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Herr Rechsteiner, könnten Sie sich kurz
vorstellen und uns erzählen, wie Sie in die Politik gegangen
sind? Waren Politiker in Ihrer Familie?
Ich habe keine Politiker in der Familie. Mein Vater
war Milchmann und meine Mutter war Verkäuferin. Ich bin im Jahre
1958 in Basel geboren. Politisiert hat mich die Besetzung des
Atomkraftwerkgeländes in Kaiseraugust im Jahre 1975. Und seither
setze ich mich politisch ein für erneuerbare Energien und eine
intakte Umwelt. Mein zweites Arbeitsgebiet ist
Sozialversicherungen.
Wie nehmen Sie Stellung zur Migrationspolitik in
der Schweiz? Und in welchen Gebieten haben Sie sich in Ihrer
Geburtsstadt Basel und gesamtschweizerisch eingesetzt?
In Basel habe ich die Lenkungsabgabe auf
Elektrizität durchgesetzt. Das ist einzigartig in der Schweiz.
Eine ökologische Steuerreform. Strom ist ein bisschen teuerer.
Damit die Leute sparen, sie bekommen Ende Jahr einen Bonus
bezahlt, 60 Franken pro Kopf, damit Ökologie nicht unsozial ist.
Das ist etwas, was ich konkret erreicht habe. Und auf der
Bundesebene haben wir die sogenannten Einspeisegebühren für
Strom. Strom heisst Voltasch, Wind. Das trifft im Oktober 2008 in
Kraft. Hier habe ich massgebend mitgewirkt, damit es zu einer
Mehrheit gekommen ist. Das sind zwei von meinen bisherigen
Aktivitäten.
Migration ist nicht speziell mein Thema, aber ich
denke Basel hat eine Rot-Grüne Mehrheit in der Regierung. Was wir
wollen ist natürlich die Herausforderungen von verschiedenen
Kulturen zu bewältigen. Aktiv begegnen, d.h. Sprachförderung
für alle Zugewanderte, Frühförderung für kleine Kinder. Das
Ziel ist, dass alle Kinder schon im Kindergarten Deutsch lernen.
Die Sprache ist der zentrale Zugang zu allen. Zum Lernen, zum
Kontakte knüpfen und zur Chancengleichheit aller EinwohnerInnen
hier in der Schweiz.
Deshalb haben wir für die Bilateralen Verträge
gekämpft. Die Bilateralen Verträge in Europa ermöglichen den
freien Personenverkehr in ganz Europa. Das war für die Schweiz
ein grosser Schritt. Ich denke, gerade der Grenzkanton Basel hat
sehr viel davon profitiert. Es war früher einfacher, einen
Albaner nach Basel zu holen, der in Baugewerbe zu schlechten
Löhnen als Saisonier gearbeitet hat, als dass jemand aus Lörrach
nach Basel kommen und wohnen konnte. Also, wir hatten eine ganz
absurde Ausländerpolitik. Und das hat sich jetzt verändert.
Ist Bioethanol ökologisch und ökonomisch?
Meine Referenz ist bei Strombetrieben in maschinen
mit Windenergie, Sonnenenergie und nicht Bioethanol. Ich denke, es
gibt sinnvolle Anwendungen, aber die grossflächige Nutzung von
Monokulturen ist nicht sinnvoll. Es scheint mir sehr
problematisch. Weil die WTO es nicht ermöglicht, dass man
wirklich gute Umweltzertifikate hat. Die WTO verbietet ja die
Selektion von nachhaltiger Produktionsweise durch den Staat.
Ich bin der Ansicht, dass wir Bioethanol nur in
einem beschränkten Ausmass nutzen können. Aber so wie es jetzt
gemacht wird, ist es eine unendliche Expansion auf Kosten des
Regenwaldes, auf Kosten der Kleinbauern und
Lebensmittelproduktion. Nur damit die Amerikaner und Schweizer
grosse Autos fahren können. Das ist nicht ökologisch.
Genügt die vorgesehene CO2-Steuer zum Erreichen
der Kyoto Ziele?
Nein, sie genügt noch nicht.
Finden Sie den Wiesenbergtunnel nötig?
Ja, klar.
Ist beim Schlipf die Zollfreistrasse gefährdet?
Nein, ist sie nicht.
Diese Fragen waren von einem Mann
zusammengestellt. Jetzt kommen wir zu einer Frage von einer Frau.
