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Interview
mit Ueli Mäder
Armut
trotz Reichtum
Obwohl
die Schweiz eines der reichsten Länder der Welt ist, gibt es
auch hierzulande Armut. Sie stellt sich nur auf den ersten Blick
nicht offensichtlich als solche dar. snc hat sich mit Ueli
Mäder,
Soziologe an der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider
Basel, Privatdozent an der Uni Basel und zurzeit a. o. Professor
an der Uni Fribourg über Armut und Reichtum in der Schweiz
unterhalten.
snc
interview:
özcan
gümüs
foto:
nesrin okumus
snc:
Was
bedeutet Reichtum in der Schweiz?
Ueli
Mäder: Ich habe seit vielen Jahren Studien über Armut
gemacht. Es hat mich dann interessiert, wie es am anderen Ende der
sozialen Ungleichheit aussieht. Daraufhin habe ich in
Zusammenarbeit mit Elisa Streuli erforscht, wie es auf der einen
Seite im statistischen Bereich aussieht, und auf der anderen Seite
wurde das Gespräch mit reichen Leuten gesucht, um diese zu
fragen, wie sie ihren Reichtum beurteilen. Darauf basierend würde
ich den Reichtum in der Schweiz wie folgt beschreiben: Der
Reichtum ist beträchtlich, sogar enorm. Die Schweiz ist ein sehr,
sehr reiches Land, und der Reichtum ist sehr einseitig verteilt.
Kaum in einem anderen Land ist die Diskrepanz so gross wie bei
uns. In der Schweiz verfügen nur drei Prozent der privaten
Steuerpflichtigen über gleichviel steuerbares Nettovermögen wie
die übrigen 97 Prozent.
Macht
sich dieser Unterschied zwischen arm und reich bemerkbar, und kann
man ihn auch sehen?
Der
Unterschied macht sich in der Schweiz visuell weniger bemerkbar.
Die
Armut in der Schweiz ist nicht die Art von Armut, welche man in
den sogenannten Entwicklungsländern antrifft, wo es viel stärker
um das materielle Überleben geht. In der Schweiz findet die Armut
auf einem etwas höheren Level statt. Armut in der Schweiz ist
quasi versteckt, sie findet hinter verschlossenen Türen statt.
Die Schweiz ist ein Land, das einen enorm hohen
Individualisierungsgrad hat. Wer bei uns arm ist, ist quasi selber
schuld. Das ist dann auch der Grund, weshalb von Armut betroffene
Menschen nach aussen den Anschein erwecken, es sei alles gut, wir
gehören auch dazu, es geht uns gut. Hinter verschlossenen Türen
gibt es dann Kopfweh, Bauchweh, oder Kinder werden je nachdem
geschlagen. Der Druck wird nach unten weitergegeben, auch
ideologisch. So sind dann plötzlich AusländerInnen, als Folge
der versteckten Armut, an allem schuld. Umgekehrt ist auch der
Reichtum bei uns nicht hinter Stacheldraht versteckt. Reiche
laufen bei uns nicht mit einer Leibgarde herum und werden in
gepanzerten Limousinen herum chauffiert. Man kann in Basel ganz,
ganz reiche Leute am Samstagmorgen in einem Einkaufscenter einen
Einkaufswagen vor sich herschiebend sehen.
In
der Schweiz sind die Unterschiede gross, und die Armut ist auf
einem anderen Niveau als in südlichen Ländern.
Womit
hängt das zusammen, dass Reiche ihren Reichtum nicht zeigen?
Da
gibt es Unterschiede und einen Wandel bei den Reichen. Wir haben
vier verschiedene Gruppen von Reichen näher betrachtet. An erster
Stelle steht der zum Beispiel in Basel immer noch einflussreiche
«Daig», quasi der aristokratische Geldadel. Dieser unterscheidet
sich vom industriellen Geldadel, der sein Vermögen selbst
verdient hat. Daneben hat es die dritte Gruppe reicher Leute,
welche nach dem 2. Weltkrieg aufgrund von Spekulationen zu ihrem
Reichtum kamen. Dann gibt es die neuen Reichen, die ihr Geld mit
Aktien und neuen Technologien verdient haben. Der althergebrachte
Reichtum, welcher mehr in Basel angesiedelt ist, ist ein stärker
tabuisierter Reichtum. Der neue Reichtum ist eher in Zürich
angesiedelt. Dort fliesst auch das Geld schneller. Die neuen
Reichen haben auch keine Mühe damit, fotografiert und in den
Massenmedien thematisiert zu werden. Das ganze ist heute
pragmatischer und enttabuisiert. Die neuen Reichen spenden auch
gerne und zeigen sich sozial, aber sie verlangen dafür auch
etwas, nämlich öffentliche Aufmerksamkeit.
Wie
sind die Beiträge der Reichen an soziale Institutionen?
