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snc: Wie ist die Aids-Hilfe beider Basel entstanden ?
Martina Saner: Die Aids-Hilfe beider Basel ist in ihrer
Wurzel eine Selbsthilfeorganisation. Hauptsächlich Menschen, die
entweder selber von HIV/Aids betroffen waren oder kranke Freunde und
Bekannte hatten, haben sich für ihre Gründung engagiert. Daneben haben
auch Menschen mitgeholfen, denen es von Beginn weg wichtig war, sich
sozial zu engagieren, damit besonders betroffene Personengruppen nicht
ausgeschlossen oder diskriminiert wurden von der Gesellschaft. Mitte der
achtziger Jahre waren in der Schweiz meist Drogen konsumierende Personen
und homosexuelle Männer von HIV/Aids betroffen.
Vor allem dem Engagement dieser homosexuellen Menschen
ist es zu verdanken, dass die Aids-Hilfe beider Basel später gegründet
wurde. Ihnen war es ein wichtiges Anliegen, dass die Bevölkerung
informiert wurde und Betroffene Hilfe erhielten. Insbesondere wollten
sie diese wichtige Aufgabe nicht einfach dem Staat oder andern
öffentlichen Institutionen überlassen, sondern sich aktiv beteiligen
und bei der Ausgestaltung der Angebote mitreden. Leute aus der Basler
homosexuellen Arbeitsgruppe - welche es noch heute gibt- haben mit den
kantonalen Verantwortlichen Kontakt aufgenommen und sind beim damaligen
Sanitätsdirektor Remo Gysin auf offene Ohren und Unterstützung
gestoßen. Die Aufklärungsaktionen für verschiedene
Bevölkerungsgruppen werden auch heute noch vor allem deshalb so gut
akzeptiert, weil in der Aids-Hilfe Leute mitarbeiten, die die
angesprochenen Zielgruppen besonders gut kennen und selber aus diesen
Gruppen stammen.
Weshalb braucht es die Aids-Hilfe?
Bis heute haben sich über 26'000 Menschen in der Schweiz
infiziert. Über 7'500 sind an Aids gestorben. Jedes Jahr kommen fast
800 Menschen mit einer Neunansteckung hinzu. In der Region Basel leben
rund 1'330 Personen mit HIV oder Aids. Gerade im letzten Jahr haben die
Neuinfektionen um 25% zugenommen. Es sieht so aus, dass sich die Leute
sich nicht mehr so gut vor einer Ansteckung schützen oder die
Konsequenzen einer Infektion nicht mehr so schlimm einschätzen. Aber
den Menschen, welche sich angesteckt haben, geht es oft gar nicht gut.
Sie leiden beispielsweise an den medikamentösen Therapien, haben
schwere körperliche Nebenwirkungen, ermüden viel schneller. Dies kann
zu Problemen am Arbeitsplatz führen. Aus Angst vor Diskriminierung
wagen es viele betroffene Menschen nicht, andern Personen von ihrer
Situation zu erzählen. Sie ziehen sich zurück, sind isoliert und
leiden an der seelischen Belastung sehr. Viele von ihnen suchen die
Unterstützung der Aids-Hilfe. Es werden jedes Jahr mehr Menschen, die
uns um Hilfe bitten. Die Angebot sind so ausgelastet wie noch nie.
DieAids-Hilfe beider Basel wird also wohl noch eine Weile nötig sein.
Denn der Kampf gegen die Neuansteckungen muss entschlossen weiter
geführt werden, die Bevölkerung wieder wachgerüttelt werden. Und die
betroffenen Menschen brauchen unsere Hilfe, mehr denn je.
Wie läuft eine Beratung ab?
Oft werden die Menschen die bei der Testberatungsstelle
oder beim Hausarzt einen Test gemacht haben an uns weiter verwiesen. Es
gibt auch die Möglichkeit, dass sie im Internet oder bei einer andern
Beratungsstelle auf eine Broschüre der Aids-Hilfe beider Basel
gestossen sind und dann Kontakt aufnehmen.
Es wenden sich ganz unterschiedliche Menschen an uns: Von
HIV/Aids Betroffene, ihre Freunde, PartnerInnen oder Angehörige. Weiter
erhalten wir Anfragen von Berufsfachleuten aus dem medizinischen, dem
betreuenden oder aus dem Ausbildungsbereich. Es gibt aber auch
Arbeitgeber, die vielleicht eine Person mit HIV im Betrieb haben und von
uns ein klärendes Gespräch möchten.