Finden sie das Anheben des Benzinpreises bei
grossen, viel konsumierenden Autos, ökonomisch?
Ja sicher. Wir haben heute zu viele schwere Autos.
Deshalb ist das Benzin immer noch zu billig. Aber wir wollen nicht
nur höhere Benzinpreise. Wir wollen auch tiefere
Krankenversicherungsprämien. Die Mehreinnahmen werden ja für die
Reduktion der Krankenkassenprämien verwendet. Das ist wichtig.
Das ist keine Steuer, sondern ein Bonus-Malussystem für
ökologische Zwecke. Meine Theorie ist, dass wir in ca. 20 Jahren
50 Prozent der Energie aus der Windenergie beziehen werden.
Jetzt komme ich zu den Fragen der mehrsprachigen
Nachrichtenagentur snc. Es wird behauptet , dass die Schweiz einer
Energielücke entgegengeht, sofern sie nicht investiert in neue
Atomkraftwerke oder Gaskraftwerke. Was halten Sie von diesem
Standpunkt?
Gar nichts. Wir werden 100 Prozent erneuerbare
Energien haben. Diese Techniken wachsen. Wind und Sonne verdoppeln
den Umsatz in zwei bis drei Jahren. Die Alternative Öl, Gas oder
Atom ist vollkommen falsch. Es ist wie die Pest. Beides ist
tödlich.
Warum braucht es in der Energiepolitik
überhaupt eine Versorgungsautonomie, wenn doch die Schweiz
integriert ist in die europäische und weltweite Wirtschaft und
vom Hühnerei bis zum Lastwagen vielfältige Produkte ohnehin aus
dem Ausland bezieht?
Es ist völlig richtig. Wir wollen uns stärker in
Europa vernetzen. Wir wollen saubere Energie. Es ist klar, die
besten Ressourcen Wind und Sonne sind nicht nur in der Schweiz. In
der Schweiz ist die Wasserkraft sehr stark. Wir haben auch ein
bisschen Sonne, Biomasse und Wind. Aber das ist nicht vergleichbar
mit grossen Ländern wie Spanien, wo es grosse Wüstengebiete und
Hocheben gibt. Oder auch Gebiete im Meer, wo man Windmühlen
aufstellt. Gebiete in der Wüste, wo man Solaranlagen aufstellt.
Im offenen europäischen Strommarkt kommen auch in diesen Gebieten
die grossen Ausbauten. In der Nordsee sind Windanlagen mit dem
Ertrag von 60 bis 100 Atomkraftwerken geplant. Schon in 10 Jahren
werden wir einen Stromüberschuss haben.
Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein,
Versorgungslücken mit Hilfe von Alternativenergien zu decken,
insbesondere Wind? Wie kann Windenergie in Übereinstimmung mit
Anliegen des Landschaftsschutzes gefördert werden?
Wie gesagt, wir haben in der Schweiz gute
Ressourcen. Im Rhonetal, auf den Juraketten, in den Voralpen. Das
ist auch kompatibel. Wir werden vielleicht einige 100 Windräder
haben. Das ist kein Problem für den Landschaftsschutz.
In der Schweiz hat es eine Million Hochspannungs-
und Mittelspannungsleitungen für Strom. Deshalb sollte man wegen
100-200 Windrädern keinen Prozess machen. Es ist völlig
unverhältnismässig. Wir werden diese Probleme lösen. Dazu gibt
es raumplanerische Instrumente, Richtpläne, wo die Windanlagen
entstehen sollen. Der Kanton Jura hat diese Richtplanung schon
gemacht. Viele Gebiete der Schweiz können sich auch selbst
versorgen.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, den
Energiebedarf zu drosseln mit verbindlichen Vorschriften der
Energieeffizienz und der Besteuerung nach Energieaufwand?
Was wir wollen ist, A-Klasse für sämtliche
elektrische Geräte. Das heisst nur noch Geräte, die sparsam
sind, keine Standby Verluste haben oder nur ganz geringe. Und
natürlich, auch die Verteuerung des Benzins wird zu effizienteren
Fahrzeugen führen.
Was muss sich ändern im Verbraucherverhalten,
damit eine umweltverträgliche Wirtschaft möglich ist?
Ich denke, wir müssen vielleicht schon auf
besonders schwere Fahrzeuge verzichten. Bessere, leichte Fahrzeuge
haben. Und wir sollten schauen, dass die europäischen
Verbindungen vermehrt mit der Eisenbahn erreichbar sind, anstelle
von Flugzeugen. Also, die Hochleistungsstrecken ausbauen.