Ein
Hauptpunkt ist: Reichtum wird in der Schweiz nicht adäquat
versteuert. Diesbezüglich ist dann auch der Beitrag an die
gesellschaftlichen Infrastrukturen nicht dementsprechend, was man
eigentlich an Vermögen hat. Freiwillig, vor allem im kulturellen
Bereich, zum Teil auch im sozialem Bereich, geben Reiche relativ
viel Geld und sagen auch zum Teil, dass sie bereit wären, noch
mehr zu geben, aber immer auf freiwilliger
Ebene. Sobald aber die Rede von Umverteilung oder
Kapitalgewinnsteuer ist, also von staatlicher Einflussnahme,
verlieren die reichen Leute, auch wenn sie durchaus etwas gegen
die Armut unternehmen wollen und auch persönlich vielleicht
betroffen sind, das rechte Gehör.
Wird
sich Ihrer Ansicht nach mit dem Beitritt in die UNO etwas ändern?
Der
Beitritt in die UNO, in Bezug
zum Reichtum in der Schweiz, wird nicht viel ändern.
Ich erhoffe mir wenigstens eine bessere Fokussierung auf
sozialen Ausgleich,
nicht nur für uns, sondern für die
ganze Welt. Die Nord-Süd-Frage wird dann auch bei uns stärker
thematisiert werden. Das ist ein Vorteil, dennoch denke ich, dass
sich im Grunde genommen nicht sehr viel ändern wird.
Was
bedeutet Armut in der Schweiz?
Armut
ist in der Schweiz auch im Sinn von Mangel an sozialer Sicherheit
verbreitet. Eine
einzelne Person ist kaum in der Lage, ihre existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen. Existenzielle Bedürfnisse
heisst hier nicht in
einem absoluten, sondern in einem relativen Sinn, in Bezug zu dem,
was in der Gesellschaft so Usus ist. Also Zugang zu sozialen als
auch zu kulturellen Einrichtungen. Das ist bei einer zunehmenden
Anzahl von Personen allerdings in Frage gestellt.
Wir
machen gerade zurzeit eine Studie für den schweizerischen
Nationalfonds über «Working Poor». Das ist eine Gruppe, die in
der Schweiz sehr stark zunimmt. In der Schweiz gibt es 250'000
Personen, die arbeiten und dennoch auf Sozialhilfe angewiesen
sind. Das sind ja auch nicht nur diese 250'000 Personen, da gehören
Kinder dazu und Familienangehörige, das beläuft sich dann auf
eine Zahl von 600'000
Personen.
Man
muss sich überlegen, wie es überhaupt zu dieser Entwicklung
gekommen ist. Lange Zeit dachte man sich nach dem 2. Weltkrieg, es
geht aufwärts. Es ging allen Leuten je
länger desto besser.
Das stimmte auch insofern für die 50er und 60er Jahre.
Breite Bevölkerungsmassen haben materiell vorwärts gemacht. Seit
den rezessiven Einbrüchen der 70er Jahre haben wir eine
Entwicklung auf der einen Seite im Zeichen von
Globalisierungstendenzen, Zunahme der internationalen Konkurrenz,
sprich Rationalisierungsdruck auf die Produktion, das wäre
an sich kein Problem, aber wenn man einseitige
Verteilungsmechanismen hat, dann hat die eine
Seite zuviel und die andere zu wenig, zum Beispiel Arbeit.
Das führte unter anderem zu einer Zunahme der
Erwerbslosigkeit. In
den 70er Jahren hatten wir einen nominellen Anstieg der unteren Löhne,
wobei die Lebenshaltungskosten ebenfalls stiegen. In den 80er
Jahren stiegen die
Mieten, in den 90er Jahren die
Ausgaben für Gesundheitskosten. Da tut sich eine Kluft auf
zwischen den Einnahmen und den Ausgaben.
Wir
haben in der Schweiz ein relativ gutes System der sozialen
Sicherheit. Wir können froh darum sein, denn hätten wir das
nicht, ginge es uns schlechter. Aber das relativ gute System der
sozialen Sicherheit hält nicht Schritt mit
dem Wandel der Lebensformen. Wir haben eine Zunahme der
Leute, die alleine leben, in Basel mittlerweile in jedem zweiten
Haushalt. Wir haben eine starke Zunahme der Alleinerziehenden. An
sich ist der Wandel der Lebensformen kein Problem. Aber das System
der sozialen Sicherheit orientiert sich an Voraussetzungen, die je
länger, desto weniger vorhanden sind. Als letztes haben wir das,
was am Anfang angesprochen wurde, wir haben diese Kluft zwischen
den Reichen und den Armen. Vor 30 bis 40 Jahren, haben die
obersten zehn Prozent vielleicht
sechsmal mehr verdient als die untersten zehn Prozent.
Anfangs der 90er Jahre waren es achtmal soviel, jetzt ist es etwa
14 Mal soviel.
Wie
hoch ist der Working Poor-Anteil bei den MigrantInnen?
Wir
haben mit 600 Leuten ein Gespräch geführt, und der Anteil der
MigrantInnen ist dabei sehr hoch.
