Wollen Sie nicht die
anderen intressanten
Interviews lesen? >>>

 

 

Martina Saner: "Nationalität schützt nicht vor HIV. Dies gilt auch für Geschlecht, Hautfarbe oder Bekanntheitsgrad."

 

Die Aids-Hilfe beider Basel ist die regionale Fachstelle für Fragen zu HIV und Aids.

Kampf gegen Neuansteckungen

Die drei Ziele der Aids-Hilfe sind: Solidarität mit betroffenen Menschen durch Öffentlichkeitsarbeit fördern, Verminderung der HIV- Neuansteckungen durch Prävention, Erhaltung der Lebensqualität von Menschen mit HIV/Aids und deren Angehörigen durch fundierte Beratung, individuelle Begleitung und konkrete Hilfeleistungen.

Martina Saner hat sich Zeit für uns genommen, um uns mehr zum ganzen Themenbereich HIV und Aids zu erzählen: Von den betroffenen Menschen, von der täglichen Arbeit in der Prävention und vieles mehr.

interview: snc/ özen aytac

foto: snc/ mehmet gürz

   

snc: Wie ist die Aids-Hilfe beider Basel entstanden ?

Martina Saner: Die Aids-Hilfe beider Basel ist in ihrer Wurzel eine Selbsthilfeorganisation. Hauptsächlich Menschen, die entweder selber von HIV/Aids betroffen waren oder kranke Freunde und Bekannte hatten, haben sich für ihre Gründung engagiert. Daneben haben auch Menschen mitgeholfen, denen es von Beginn weg wichtig war, sich sozial zu engagieren, damit besonders betroffene Personengruppen nicht ausgeschlossen oder diskriminiert wurden von der Gesellschaft. Mitte der achtziger Jahre waren in der Schweiz meist Drogen konsumierende Personen und homosexuelle Männer von HIV/Aids betroffen.

Vor allem dem Engagement dieser homosexuellen Menschen ist es zu verdanken, dass die Aids-Hilfe beider Basel später gegründet wurde. Ihnen war es ein wichtiges Anliegen, dass die Bevölkerung informiert wurde und Betroffene Hilfe erhielten. Insbesondere wollten sie diese wichtige Aufgabe nicht einfach dem Staat oder andern öffentlichen Institutionen überlassen, sondern sich aktiv beteiligen und bei der Ausgestaltung der Angebote mitreden. Leute aus der Basler homosexuellen Arbeitsgruppe - welche es noch heute gibt- haben mit den kantonalen Verantwortlichen Kontakt aufgenommen und sind beim damaligen Sanitätsdirektor Remo Gysin auf offene Ohren und Unterstützung gestoßen. Die Aufklärungsaktionen für verschiedene Bevölkerungsgruppen werden auch heute noch vor allem deshalb so gut akzeptiert, weil in der Aids-Hilfe Leute mitarbeiten, die die angesprochenen Zielgruppen besonders gut kennen und selber aus diesen Gruppen stammen.

Weshalb braucht es die Aids-Hilfe?

Bis heute haben sich über 26'000 Menschen in der Schweiz infiziert. Über 7'500 sind an Aids gestorben. Jedes Jahr kommen fast 800 Menschen mit einer Neunansteckung hinzu. In der Region Basel leben rund 1'330 Personen mit HIV oder Aids. Gerade im letzten Jahr haben die Neuinfektionen um 25% zugenommen. Es sieht so aus, dass sich die Leute sich nicht mehr so gut vor einer Ansteckung schützen oder die Konsequenzen einer Infektion nicht mehr so schlimm einschätzen. Aber den Menschen, welche sich angesteckt haben, geht es oft gar nicht gut. Sie leiden beispielsweise an den medikamentösen Therapien, haben schwere körperliche Nebenwirkungen, ermüden viel schneller. Dies kann zu Problemen am Arbeitsplatz führen. Aus Angst vor Diskriminierung wagen es viele betroffene Menschen nicht, andern Personen von ihrer Situation zu erzählen. Sie ziehen sich zurück, sind isoliert und leiden an der seelischen Belastung sehr. Viele von ihnen suchen die Unterstützung der Aids-Hilfe. Es werden jedes Jahr mehr Menschen, die uns um Hilfe bitten. Die Angebot sind so ausgelastet wie noch nie. DieAids-Hilfe beider Basel wird also wohl noch eine Weile nötig sein. Denn der Kampf gegen die Neuansteckungen muss entschlossen weiter geführt werden, die Bevölkerung wieder wachgerüttelt werden. Und die betroffenen Menschen brauchen unsere Hilfe, mehr denn je.

