snc:
Seit
wann besteht die Institution?
René Frei:
Die
Familien- und Erziehungsberatung wurde in den Krisenjahren als
Verein gegründet. Damals konnten staatliche Dienste nicht oder
kaum ausgebaut werden. Unter dem Namen Familienfürsorge wurde
versucht Direkthilfe und Unterstützung für vorwiegend
kinderreiche Familien anzubieten. Die Institution hat sich dann im
Verlaufe der Jahren den gesellschaftlichen Veränderungen
angepasst und auch die Beratungs- und Therapieform verändert.
Ebenfalls wurde der Name der Stelle den neueren Gegebenheiten
angepasst.
Welche
Grösse hat die Familienberatung und wer bezahlt für die
Dienstleistungen?
In
der Institution arbeiten derzeit 23 Personen aus den Gebieten von
Administration, Sozialarbeit und Psychologie. Finanziert wird die
Stelle aus namhaften Subventionen des Staates und auch die
Klienten, die Leistungen bei unserer Institution in Anspruch
nehmen, bezahlen im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten einen
Betrag.
Mit
welchen Problemen können Personen sich bei der Familien- und
Erziehungsberatung anmelden?
Die
Stelle bietet psychologische Beratung und Therapie sowie Hilfe
durch Sozialberatung bei den verschiedensten Konflikten in Familie
und Partnerschaft an. Zum Beispiel bei Trennungs- und
Scheidungsfragen, bei Besuchsregelungen nach Trennung oder
Scheidung. Auch können sich Eltern bei Erziehungs- und
Entwicklungsproblemen von Kindern und Jugendlichen anmelden.
Weitere Anmeldegründe können Schwierigkeiten im Berufsleben bei
Arbeitslosigkeit oder bei längerer Krankheit oder Unfallfolgen
sein. Ebenfalls wird bei Verschuldungssituationen oder sonstigen
finanziellen Schwierigkeiten Hilfestellung gegeben.
Bei
der Familien- und Erziehungsberatungsstelle haben wir auch laufend
Gruppenangebote, so zum Beispiel für Kinder, deren Eltern
getrennt oder geschieden sind oder für Buben, deren Väter nicht
oder zu wenig erreichbar sind, ebenfalls gibt es eine
Kindergruppe, um durch gemeinsames Spielen
und Tun mehr Sicherheit und Selbstvertrauen zu gewinnen. Für
Mütter haben wir ein Gruppe für Supervision und
Erziehungsberatung.
Wie
melden sich Familien an und wie lange müssen sie auf Beratung
warten?
In
der Regel melden sich Klienten telefonisch an. Es ist durchaus möglich,
dass jemand auch direkt am Schalter im Sekretariat vorbei kommt.
Bei der Anmeldung werden die wichtigsten persönlichen Daten
aufgenommen und gleichzeitig nach dem oder den Problemen
nachgefragt. Dabei wird geprüft, ob die Familie bei uns an der
richtigen Adresse ist oder sie bei einer andern Institution die
fachlich bessere Hilfe bekommt, wobei auch hier gerade die Leute
mit den entsprechenden Adressen versorgt werden.
Im
Normalfall müssen Klienten etwa einen Monat warten, bis sie zu
einer Beratung eingeladen werden. Gerade in den letzten Monaten,
in der die Anmeldungen gehäuft eingegangen sind, mussten wir die
Wartezeit auf zwei Monate verlängern. Bei von uns als dringend
eingestufte Fälle, erhalten die angemeldeten Personen innert
einer Woche einen Beratungstermin.
Wie
wird mit Familien gearbeitet?
