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Nathan: «Ich würde gerne alle Sprachen der Welt beherrschen, denn damit wäre mir der Zugang zu den verschiedenen Kulturen viel offener.»

Jugendliche aus Basel im Gespräch

Mehrsprachigkeit im Alltag

Interview mit Nathan Grieder

Nathan Grieder ist in der Stadt Basel geboren. Er lebt zusammen mit seiner Mutter und den drei Geschwistern. Seine Eltern leben getrennt, und sind beide Schweizer. Nathan hat mit vier Jahren angefangen den Kindergarten zu besuchen, anschliessend ging er in  die Rudolf-Steiner-Schule Basel. Er begann die Schule im Jahre 1990 und beendete sie nach 12 Jahren. 2002 setzte er dann seine Ausbildung mit dem Vorkurs an der Schule für Gestaltung fort. Seit dem Sommer geniesst Nathan die Ausbildung als Gestalter, die von der Berufsmatur begleitet wird. Er ist nun 19 Jahre alt. 

snc

interview: ali yilmaz

Basel Stadt ist deine Heimat. Hier bist du aufgewachsen und hier hast du eine Zukunft vor dir. Wie sehr fühlst du dich mit der Stadt verbunden?

Nathan: Weil ich hier auf die Welt gekommen bin, fühle ich mich sehr mit der Stadt verbunden. Meine Familie und meine Freunde sind hier, hier liegen meine Wurzeln.

Bist du an der Kultur Basels interessiert? Hälst du dich an die Bräuche, feierst du die Feiertage?

Da ich in Basel aufgewachsen bin, habe ich selbstverständlich auch seine Kultur miterlebt. Ich bin sehr an der Kultur Basels interessiert, jedoch richtet sich mein Kulturverständnis nicht nur auf die Vergangenheit, ich bin auch offen für Veränderungen. Ich bin offen für einen  Einfluss von aussen her, also auch von anderen Kulturen. Mit den alten Bräuchen kann ich mich nicht wirklich identifizieren, aber sie sollen nie verloren gehen, denn mit ihnen habe ich meine Kindheit verbracht. Meine Mutter hat mich auch mit der Religion vertraut gemacht. Ich wurde getauft und konfirmiert. Ich bin aber auf meine eigene Art und Weise religiös, denn ich bin für mich selber verantwortlich.

Bist du über die Politik im Land informiert? Hast du dich schon aktiv in ihr beteiligt?

Mich interessiert schon, was sich in der Politik abspielt, aber für eine grosse Beteiligung ist das Interesse zu gering. Das heisst, ich stimme dann ab, wenn ich das Gefühl habe, etwas über das Thema zu wissen, und mit meiner Stimme etwas verändern zu können.

Wie holst du dir deine politischen Informationen?

Die Stimmzettel liegen in unserem Briefkasten, sonst erfahre ich einiges über das Fernsehen. Zeitungen lese ich selten. Auch in der Schule finde ich Informationen über die Politik.

Gefällt dir die Schweizer Musik? Was hörst du dir sonst für Musik an?

Mit der ländlichen Musik kann ich nichts anfangen. Die Fasnachtsmusik gefällt mir nur an den drei Fasnachtstagen, weil Erinnerungen wach werden.  Die neue Mundart Musik trifft meinen Geschmack auch nicht besonders. Sonst aber bin ich sehr an Musik interessiert und offen für vieles.

Existiert bei dir zu Hause eine typisch Schweizer Küche? Gibt es auch andere Gerichte, die in der traditionellen Schweiz nicht bekannt sind?

Die Schweizerküche besteht schon noch, zum Beispiel gibt es bei uns zu Hause Sonntags Raclette, und ab und zu Fondu, wobei die Mischung aus Alkohol und Käse nicht meinen Geschmack trifft. Meine Mutter kocht öfters auch chinesische Gerichte, ab und zu Spaghetti und Pizza. Da wir zu Hause kein Fleisch essen, geniesse ich oft ausser Haus Köstlichkeiten wie Kebap, oder einen Burger im Mc Donald.

Pflegst du den Zugang zu den Schweizer Medien?

Ja, ich schaue im Fernsehen schweizerische Sendungen an, sonst höre ich Radio. Unter den Freunden diskutiert man dann über das Erfahrene und tauscht Meinungen aus.

Nach 19 Jahren kennst du dich sicher sehr gut in Basel aus. Wie sieht die Situation in den restlichen Gebieten der Schweiz aus? Wo warst du schon überall in der Schweiz? Kennst du dich auch dort aus?