Wie läuft eine Beratung ab?

Oft werden die Menschen die bei der Testberatungsstelle oder beim Hausarzt einen Test gemacht haben an uns weiter verwiesen. Es gibt auch die Möglichkeit, dass sie im Internet oder bei einer andern Beratungsstelle auf eine Broschüre der Aids-Hilfe beider Basel gestossen sind und dann Kontakt aufnehmen.

Es wenden sich ganz unterschiedliche Menschen an uns: Von HIV/Aids Betroffene, ihre Freunde, PartnerInnen oder Angehörige. Weiter erhalten wir Anfragen von Berufsfachleuten aus dem medizinischen, dem betreuenden oder aus dem Ausbildungsbereich. Es gibt aber auch Arbeitgeber, die vielleicht eine Person mit HIV im Betrieb haben und von uns ein klärendes Gespräch möchten.

Von HIV/Aids betroffene Personen kommen mit un-terschiedlichen Anliegen zu uns. Viele, die gerade eben erfahren haben, dass sie HIV-positiv sind, fallen in eine tiefe Krise. Sie brauchen Informationen, manchmal eine längere psychologische Unterstützung. Es ergeben sich sehr viele schwie- rige Fragen und Ängste aus der neuen Situation, die sie gerne besprechen möchten. Einige haben Probleme mit dem Arbeitsplatz, mit Versicherungen oder finanzielle und materielle Nöte. Manchmal kommt es auch zu Konflikten in der Beziehung oder in der Kindererziehung. Auch die Frage, ob eine Person eine medikamentöse Therapie beginnen möchte, ist oft Inhalt von Beratungsgesprächen. Denn die Medikamente müssen nach heutigem Wissen über sehr lange Zeit sehr regelmäßig genommen werden und können schwere Nebenwirkungen verursachen. Wir begleiten die Personen und unterstützen sie bei der Klärung, welcher Entscheid für sie der Beste sein könnte. Der definitive Entscheid fällt die betroffene Person dann mit ihrem behandelnden Arzt.

Wenn eine HIV-positive Person zu Ihrer Stelle kommt, beraten Sie auch die ganze Familie?

Wenn die betroffene Person das selber möchte. Unsere Beratung ist anonym, das heisst, wir informieren niemandem, dass diese Person hier war, wir sagen das auch nicht den Angehörigen. Die betroffene Person motivieren wir je nach Situation, zum Gespräch mit ihren Freunden oder der Familie und natürlich auch dass sich beim Geschlechtsverkehr mit dem Partner oder der Partnerin schützen muss.

Wenn eine Person, die HIV-positiv ist und Geschlechtsverkehr mit dem nicht infizierten Partner hat, dann wird der andere ja auch angesteckt. Wenn Sie das wissen, ist das nicht indirekt auch eine Schuld Ihrerseits?

Wir haben uns in der Schweiz auf eine Aids-Politik geeinigt, die primär an die Selbstverantwortung von allen Menschen appelliert. Das ist unsere ethische Grundhaltung: Wir gehen davon aus, dass sich informierte Menschen selbst schützen. Wir glauben nicht daran, dass sich Menschen durch Zwang oder in dem wir öffentlich machen, dass sie HIV-positiv sind, dazu bewegen lassen, sich zu schützen. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen die erleben, dass sie ernst genommen werden als erwachsene, respektierte und wertvolle Wesen, eher bereit sind Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. In der Beratung sprechen wir diese Verantwortung an. Wir setzen uns mit der betreffenden Person auseinander was die Konsequenzen ihres Handelns bewirken könnten und geben Unterstützung und Rat wie verantwortungsvoll gehandelt werden kann. Ohne Einverständnis der betroffenen Person geben wir keine Information weiter. Dies würde unsere Pflicht zur Verschwiegenheit verletzen.

Ist eine Person verpflichtet den Chef über die Krankheit zu informieren?

Nein, sie ist nicht verpflichtet. Allerdings tritt eine Person mit einer neuen Arbeitsstelle in der Regel auch bestimmten Versicherungen des Arbeitgebers bei. Dabei wird dann- je nach Versicherungsart nach dem HIV-Status gefragt. Die betreffende Person muss Auskunft geben. Wir empfehlen, sich unbedingt vorher zu informieren und beraten zu lassen, denn je nach Situation können unterschiedliche Lösungen gefunden werden.

Weiter empfehlen wir den Aids-Test immer anonym zu machen, damit jede Person selbst entscheiden kann, wann und wen sie informiert. Ein anonymer Test, das heisst ohne Registrierung des Namens und mit guter Beratung, kann z.B. in den Kantonsspitälern in Basel-Stadt oder Basel-Land gemacht werden.