Stets
zu Beginn möchten wir die ganze Familie sehen, wobei dies wegen
verschiedenster Gründen nicht immer möglich ist. Es geht dann
darum erst einmal zu schauen, welches Thema die Familie beschäftigt,
wobei wir darauf achten, was sonst in der Familie gut läuft oder
wie früher ähnlich gelagerte Situationen gelöst wurden. Es wird
eine Art Inventar über die Gewohnheiten, Probleme und Ressourcen
in der Familien aufgenommen. Vielfach benötigen wir einige Gespräche,
um die Themen, an denen gearbeitet werden soll, festzulegen. Mit
den Klienten wird danach vereinbart, welche Ziele gesetzt werden
und mit wem von der Familie die Beratungsgespräche oder die
Therapie geführt werden.
Es
kann durchaus sein, dass im Verlaufe der Arbeit neue Themen
aktuell werden und sich dadurch
Aufteilungen in der Arbeit ergeben. So kann es sein, dass
die Eltern wegen Trennungsfragen und Verschuldung sich bei einem
Sozialarbeiter zur Beratung einfinden und der Sohn wöchentlich
bei einem Kindertherapeuten ein Termin hat.
Wie
läuft eine erste Beratungsstunde ab, können Sie kurz den Ablauf
schildern?
Nehmen
wir an, eine Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern hat sich für
eine Budgetberatung angemeldet. Die ganze Familie wird eingeladen
und es erscheinen die Eltern. Nachdem die Institution und der
Berater oder Therapeut sich vorgestellt hat, schildern die
Klienten ihr Anliegen. Sie berichten, dass das Geld knapp ist und
es deswegen zu Hause oft auch zu Streitereien kommt, wobei sie
sich gegenseitig die Schuld zuweisen. Es werden weiter allgemeine
Fragen zu Arbeit, zu Situationen der Kindern, zu den sozialen
Beziehungen gestellt und es wird nachgefragt, weshalb die Kinder
nicht mit gekommen sind. Die Eltern geben zu verstehen, dass sie
nicht vor den Kindern über ihre Probleme reden wollen. Bei einer
kurzen und provisorischen Budgetaufnahme stellt sich heraus, dass
das Einkommen für die Bestreitung der Lebenshaltungskosten
ausreicht, jedoch wenn die Rückzahlrate an das Darlehen der Bank
und die Leasingrate bezahlt werden müssen, am Schluss noch ein
Betrag übrig bleibt, der für die Deckung der Haushaltskosten
nicht ausreicht. Zugleich wird erfahren,
dass der Mann nach einer längeren Zeit der
Arbeitslosigkeit nun einen Lohn erzielt, der merklich unter dem früheren
lag und auch das Teilzeiteinkommen der Frau sich in den letzten
Jahren nicht verbesserte. Ebenfalls berichten die Eltern von den
Schulschwierigkeiten eines der Kinder, bei dem ein Wechsel der
Schule vorgeschlagen wurde.
Nach
etwa einer Stunde werden zwei weitere Gespräche vereinbart, um
eine genaue Schuldenanalyse zu machen und ein realistisches Budget
aufzustellen, nach welchem die weiteren Schritte geplant werden können.
Die Klienten bringen dabei die verschiedensten Unterlagen wie
Lohnbelege, Versicherungsunterlagen, Verträge der Bank und
Leasing, usw. mit. Zudem werden die beiden Kinder zum nächsten
Termin vorbeikommen. Vielleicht wird von den Klienten verlangt,
dass sie die Geschichte ihrer Verschuldung aufschreiben.
Das
Ganze ist eine erfundene Geschichte, doch nahe an der
Wirklichkeit. Es zeigt, dass zum Beispiel finanzielle Probleme
eine Beziehung sehr belasten kann und auch die Kinder direkt oder
indirekt betroffen sind.
Der
Ablauf eines ersten Gesprächs bei anderen Problemstellungen wie
Trennung und Scheidung, Erziehungs- oder Beziehungsschwierigkeiten
läuft etwa ähnlich ab.
Was
ist der Unterschied zwischen Sozialarbeit und Psychotherapie?