Von HIV/Aids betroffene Personen kommen mit
un-terschiedlichen Anliegen zu uns. Viele, die gerade eben erfahren
haben, dass sie HIV-positiv sind, fallen in eine tiefe Krise. Sie
brauchen Informationen, manchmal eine längere psychologische
Unterstützung. Es ergeben sich sehr viele schwie- rige Fragen und
Ängste aus der neuen Situation, die sie gerne besprechen möchten.
Einige haben Probleme mit dem Arbeitsplatz, mit Versicherungen oder
finanzielle und materielle Nöte. Manchmal kommt es auch zu Konflikten
in der Beziehung oder in der Kindererziehung. Auch die Frage, ob eine
Person eine medikamentöse Therapie beginnen möchte, ist oft Inhalt von
Beratungsgesprächen. Denn die Medikamente müssen nach heutigem Wissen
über sehr lange Zeit sehr regelmäßig genommen werden und können
schwere Nebenwirkungen verursachen. Wir begleiten die Personen und
unterstützen sie bei der Klärung, welcher Entscheid für sie der Beste
sein könnte. Der definitive Entscheid fällt die betroffene Person dann
mit ihrem behandelnden Arzt.
Wenn eine HIV-positive Person zu Ihrer Stelle kommt,
beraten Sie auch die ganze Familie?
Wenn die betroffene Person das selber möchte. Unsere
Beratung ist anonym, das heisst, wir informieren niemandem, dass diese
Person hier war, wir sagen das auch nicht den Angehörigen. Die
betroffene Person motivieren wir je nach Situation, zum Gespräch mit
ihren Freunden oder der Familie und natürlich auch dass sich beim
Geschlechtsverkehr mit dem Partner oder der Partnerin schützen muss.
Wenn eine Person, die HIV-positiv ist und
Geschlechtsverkehr mit dem nicht infizierten Partner hat, dann wird der
andere ja auch angesteckt. Wenn Sie das wissen, ist das nicht indirekt
auch eine Schuld Ihrerseits?
Wir haben uns in der Schweiz auf eine Aids-Politik
geeinigt, die primär an die Selbstverantwortung von allen Menschen
appelliert. Das ist unsere ethische Grundhaltung: Wir gehen davon aus,
dass sich informierte Menschen selbst schützen. Wir glauben nicht
daran, dass sich Menschen durch Zwang oder in dem wir öffentlich
machen, dass sie HIV-positiv sind, dazu bewegen lassen, sich zu
schützen. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen die erleben, dass sie
ernst genommen werden als erwachsene, respektierte und wertvolle Wesen,
eher bereit sind Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. In
der Beratung sprechen wir diese Verantwortung an. Wir setzen uns mit der
betreffenden Person auseinander was die Konsequenzen ihres Handelns
bewirken könnten und geben Unterstützung und Rat wie
verantwortungsvoll gehandelt werden kann. Ohne Einverständnis der
betroffenen Person geben wir keine Information weiter. Dies würde
unsere Pflicht zur Verschwiegenheit verletzen.
Ist eine Person verpflichtet den Chef über die Krankheit
zu informieren?
Nein, sie ist nicht verpflichtet. Allerdings tritt eine
Person mit einer neuen Arbeitsstelle in der Regel auch bestimmten
Versicherungen des Arbeitgebers bei. Dabei wird dann- je nach
Versicherungsart nach dem HIV-Status gefragt. Die betreffende Person
muss Auskunft geben. Wir empfehlen, sich unbedingt vorher zu informieren
und beraten zu lassen, denn je nach Situation können unterschiedliche
Lösungen gefunden werden.
Weiter empfehlen wir den Aids-Test immer anonym zu
machen, damit jede Person selbst entscheiden kann, wann und wen sie
informiert. Ein anonymer Test, das heisst ohne Registrierung des Namens
und mit guter Beratung, kann z.B. in den Kantonsspitälern in
Basel-Stadt oder Basel-Land gemacht werden.
Besteht bei einem Unfall am Arbeitsplatz ein
Ansteckungsrisiko wenn passiert und erste Hilfe geleistet wird?
Man kann sich beim erste- Hilfe-leisten nicht anstecken,
auch wenn man keine Handschuhe trägt. Die Person, welche hilft, müsste
selber auch eine grosse offene Wunde haben, und es müssten die Wunden
von beiden Personen gegeneinander massiert werden. Durch den venösen
Druck läuft das Blut ja nach aussen, das Virus hat keine Beine und kann
nicht gegen den Blutstrom in den Körper des andern Menschen kriechen.