Besteht bei einem Unfall am Arbeitsplatz ein Ansteckungsrisiko wenn passiert und erste Hilfe geleistet wird?

Man kann sich beim erste- Hilfe-leisten nicht anstecken, auch wenn man keine Handschuhe trägt. Die Person, welche hilft, müsste selber auch eine grosse offene Wunde haben, und es müssten die Wunden von beiden Personen gegeneinander massiert werden. Durch den venösen Druck läuft das Blut ja nach aussen, das Virus hat keine Beine und kann nicht gegen den Blutstrom in den Körper des andern Menschen kriechen.

Eine Übertragung über Wunden ist am ehesten denkbar z.B. bei Jugendlichen, die Blutsbrüderschaft machen, weil die blutigen Schnitte gegeneinander massiert werden. Bei der ersten Hilfe ist das nicht so, die normale Haut bietet genügend Schutz.

Wie helfen die Medikamente?

Bis heute gibt es keine Medikamente die das Virus wieder ganz aus dem Körper entfernen könnte. Es gibt auch keinen Impfstoff, der eine Ansteckung verhindern könnte. Bis heute ist es leider so, wer sich angesteckt hat, ist HIV-positiv, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

Die Wirkungsweise der Medikamente ist sehr kompliziert und stellt die Forschung vor grosse Herausforderungen. Verschiedene Wirkstoffe bewirken, dass die Virenmenge im Blut möglichst lang möglichst klein bleibt. Falls die Therapie anspricht und die Nebenwirkungen nicht zu stark sind, kann der Ausbruch von Aids so um Jahre verzögert werden. Leider ist es so, dass die Viren es teilweise schaffen, sich gegen die Medikamente zu wehren und diese Resistenzfähigkeit an andere Viren weitervererben. Die Medikamente könne also im Verlauf der Therapie ihre Wirkung verlieren. Für die betroffene Person bleibt dann nur die Hoffnung, dass die Forschung bereits wieder ein weiteres Medikament entwickelt hat welches für die betreffende Person wirkt.

Wie ist der Stand in der Wissenschaft? Wieso wurde noch nichts gefunden, dass den Virus vernichtet?

Die Funktionsweise des Virus und der Vermehrungsvorgang des Virus ist sehr kompliziert und stellt höchste Anforderungen an die Forschung und an die Medizin. Die Viren haben die Fähigkeit sich bei der Vermehrung immer wieder ein wenig zu ändern. Die Medi- kamente müssen dem gerecht werden. Zudem dürfen die Therapien ja nicht so stark sein, dass sie neben dem Virus auch lebenswichtige körperliche Funktionen stören. Dies ist eine sehr heikle Balance. Die Medikamente gibt es erst seit Mitte der neunziger Jahre. Es wird sehr viel Geld in die Forschung und Entwicklung der Medikamente investiert und im Verhältnis mit der relativ kurzen Zeitspanne wurde schon viel erreicht. Auch die Entwicklung eines Impfstoffes gestaltet sich äußerst anspruchsvoll. Obwohl gerade dieser für Länder in welchen die Menschen weder Geld für Kondome noch für Medikamente haben, so dringend nötig wäre. Die Beurteilungen wann ein Impfstoff zu erwarten ist, sind unterschiedlich. Sehr optimistische Einschätzungen sprechen von ca. fünf Jahren, andere rechnen eher mit bis zu zehn Jahren.

Warum eigentlich die Wörter "HIV" und "Aids" - was ist der Unterschied?

Die Abkürzungen stammen aus dem englischen und heissen übersetzt wie folgt:

HIV steht für "Human Immuno Deficiency Virus" was so viel wie "menschliches Immundefekt-Virus"" bedeutet. "Aids" ist dieAbkürzung für "Aquired Immuno Deficiency Syndrom"" was "erworbenes Immundefekt-Syndrom" heisst. Bei einem Immundefekt ist die Abwehrfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheitserregern vermindert.

Wir unterscheiden zwei unterschiedliche Phasen der Infektion. Im ersten Stadium sind die Menschen "HIV-positiv". Sie haben sich mit dem Virus angesteckt, tragen es im Blut und können es an andere Menschen weitergeben. Sie haben höchstens leichte Anzeichen eines geschwächten Immunsystems, die meisten fühlen sich völlig gesund, leistungsfähig und spüren nichts. Über die Jahre vermehrt sich das Virus im Körper. Die Viren schwächen das Immunúsystem bis es schliesslich zum Ausbruch von verschiedenen Krankheiten kommt, die nur Menschen mit schweren Immundefekten bekommen. Ab dieser Phase werden diese Menschen als an Aids erkrankt diagnostiziert. Aber auch jemand, der an Aids erkrankt ist, kann weiter die Medikamente nehmen und noch einige Jahre leben. Der Zeitraum zwischen Ansteckung und Erkrankung variiert von Mensch zu Mensch. Ohne Medikamente entwickelt etwa die Hälfte der HIV-positiven Personen im Zeitraum von ungefähr 10 Jahren Zeichen einer Immunschwäche, etwa ein Viertel erkrankt in diesem Zeitraum.