Ich hab schon einiges gesehen. Ich war schon in Zürich, Genf, Tessin, Bern, Biel, Neuenburg, Freiburg, Thurgau, Luzern und Graubünden. Ich kenne mich aber in diesen Gebieten nicht gut aus, nur im Berner Oberland, in Interlaken kann ich mich zurecht finden. Es fällt mir auf, dass jeder Kanton sich durch seinen eigenen Charakter auszeichnet. Basel sehe ich zum einen als weltoffen und bereit für Veränderungen an, zum anderen aber auch das Alte bewahrend. Über die anderen Kantone kann ich mir keine Meinung bilden.

Wie alt warst du, als du zum ersten Mal für eine kurze Zeit eine andere Kultur besucht hast?

Mit acht Jahren war ich Italien besuchen.

War es für dich schwierig, dich an die Lebensweise der Einwohner zu gewöhnen? Oder hast du deine Zeit in einem Luxus Hotel verbracht?

Es waren immer nur höchstens 2 Wochen Aufenthalt. Ich habe es spannend und aufregend empfunden, aber gesehen habe ich die Länder immer nur aus der Sicht eines Touristen.

Welche Länder hast du später noch besucht? Gefällt dir das Reisen in neuen Kulturen? Wieso?

Ich war ausserdem schon in Spanien, Deutschland, Österreich, Ungarn, Frankreich, Slowenien, Griechenland und Tunesien. Im Jahre 2001 hatte ich das Glück mit einem chinesischen Freund einen fünfwöchigen Aufenthalt in China zu geniessen. Ich hab mich schon einwenig fremd gefühlt, jedoch bin ich dort nicht nur ein Tourist gewesen, sondern ich habe mich auch versucht mit der Kultur auseinander zu setzen

Gehst du immer noch in andere Länder reisen? Wie oft?

Im Moment habe ich leider keine Zeit und zu wenig Geld, aber ich bin davon überzeugt, dass meine Interessen an anderen Kulturen nie verloren gehen werden. Wenn ich Zeit und Geld habe, und daneben noch die Möglichkeit besitze, mit jemandem zu reisen, der einen Bezug zum Reiseziel hat, dann trete ich das Abenteuer gerne an.

Du lebst in einem multikulturellen Lebensraum. Wie sehr war dies für dich eine Hilfe, dich mit den einzelnen Reisegebieten anzufreunden?

Da ich mit Kindern verschiedener Kulturen aufgewachsen bin, mit denen ich zum grössten Teil noch heute Kontakte pflege, hatte ich schon früh Einblicke in andere Kulturen, auch Verhaltensformen. Dies erweckte zum Teil mein Interesse, verhalf mir aber auch die Lebensweisen von fremden Kulturen besser zu verstehen.

Was hast du in den anderen Ländern, was du in der Schweiz nicht findest?

Ich finde neue Verhaltensformen, andere Lebensweisen, neue Menschen, neue Gesichter und neue Gebräuche. In diesen Ländern bestimmen andere Faktoren das Leben, die Ziele sind etwas anders ausgerichtet. Somit kann ich meinen Horizont erweitern, und der Zugang zu anderen Ländern soll mir nie verloren gehen.

Was gefällt dir in Basel, was dir in den anderen Regionen der Welt fehlt?

Meistens die soziale Sicherheit und der Wohlstand. Die Menschen haben hier mehr Rechte und können sich ihren Zielen gemäss ausbilden.

Aus welchen kulturell unterschiedlichen Kreisen besteht dein Freundeskreis?

Aus den verschiedensten. Ich verkehre mit Türken, Serben, Kroaten, Albanern, Ungaren, Chinesen, Deutschen, Italienern. Aber für mich spielt für die Freundschaft die Nationalität keine Rolle.

Ist es üblich, dass sich kulturelle Differenzen ineinander vermischen? Kommt es vor, dass man  die unterschiedlichen Verhaltensformen mit der Zeit sich aneignet?

Ja sicher, früher und auch heute noch bereichern einige fremde Ausdrücke meinen Wortschatz. Ich denke, dass mein Verhalten im Unbewussten sehr von den verschiedenen Kulturen beeinflusst wurde und immer noch wird. Jeder Mensch wird von seinem Umfeld geprägt.

Wie viele Sprachen sprichst du regelmässig? Wo hast du die einzelnen Sprachen erworben?

Das Baseldeutsche im alltäglichen Umgang, Englisch und Hochdeutsch zum grössten Teil in der Schule.