Eine Übertragung über Wunden ist am ehesten denkbar
z.B. bei Jugendlichen, die Blutsbrüderschaft machen, weil die blutigen
Schnitte gegeneinander massiert werden. Bei der ersten Hilfe ist das
nicht so, die normale Haut bietet genügend Schutz.
Wie helfen die Medikamente?
Bis heute gibt es keine Medikamente die das Virus wieder
ganz aus dem Körper entfernen könnte. Es gibt auch keinen Impfstoff,
der eine Ansteckung verhindern könnte. Bis heute ist es leider so, wer
sich angesteckt hat, ist HIV-positiv, das lässt sich nicht mehr
rückgängig machen.
Die Wirkungsweise der Medikamente ist sehr kompliziert
und stellt die Forschung vor grosse Herausforderungen. Verschiedene
Wirkstoffe bewirken, dass die Virenmenge im Blut möglichst lang
möglichst klein bleibt. Falls die Therapie anspricht und die
Nebenwirkungen nicht zu stark sind, kann der Ausbruch von Aids so um
Jahre verzögert werden. Leider ist es so, dass die Viren es teilweise
schaffen, sich gegen die Medikamente zu wehren und diese
Resistenzfähigkeit an andere Viren weitervererben. Die Medikamente
könne also im Verlauf der Therapie ihre Wirkung verlieren. Für die
betroffene Person bleibt dann nur die Hoffnung, dass die Forschung
bereits wieder ein weiteres Medikament entwickelt hat welches für die
betreffende Person wirkt.
Wie ist der Stand in der Wissenschaft? Wieso wurde noch
nichts gefunden, dass den Virus vernichtet?
Die Funktionsweise des Virus und der Vermehrungsvorgang
des Virus ist sehr kompliziert und stellt höchste Anforderungen an die
Forschung und an die Medizin. Die Viren haben die Fähigkeit sich bei
der Vermehrung immer wieder ein wenig zu ändern. Die Medi- kamente
müssen dem gerecht werden. Zudem dürfen die Therapien ja nicht so
stark sein, dass sie neben dem Virus auch lebenswichtige körperliche
Funktionen stören. Dies ist eine sehr heikle Balance. Die Medikamente
gibt es erst seit Mitte der neunziger Jahre. Es wird sehr viel Geld in
die Forschung und Entwicklung der Medikamente investiert und im
Verhältnis mit der relativ kurzen Zeitspanne wurde schon viel erreicht.
Auch die Entwicklung eines Impfstoffes gestaltet sich äußerst
anspruchsvoll. Obwohl gerade dieser für Länder in welchen die Menschen
weder Geld für Kondome noch für Medikamente haben, so dringend nötig
wäre. Die Beurteilungen wann ein Impfstoff zu erwarten ist, sind
unterschiedlich. Sehr optimistische Einschätzungen sprechen von ca.
fünf Jahren, andere rechnen eher mit bis zu zehn Jahren.
Warum eigentlich die Wörter "HIV" und
"Aids" - was ist der Unterschied?
Die Abkürzungen stammen aus dem englischen und heissen
übersetzt wie folgt:
HIV steht für "Human Immuno Deficiency Virus"
was so viel wie "menschliches Immundefekt-Virus""
bedeutet. "Aids" ist dieAbkürzung für "Aquired Immuno
Deficiency Syndrom"" was "erworbenes
Immundefekt-Syndrom" heisst. Bei einem Immundefekt ist die
Abwehrfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheitserregern vermindert.
Wir unterscheiden zwei unterschiedliche Phasen der
Infektion. Im ersten Stadium sind die Menschen "HIV-positiv".
Sie haben sich mit dem Virus angesteckt, tragen es im Blut und können
es an andere Menschen weitergeben. Sie haben höchstens leichte
Anzeichen eines geschwächten Immunsystems, die meisten fühlen sich
völlig gesund, leistungsfähig und spüren nichts. Über die Jahre
vermehrt sich das Virus im Körper. Die Viren schwächen das
Immunúsystem bis es schliesslich zum Ausbruch von verschiedenen
Krankheiten kommt, die nur Menschen mit schweren Immundefekten bekommen.