Welche Menschen stecken sich mit HIV an?

Heute stecken sich zu mehr als 75% Menschen an, die sich beim Geschlechtsverkehr nicht mit einem Kondom schützen. Personen, die sich Drogen mit einer Nadel spritzen, stecken sich nicht mehr so oft an. Dies vor allem weil sie in den Gassenzimmern jederzeit sauberes Spritzenúmaterial und Kondome erhalten. Über die Hälfte der Neuübertragungen sind Männer und Frau- en, die sich beim ungeschützten Verkehr anstecken. Ein Viertel der Neuansteckungen geschehen bei Männern, welche ungeschützten Sex mit Männern haben. Bei den Männern und Frauen nehmen die Infektionen vor allem da zu, wo es zum ungeschützten Gesch-lechtsverkehr mit einer Person kommt, die aus einem Land stammt, wo die Neuansteckungen besonders hoch sind. Einige dieser Länder sind beispielsweise in Afrika, in Südamerika und Asien, zunehmend aber auch aus Ländern des ehemaligen Ostblocks.

Man sieht es niemandem an ob er oder sie HIV-positiv ist, jede und jeder kann sich anstecken, wenn er oder sie sich nicht schützt.

Wie stecken sich Frauen oder Männer vor allem an?

Wer beim ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer wenig bekannten Person kein Kondom benutzt, setzt sich einem Ansteckungsrisiko aus. Nur wer konsequent ein Kondom benutzt oder absolut treu ist (und mit der Partnerin oder dem Partner vereinbart hat, dass beide treu sind) ist vor einer Ansteckung geschützt.

Am letzten Welt-Aids-Tag haben Sie eine Plakataktion gestartet. Es sind Menschen darauf zu sehen, ihre Namen stehen unter den Bildern. Was wollen sie damit bewirken?

Der Welt-Aids-Tag ist ein wichtiger Tag an welchem wir zur Solidarität aufrufen. Es soll nicht vergessen werden, dass es Menschen unter uns gibt, die HIV-positiv sind. Wir wollten solchen Menschen auch ein Gesicht geben und zeigen, dass das nicht vor allem Drogensüchtige sind, oder abgemagerte, kranke Menschen. Teilweise existieren solche Klischeevorstellungen leider bis heute. Betroffene sind ganz normale Menschen, es könnte der Nachbar sein, es ist vielleicht der Fernsehmoderator oder ein bekannter Schauspieler. Es könnte jede Person sein. Egal ob HIV positiv oder nicht, sie sind Teil unserer Gesellschaft und haben das Recht, mit Würde und Respekt behandelt zu werden, sie sollen voll integriert sein. Um das bildlich zu machen, wollte ich prominente Leute in die Kampagne aufnehmen und sagen, es könnte auch jeder von ihnen betreffen. Die Menschen identifizieren sich mit den Prominenten, sie schauen schneller auf ein Plakat, wenn sie jemanden sehen, den sie kennen. Die Prominenten sind auch positiv besetzt, man findet sie gut, und wenn eine geachtete Person sich für das Thema einsetzt, dann ist das Thema Aids auch eher akzeptiert. Hier ist die Vorbildrolle sehr wichtig.

Was liegt Ihnen noch, zum Thema, am Herzen?

Nationalität schützt nicht vor HIV. Dies gilt auch für Geschlecht, Hautfarbe oder Bekanntheitsgrad. Es ist mir ein Anliegen, dass auch die erwachsenen türkischen Männer dieses Thema ernst nehmen. Es hat ja viele Väter unter ihnen, welche ihren jugendlichen Töchtern und Söhnen eine wertvolle Hilfe sein können, wenn sie es wagen, mit ihnen über die Liebe, Freundschaft und eben auch über Sexualität zu reden.

Wir informieren auch Jugendliche in der Schule und im Jugendtreff, sie interessieren Themen rund um Freundschaft und Sexualität natürlich sehr. Es ist für Jugendliche jeder Nationalität sehr hilfreich, wenn sie auch zu Hause mit ihren Eltern darüber reden können.