Die Flugzeuge, dort ist vielleicht die
Umweltverschmutzung heute am stärksten wachsend. Dort sollten wir
sehr sparsame Flugzeuge einsetzen und einfach weniger fliegen. Das
sind die heiklen Punkte.
Wie lassen sich mit einer kompetenten
Umweltpolitik Arbeitsplätze schaffen und die Arbeitslosigkeit
vermindern?
Sie sehen das in Deutschland. Etwa 200 tausend
Leute arbeiten in der Wind- und Solarbranche. Die Zahl der
Beschäftigten wächst sehr schnell. Es sind Boomindustrien mit
Wachstumsraten von bis 30 bis zu 40 Prozent.
Im Bausektor heisst es, gute Häuser mit guter
Isolation zu bauen. Holz ist in der Schweiz nur zur Hälfte
genutzt. In ländlichen Bereichen und in den Bergen gibt es neue
Arbeitsplätze, wenn wir einheimische natürliche Energien nutzen.
Es gibt also ein grosses Spektrum an Arbeitsplätzen.
Nun möchte ich Ihnen noch einige Fragen über
Sozialpolitik stellen? Welchen Beitrag können staatliche
Sozialversicherungen zur Überwindung von Armut leisten?
Ich denke, wir sollten vor allem schauen, dass
Menschen, die arm sind, eine Arbeit erhalten. Eine
Erwerbsmöglichkeit und besonders, wenn Sie jung sind, und diese
Erwerbsmöglichkeit mit Aus- und Weiterbildung kombinieren. Die
berufliche Qualifikation ist das wichtigste.
Bei den älteren Menschen, denke ich, müssen wir
das Rentenalter flexibler machen. Menschen, die mit 60 nicht mehr
können, keine Arbeit finden, sollten die Möglichkeit haben, sich
vorzeitig zurückzuziehen aus dem Berufsleben, ohne deswegen
Fürsorge abhängig zu werden.
Was muss heute getan werden, damit die
internationale Konkurrenz unter den Bedingungen von
Tieflohnstrukturen in grossen Teilen der Welt nicht zur
kontinuierlichen Verschlechterung der Arbeits- und
Lebensbedingungen führt?
Ja, wir brauchen Demokratie. Gewerkschaften,
Menschenrechte auch in den armen Ländern, sodass dort die Löhne
mit der Zeit steigen und die Menschen eine Existenz haben.
Demokratie ist das beste Rezept für bessere Arbeitsbedingungen
und für den Umweltschutz.
Jede Sozialpolitik muss sich in massvoller Weise
mit Problemen des Missbrauchs auseinandersetzen. Wie lässt sich
verhindern, dass daraus ein Klima der pauschalen Verdächtigung
von allen Menschen in Notlagen hervorgeht?
Ich glaube, es gibt hier verschiedene Rezepte. Zum
Einen, bei Menschen, die wenig Geld haben, vermehrt Sachleistungen
geben, damit es nicht zu Missbräuchen kommt. Vergünstigte
Wohnungen oder Lebensmittelgutscheine können zum Beispiel nicht
für Drogen verwendet werden. Ich glaube aber nicht, dass
Missbrauch wirklich ein Problem ist.
Es gibt auch bei den Steuern sehr viel Betrug und
niemand spricht davon. Man weiss es gibt eine gewisse Quote von
Steuerhinterziehung. Ich glaube auch bei den Sozialhilfebezügern
eine gewisse Quote mit Schwarzarbeit. Aber es ist kein Grund das
ganze System in Frage zu stellen. Sonst müsste man die Steuern
auch abschaffen, nur weil gewisse Leute nicht alles deklarieren.
Die Arbeitsproduktivität nimmt immer noch zu.
Was lässt sich tun, damit gleichwohl nicht Dauerarbeitslosigkeit
zum unabwendbaren Schicksal für viele wird?
Wenn die Produktivität steigt, dann müssen auch
die Löhne steigen. Dann haben die Leute wieder mehr Geld, um zum
Beispiel sich gute Wohnungen leisten zu können. Es gibt Dinge,
die im Gesundheitswesen fehlen. Das heisst, wenn wir höhere
Löhne haben, dann gibt es keine Arbeitslosigkeit. Das Geld muss
wieder unter die Leute kommen.
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