Personen
mit Sachproblemen oder Sachfragen, beispielweise Schulden,
Budgetaufstellung, Versicherungsprobleme und rechtliche Fragen zu
Trennung und Scheidung, usw. werden der Gruppe der Sozialarbeit
zugewiesen. Für Beziehungsprobleme in Familien oder
Partnerschaft, spezielle Erziehungsprobleme oder Entwicklungsauffälligkeiten
eines Kindes ist das Team der Psychologie zuständig. Es gibt aber
oft auch Gebiete, die nicht so genau eingrenzbar sind und sich überlappen.
Manchmal ändert sich auch die Fragestellung im Laufe der Beratung
oder Therapie und ist es möglich, dass ein Familienmitglied,
beispielsweise ein Kind zu einer Kindertherapeutin für eine
genaue Abklärung zugewiesen wird. Ebenfalls kommt es vor, dass
untereinander Konsilien gewährt werden, indem für ein Gespräch
ein Vertreter der einen Berufsgruppe, nehmen wir beispielweise
einen Sozialarbeiter, bei einem Gespräch einer Psychologin mit
einem Ehepaar der Therapiestunde beiwohnt und rechtliche oder
finanzielle Fragen zu Trennung und Scheidung beantwortet.
Wie
lange dauern Therapien und Beratungen?
Zu
Beginn einer Beratung oder Therapie setzen wir mit den Klienten
gemeinsam Ziele und eine bestimmte Beratungszeit fest. Wir
versuchen so wenig wie möglich und so lange wie nötig mit den
Klienten zusammen zu arbeiten. Nicht immer können Erwartungen der
Klienten erfüllt werden oder die Klienten wollen sich nicht für
eine bestimmte Zeit in einer Therapie oder Beratung engagieren.
Beratungen können zwei oder drei Konsultationen beinhalten oder
es kann durchaus auch eine längere Begleitung und Unterstützung
über Monate oder gar Jahre einer Familie nötig sein.
Es
gibt Personen, die wünschen nur rechtliche und finanzielle
Informationen, zum Beispiel über Heirat oder wenn ein Nachwuchs
in der Familie geplant wird oder die wollen wissen, was für
finanzielle Folgen eine Trennung der Ehe bedeutet. Es melden sich
Eheleute an, die ganz klar über ein bestimmtes Problem im
gemeinsamen Zusammenleben in der Ehe reden möchten. Wiederum
kommen Familien mit Schulden und erwarten Hilfe und Unterstützung
für dieses Anliegen. Manchmal sind die Fragestellungen recht
klar, aber es kann durchaus vorkommen, dass mit einer Familie erst
nach ein paar Gesprächen eine klare Problemlage herausgearbeitet
werden kann.
Oft
können wir die von den Klienten gewünschten Lösungen nicht erfüllen.
So können wir eine Frau nicht vor ihrem Mann schützen oder einem
Mann können wir nicht die Frau zurückholen, die sich in die Arme
eines andern Mannes begeben hat. Wo Schulden bestehen, können wir
diese nicht bezahlen oder wo eine grössere Wohnung gesucht wird,
können wir nicht direkt eine den Wünschen entsprechende
vermitteln. Wir können aber mit den Klienten nach Lösungswegen
suchen und mit Hilfe von Therapie Unterstützung vermitteln, um
den Verlust eines Partner oder eines sonstigen Ereignisses besser
verkraften zu können und um für sich eine neue
Lebensperspektive zu finden oder Wege aufzeigen wie man
sich besser schützen kann oder wie das Vorgehen für das Finden
einer Wohnung optimiert werden kann.
Beratung
und Therapie bedeutet oft eine Auseinandersetzung mit sich und mit
der Umwelt im weiteren und engeren Sinn einzugehen, eigene Werte
und Verhaltensweisen zu hinterfragen und auch bereit sein anderes,
vielleicht bewussteres Verhalten zu lernen.
Statistisch
gesehen, nehmen die Probleme von Jahr zu Jahr zu?
