkt für deine
Berufswahl?
Die
Kunst habe ich durch die Liebe meiner Mutter zur Kunst kennen
gelernt. In jungen Jahren hat sie mich in Klavier- und
Balettunterricht geschickt. Ich hatte bei diesen Unterrichten nie
Schwierigkeiten. Ich erlebte in diesen Stunden einen Energiefluss,
den ich vorher nicht kannte. Vor allem beim Balett hatte ich keine
Probleme. Deswegen wollte ich mehr über die Balettbildung
erlernen und meine Technik erweitern. Das Modern Dance ist sowieso
eine Technik, die aus Amerika kommt. Mit dieser Technik kann man
Koreographien machen. Vielleicht war das der einfachste Weg für
mich. Tanzen ist für mich ein Genuss wie Wasser trinken.
In
Basel habe ich eine Tanzschule und wir erfinden neue, verschiedene
Projekte. Es kommen fast nur professionelle TänzerInnen.
Welche
Projekte sind im Moment aktuell?
Es
gibt ein Projekt mit Kindern. Die Kinder haben eine Präsentation
vorbereitet und in einer kurzen Zeit auf der Bühne vorgetragen.
Ein anderes Projekt ist mit der Idee‘’Up The Join’’
entstanden. Volks- und Jazzmusik haben sich im modernen Balett geäussert...
Beispielsweise können wir einen Zusammenhang zwischen Schweizer
Musik, der Musik der tanzenden Dervische und in einem anderen Teil
der Koeographie indische und finnische Musik finden. Dies obwohl
sie im ersten Moment ganz anders erscheinen. Wir sehen, dass in
den verschieden erscheinenden Motiven eine Gemeinsamkeit besteht.
Die Bedeutung ist, dass wir bald aufeinandertreffen...
Dies
präsentieren wir den künstlerischen Seelen der Menschen und
produzieren weiter.
Parwin,
wir danken sehr für dieses Gespräch.
Auch
ich bedanke mich herzlich. Ich habe eure Arbeiten gelesen und
finde sie sehr gut. Nach Jahren ist die Lust auf türkisch Lesen
in mir geboren. Die Feinheiten die ihr nutzt, die Sprache ist sehr
schön. Ich glaube daran, dass dieses gute Projekt weiterlaufen
wird. |