Welches ist die Sprache, die du am Besten beherrschst und in der du denkst?

Das Baseldeutsche.

Welchen Spracheinfluss haben die Medien auf dich?

Das Hochdeutsche durch das Fernsehen, Internet und Zeitschriften beeinflusst mein Sprachbewusstsein sehr, daneben trifft das auch auf das Englische zu, auch durch die Musik.

Liest du regelmässig? In welcher Form liest du und um welche Sprachen handelt es sich?

Ausserhalb der Schule lese ich fast ausschliesslich in der Hochsprache. In der Schule muss ich  zusätzlich auch Englisch und Französisch lesen. Ich lese Bücher verschiedenster Arten, Zeitschriften im Internet und selten Zeitungen, immer nach Bedarf.

Du bist mit dem Baseldeutschen aufgewachsen. Wie sehr gefällt dir die Mundart?

Baseldeutsch ist meine Muttersprache. Den grössten Teil meiner Gespräche führe ich in dieser Form, und die Sprache gefällt mir.

Wo, mit wem, in welchen Situationen gebrauchst du den Dialekt? Schaust du dir Schweizer Fernsehsendungen an, gibt es Zeitungen, die du auf Baseldeutsch liest?

Im Alltag im Umgang mit Menschen, die das Baseldeutsche kennen, bevorzuge ich es in Dialektform zu kommunizieren. Ich kenne keine Zeitungen, die auf Baseldeutsch geschrieben sind. Ab und zu schaue ich mir auch auf Schweizerdeutsch gesprochene Fernsehsendungen an.

Wie gut kennst du dich mit dem schriftlichen Baseldeutsch aus? Hast du dich schon mal mit seiner Grammatik befasst?

Ich würde sagen, dass ich mich mit dem Schriftlichen nicht auskenne, ich schreibe so, wie ich es zu sprechen pflege.

In jedem der deutschsprachigen Kantone gibt es eine verschiedene Dialektform. Verstehst du zum Beispiel die Sprachen in Bern, Zürich u.s.w? Kannst du dich mit ihnen anfreunden? Gelingt es dir auch dich in anderen Dialekten auszudrücken?

Ja, die verschiedenen Dialektformen kann ich verstehen, und ich habe keine Probleme mit ihnen, ich könnte sie mir schnell aneignen.

Wann hattest du zum ersten Mal bewussten Kontakt mit dem Hochdeutschen?

In der Schule.

Du fingst mit sechs Jahren an, die Rudolf Steiner Schule zu besuchen. Der Unterricht wurde in der Schriftsprache geführt. Wie gut konntest du dich mit dem Hochdeutschen anfreunden?

Anfangs hatte ich einige Probleme damit, vor allem mit der Satzbildung. Mit dem Sprachverständnis hatte ich keine Mühe.

Sahst du es als einen Vorteil, den Dialekt schon gekannt zu haben? In wie fern war es für dich einfach, das Hochdeutsch zu erlernen?

Ja klar, das Baseldeutsche liegt sehr nahe an der Schriftsprache. Ich bin mir bewusst, dass es einem Deutschen schwieriger fällt, den Dialekt zu erlernen, als umgekehrt.

Wie gut sprichst du das Hochdeutsch jetzt?

Ich habe beobachtet, dass es mir im Gespräch leichter fällt, mit Hochdeutschem umzugehen, als mich schriftlich oder in einer Rede in ihr auszudrücken.

Kannst du dich mit der Hochdeutschen Sprache identifizieren?

Ja, die Sprache gefällt mir, aber das Baseldeutsche ist mir symphatischer. Für mich ist es wichtig, die hochdeutsche Sprache zu beherrschen, weil ich jeden Tag damit konfrontiert werde.

Hast du schon Bücher gelesen auf Hochdeutsch? Was liest du sonst auf Hochdeutsch?

Ja, Schulbücher, deutsche Literatur, Zeitschriften und Internetseiten. Ich kann von mir sagen, dass ich den persönlichen Zugang zu den Büchern erst in der letzten Zeit entdeckt habe. Ich habe das Gefühl, etwas versäumt zu haben.

Was gefällt dir besser, die Umgangssprache oder das Hochdeutsche? Warum?

Das Baseldeutsch, weil es meine Muttersprache ist und ich sie besser beherrsche.

Im Kindergarten gibt es nun ein zweijähriges Pilotprojekt. Man will in der Hochsprache unterrichten. Was hälst du davon?