In
den letzten Jahren haben die Fallzahlen etwas zugenommen, doch
kann gesagt werden, dass die Problemstellungen komplexer geworden
sind. So sind die Auswirkungen schlechter Schulnoten
beispielsweise heute bei der Lehrstellensuche viel stärker oder
Arbeitslosigkeit belastet eine Familie heute finanziell und
emotional viel mehr, weil die Zeit bis ein Arbeitsloser wieder ins
Erwerbsleben einsteigen kann, um einige Monate länger dauert, als
dies etwa vor zehn Jahren der Fall war. So erleben wir gerade bei
Arbeitslosigkeit, dass bestehende Spannungen in der Familie
dadurch verstärkt werden. Ebenso haben wir vermehrt vor allem Männer,
die nach Unfall oder Krankheit den Weg zurück in die Arbeitswelt
nicht mehr finden können und invalidisiert werden. Ein weiteres
Problem sind die jungen Erwachsenen, mehrheitlich Ausländer, die
durch die schlechte Schulnoten schwer eine für sie geeignete
Lehrstelle finden und auch sonst auf dem Arbeitsmarkt schwer
vermittelbar sind.
Sind
die Zahlen im Bereich von Gewalt gestiegen oder wie haben sie sich
verändert?
Gewalt
war immer vorhanden, doch die Brutalität und Verrohung hat
sicherlich zugenommen. Zum Beispiel wurde schon früher auf dem
Pausenhof geprügelt, doch massive Verletzungen blieben aus oder
dass gar Tatwaffen wie heute angewendet werden, gab es nicht.
Ueber die Gewalt in der Ehe und Partnerschaft wird heute mehr
geredet und geschrieben, es wird allgemein öffentlicher gemacht
und seit einigen Jahren bestehen auch ausgebaute
Opferhilfsberatungsstellen. Bei häuslicher Gewalt getrauen sich
Frauen, um die geht es meistens, oft nicht die entsprechenden
Konsequenzen zu ziehen und ihre Männer zu verlassen. Ebenfalls
sind Männer oft nicht bereit, etwas für sich zu tun und eine
Beratung anzunehmen, damit sie bessere Ehemänner und Väter
werden und vertrauensvolle Vorbilder für ihre Kinder abgeben.
Wichtig ist jedoch, dass es auch für Täter ein entsprechendes
Beratungsangebot gib, dass von ihnen angenommen wird.
Bestehen
an der Institution Projekte, die das Kulturelle zum Thema haben?
Primär
sind wir eine Beratungsstelle und haben durch den Vertrag mit
Basel-Stadt einen klaren Auftrag und somit haben wir keine
speziellen Projekte. Einerseits werden an der Stelle mittels
internen Weiterbildungsangeboten verschiedene Kulturen vorgestellt
und kulturelle
Unterschiede heraus gearbeitet. Andererseits lernen wir durch die
Personen, die das Angebot unserer Institution benützen, sehr viel
aus ihrem Alltagsleben als Migranten und von ihren verschiedenen
Werten und Eigenarten aus den Herkunftsländern. Dann ist zu
beachten, dass viele Probleme, mit denen die Klienten zu uns
kommen in keiner Weise mit einer Kultur etwas zu tun haben.
Schuldenmachen ist nicht Kultur abhängig, doch die
Konsequenzen können etwas mit der Kultur haben, wenn die
Darlehen bei Privaten und nicht bei einer Bank aufgenommen werden.
Wenn eine Person Gewalt erfährt ist dies stets eine schmerzhafte Verletzung für
das Opfer, das Motiv dazu kann, muss aber nicht kulturell bedingt
sein.
Sich
Hilfe und Unterstützung bei einer Familien- und
Erziehungsberatung holen, sich überhaupt bei einer Institution
anzumelden, das hat oft mit verschiedenen Kulturen und Werten zu
tun. Noch immer wird in der Familie ein Problem eher verschwiegen
als darüber geredet, obwohl dadurch das Problem weiter besteht.
Gut wäre es, wenn Familien sich somit früher Hilfe und Unterstützung
holen und nicht zuwarten bis das Wasser am Hals steht.
Herzlichen
Dank für das Gespräch.