Ab dieser Phase werden diese Menschen als an Aids erkrankt
diagnostiziert. Aber auch jemand, der an Aids erkrankt ist, kann weiter
die Medikamente nehmen und noch einige Jahre leben. Der Zeitraum
zwischen Ansteckung und Erkrankung variiert von Mensch zu Mensch. Ohne
Medikamente entwickelt etwa die Hälfte der HIV-positiven Personen im
Zeitraum von ungefähr 10 Jahren Zeichen einer Immunschwäche, etwa ein
Viertel erkrankt in diesem Zeitraum.
Welche Menschen stecken sich mit HIV an?
Heute stecken sich zu mehr als 75% Menschen an, die sich
beim Geschlechtsverkehr nicht mit einem Kondom schützen. Personen, die
sich Drogen mit einer Nadel spritzen, stecken sich nicht mehr so oft an.
Dies vor allem weil sie in den Gassenzimmern jederzeit sauberes
Spritzenúmaterial und Kondome erhalten. Über die Hälfte der
Neuübertragungen sind Männer und Frau- en, die sich beim
ungeschützten Verkehr anstecken. Ein Viertel der Neuansteckungen
geschehen bei Männern, welche ungeschützten Sex mit Männern haben.
Bei den Männern und Frauen nehmen die Infektionen vor allem da zu, wo
es zum ungeschützten Gesch-lechtsverkehr mit einer Person kommt, die
aus einem Land stammt, wo die Neuansteckungen besonders hoch sind.
Einige dieser Länder sind beispielsweise in Afrika, in Südamerika und
Asien, zunehmend aber auch aus Ländern des ehemaligen Ostblocks.
Man sieht es niemandem an ob er oder sie HIV-positiv ist,
jede und jeder kann sich anstecken, wenn er oder sie sich nicht
schützt.
Wie stecken sich Frauen oder Männer vor allem an?
Wer beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer
wenig bekannten Person kein Kondom benutzt, setzt sich einem
Ansteckungsrisiko aus. Nur wer konsequent ein Kondom benutzt oder
absolut treu ist (und mit der Partnerin oder dem Partner vereinbart hat,
dass beide treu sind) ist vor einer Ansteckung geschützt.
Am letzten Welt-Aids-Tag haben Sie eine Plakataktion
gestartet. Es sind Menschen darauf zu sehen, ihre Namen stehen unter den
Bildern. Was wollen sie damit bewirken?
Der Welt-Aids-Tag ist ein wichtiger Tag an welchem wir
zur Solidarität aufrufen. Es soll nicht vergessen werden, dass es
Menschen unter uns gibt, die HIV-positiv sind. Wir wollten solchen
Menschen auch ein Gesicht geben und zeigen, dass das nicht vor allem
Drogensüchtige sind, oder abgemagerte, kranke Menschen. Teilweise
existieren solche Klischeevorstellungen leider bis heute. Betroffene
sind ganz normale Menschen, es könnte der Nachbar sein, es ist
vielleicht der Fernsehmoderator oder ein bekannter Schauspieler. Es
könnte jede Person sein. Egal ob HIV positiv oder nicht, sie sind Teil
unserer Gesellschaft und haben das Recht, mit Würde und Respekt
behandelt zu werden, sie sollen voll integriert sein. Um das bildlich zu
machen, wollte ich prominente Leute in die Kampagne aufnehmen und sagen,
es könnte auch jeder von ihnen betreffen. Die Menschen identifizieren
sich mit den Prominenten, sie schauen schneller auf ein Plakat, wenn sie
jemanden sehen, den sie kennen. Die Prominenten sind auch positiv
besetzt, man findet sie gut, und wenn eine geachtete Person sich für
das Thema einsetzt, dann ist das Thema Aids auch eher akzeptiert. Hier
ist die Vorbildrolle sehr wichtig.
Was liegt Ihnen noch, zum Thema, am Herzen?
Nationalität schützt nicht vor HIV. Dies gilt auch für
Geschlecht, Hautfarbe oder Bekanntheitsgrad. Es ist mir ein Anliegen,
dass auch die erwachsenen türkischen Männer dieses Thema ernst nehmen.
Es hat ja viele Väter unter ihnen, welche ihren jugendlichen Töchtern
und Söhnen eine wertvolle Hilfe sein können, wenn sie es wagen, mit
ihnen über die Liebe, Freundschaft und eben auch über Sexualität zu
reden.
Wir informieren auch Jugendliche in der Schule und im
Jugendtreff, sie interessieren Themen rund um Freundschaft und
Sexualität natürlich sehr. Es ist für Jugendliche jeder Nationalität
sehr hilfreich, wenn sie auch zu Hause mit ihren Eltern darüber reden
können.
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