Wir haben bemerkt, dass der Anteil der Working
Poor-Familien bei MigrantInnen, zusammen mit den Alleinerziehenden
und Haushalten mit mehr als drei Kindern, am höchsten ist.
Es
heisst ja, die Erwerbskraft bei Frauen in der Schweiz hat
zugenommen, wenn wir aber schauen wo, dann stellen wir fest, dass
in den untersten zehn Prozent der Einkommen die Erwerbskraft der
Frauen doppelt so stark wie in den höheren Lohnsegmenten
zugenommen hat. An den guten Einkommen partizipieren sie also
nicht.
Haben
Sie denn auch Ansätze, wie man dem Phänomen der «Working Poor»
entgegenwirken könnte? Ein Ansatz ist ja der Versuch, das Recht
auf Arbeit in der Verfassung zu verankern?
Der
Ansatz Integration über die Erwerbsarbeit zu suchen, finde ich an
sich nicht schlecht. Aber es ist dann heikel, wenn es heisst, man
müsse diesen und jenen Weiterbildungskurs besuchen und es hat zu
wenig Stellen. Es hat zu wenig Stellen. Es setzt voraus, dass wir
als gesamte Gesellschaft bereit sind, die in der Gesellschaft
notwendige Arbeit so zu verteilen, dass alle Frauen und Männer
etwa gleichviel haben, und nach meinem Verständnis in allen
Bereichen und nicht nur in der Erwerbsarbeit. Das wäre in der
Arbeit ganz zentral das Anheben der unteren Einkommen. Die Kluft
darf sich nicht noch vergrössern. Vielleicht sollte man das
Einkommen nicht nur an der Erwerbsarbeit festmachen. Vielleicht
sollte man das auch etwas entkoppeln.
Hannah Arendt sagt, «Was machen wir, wenn der
Erwerbsgesellschaft der Erwerb ausgeht?» Kann man die
Grundsicherung so ausweiten, dass man sagt zum Beispiel die Ergänzungsleitung,
die man für AHV- und IV-RentnerInnen hat, auf alle Haushaltungen
ausweitet, die zu wenig Einkommen haben.
Die
Tendenzen scheinen aber, wenn man sich die ANAG- oder die AVIG-
Revisionen vor Augen hält, in eine andere Richtung zu gehen.
Ich
würde sagen, es gibt gegenläufige Entwicklungen. Wenn ich über
hundert Jahre zurück schauen müsste, sieht es eigentlich sehr
gut aus. Die Lebenserwartungen haben sich in etwa verdoppelt, die
Erwerbszeit hat sich in etwas halbiert, und über hundert Jahre
hinweg sind die Reallöhne um das achtfache gestiegen. Man kann
also auch von dieser Gesellschaft sagen, dass viele Indikatoren
vorhanden sind, die darauf hinweisen, dass sich vieles verbessert
hat. Auf der anderen Seite gibt es die gegenläufigen Trends,
flexibilisierte Arbeit, unsichere Arbeit oder schlecht bezahlte
Arbeit, und im Moment ist dieser Trend stärker. In einem Diskurs
der geprägt ist von Deregulierung und von einer Art
Flexibilisierung, welche den Menschen wichtige Sicherheiten nimmt.
Ich glaube, dass das kontraproduktiv und kein guter Weg ist.
Wie
arm können eigentlich in der Schweiz Arme sein?
Für
mich äussert sich die Armut sehr stark in einem Rückzug. Diese
Menschen fühlen sich schuldig für etwas, was die Gesellschaft
eigentlich verursacht hat. Entweder ziehen sie sich stark zurück
oder sie machen eine Flucht nach vorne, springen von Pontius nach
Pilatus, aber ihre Anstrengungen sind schlecht kanalisiert.
Bei
einem Teil geht es nicht nur um die materielle Armut, sondern es
stresst sie, dass sie nicht wissen, wie es weitergeht, sie fühlen
sich ausgeschlossen und unwohl, wenn sie um Unterstützung fragen
müssen. Armut hat ganz viel Facetten. Aber es gibt auch Leute,
die sehr knapp durchkommen müssen, die sozial benachteiligt sind,
die auch unterstützt werden und trotz allem sehr aufgestellt
leben und viele Sachen auch geniessen können. Wenn sie mich
fragen, wie arm sind Arme in der Schweiz, dann würde ich nicht
sagen, sie sind arm, aber glücklich. Und dennoch darf man Armut nicht fest schreiben, und dass Arme nur noch auf ihre Armut
reduziert werden. Wir haben vor zehn Jahren eine Studie gemacht über
die Armut in Basel. Es war eine depressive Stimmung, so eine Art
Resignation zu spüren. Heute
realisieren die armen Leute eklatant den Reichtum, die übertriebenen
Managerlöhne. Heute spüre ich eine stärkere Empörung unter den
Leuten, und vielleicht kann es ja auch sein, dass die stärkere
Empörung dazu führt, dass die Leute auch wieder mehr ins Handeln
kommen, dass sich Arme wieder stärker zusammen schliessen, wobei
in einer so stark individualisierten Schweiz das sehr schwierig
sein dürfte.
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