Ich unterstütze diese Idee nicht. Wir sind in der Schweiz und nicht in Deutschland. Für Fremdsprachige, die im Kindergartenalter in die Schweiz kommen, wird es somit nicht erleichtert, sich in unsere Kultur zu integrieren.

Ab der fünften Klasse sahst du dich vor einer neuen Sprache. Wie gut ist es dir gelungen, dich mit der französischen Sprache auseinander zu setzen? Hast du die Sprache gern?

An und für sich finde ich das Französische eine schöne Sprache, aber sie zu erlernen war für mich bisher keine leichte Aufgabe. Ich kann keinen Zugang zu dieser Sprache finden, es wäre aber schon schön, wenn ich sie beherrschen würde. Dazu kommt noch, dass die Grammatik sehr kompliziert ist. Ich bin mir sicher, dass ich die Sprache im Umgang besser erlernen würde als in der Schule.

Ausser in der Schule, gibt es sonst noch Situationen, in denen du dich auf Französisch verständigst?

Nur, wenn ich mal einen Aufenthalt in Frankreich geniesse, oder auf Französisch angesprochen werde, versuche ich mich darin.

Wann hattest du zum ersten Mal Kontakt mit der englischen Sprache?

Ab dem zweiten Schuljahr wurden wir auf eine spielerische Art und Weise in das Englische eingeweiht. Richtigen Unterricht mit Prüfungen hatten wir ab der sechsten Klasse.

Ist es dir leicht gefallen, dich mit dem Englischen auseinander zu setzen?

Sicherlich leichter als mit dem Französischen.

Wann brauchst du die englischen Sprache?

Das ist situationensbedingt. Mit Personen, die darauf angewiesen sind und im  Ausland.

Wie gut sind deine Englischkenntnisse heute? Kannst du dich verständlich machen, das Gesprochene verstehen und dich schriftlich formulieren?

Ich kann mich gut ausdrücken und mich im Ausland mit ihr zurecht finden, jedoch sehr gut gelingt mir das Kommunizieren nicht. Lesen kann ich sehr gut. Das schreiben gelingt mir auch, aber ich beherrsche es nicht. Mein Grammatikverständnis weist Lücken auf.

Welche Sprachen sprecht ihr zu Hause ausser Baseldeutsch?

Baseldeutsch ausschliesslich, zum Spass Hochdeutsch.

Mit wie vielen sprachlich unterschiedlichen Gruppen stehst du in Kontakt? In welchen Sprachen kommuniziert ihr miteinander?

Mit den verschiedensten Kulturen auf Baseldeutsch, ausser, sie verstehen mich nicht. Dann bediene ich mich des Hochdeutschen oder des Englischem.

Profitierst du von den zahlreichen Sprachen, die deine Umgebung mit sich bringt? Hat sich dein Wortschatz durch die verschiedenen Kulturen um dich vergrössert?

Ja sicherlich, ich kann nun ein paar Begrüssungen, Verabschiedungen und ein paar Zahlen in anderen Sprachen. Es sind die türkische, chinesische, italienische, spanische, jugoslawische und die ungarische Sprache.

In welcher Sprache verständigst du dich auf Reisen?

Wenn die Möglichkeit besteht, dann auf Englisch.

Gibt es Sprachen, die du noch gerne erlernen möchtest? Wieso?

Ich würde gerne alle Sprachen beherrschen, denn somit wäre mir der Zugang zu den verschiedenen Kulturen viel einfacher.

Findest du es von Vorteil, mit zahlreichen Kulturen Kontakt zu haben in Basel. Ist es für dich eine Hilfe, dich somit in den fremden Ländern zurecht zu finden und dich an die Lebensweise der Einheimischen zu gewöhnen?

Ja, es ist ein Vorteil. Ich sehe jeden kulturellen Kontakt als eine Bereicherung an. Mein Ziel ist es, die Hindernisse mit den verschiedenen Kulturen zu durchbrechen und die Unterschiede der Mentalitäten verstehen zu lernen. Somit soll ein gemeinsamer Weg gefunden werden. Jede Kultur sollte geben und nehmen können. Dies ist die Grundlage des Entstehen neuer Synthesen.

Meine Wertschätzungen und Vorstellungen der Familie und engeren Freundschaften wurden durch den Kontakt mit den verschiedenen Kulturen positiv beeinflusst. Damit meine ich, dass ich gelernt habe, eine nähere und intensivere Verbindung vor allem zu Menschen aufzubauen, die für mich eine Bedeutung haben.