Die
grosse Vielfalt europäischer Gospelchöre zeigt eindrücklich,
dass auch weisse SängerInnen in der ursprünglich
afroamerikanischen Musik so richtig mitgrooven und ihre Fröhlichkeit
zum Ausdruck bringen können.
Über
viele Generationen hinweg hat die traditionelle Gospelmusik nichts
von ihrer starken Aussagekraft verloren. Ja sie hat auch andere
Musikstile wie Jazz-, Blues oder Soulmusik beeinflusst.
Bereits
im Herbst 2001 entstand in Affoltern am Albis der erste Chor.
Seine erklärte Spezialität ist die konfessionelle Unabhängigkeit
und die Offenheit für jede und jeden. Leute, die engagiert
mitsingen möchten, wenn es gilt, das Evangelium – nicht nur im
Advent oder an Weihnachten, sondern durchs ganze Jahr hindurch mit
der Musik der schwarzen Menschen Amerikas weiterzugeben, sind
immer gerne gesehen. Da diese Musik auch weisse Menschen bewegt
und beflügelt, dauerte es nicht lange, bis an zwei weiteren
Standorten ähnliche Chöre sich formierten. So entstanden im Mai
2002 The Gospel Voices Basel und Aarburg.
Die
Offenheit für alle Interessierten, egal ob mutterlos, weit weg
von Zuhause oder getragen wie vom Wind, ob traurig, enttäuscht
und verzweifelt oder glücklich, frei und beschwingt, gesund
und/oder behindert, bestätigt sich mit dem blinden Chorleiter der
Gospel Voices in Basel.
Wir
haben uns mit ihm unterhalten:
Lieber
Herr Kamber, als erstes würde ich gerne von Ihnen erfahren, aus
wie viel Leuten ihr Chor besteht.
Im
Moment sind es 10 bis 13 Personen, die bei mir in Basel singen.
The Gospel Voices bestehen aus drei Chören. Affoltern am Albis,
in Aarburg und Basel wird geprobt und gesungen. Ideal wäre ein
Chor mit etwa 20 Personen pro Standort. Leider haben wir immer zu
wenig Männer, das ist ein generelles Problem.
Was
können Sie uns zu der Entstehung ihres Chores in Basel erzählen?
In
Basel gibt es uns seit Mai 2002, ein Jahr. Im Jahr 2000 begleitete
ich in Affoltern einen Chor an einem „Gospical“ also
Gospel-Musical. Dort habe ich zum Gospel gefunden und habe mich
entschieden, Gospel zu singen und zu machen. Ein Gospical habe ich
auch selbst geschrieben und möchte es noch inszenieren. In dieser
Zeit habe ich gemerkt, dass es mehr Chöre braucht und setzte mich
dafür ein, dass es in Basel auch einen gäbe.
Können
Sie die Leute, welche mitsingen, grob beschreiben? Sind es
wirklich unterschiedliche Leute?
Ja,
die Jüngste ist 15 und die Älteste über 70 Jahren. Es gibt
keine Altersbegrenzung. Jede Stimme ist uns wichtig. Mir ist es
sehr wichtig, dass die Sängerinnen und Sänger ihre eigene Stimme
finden. In vielen Chören ist es so, dass der Chorleiter bei den
ersten paar mal Vorsingen des Bewerbers entscheidet, ob es eine
Sopran- oder Altstimme, Tenor- oder Basstimme ist. Bei uns soll
dies bei jedem Gospel frei entschieden werden können. Ich
verteile auch keine Noten zum Singen, sondern nur den Text. Die SängerInnen
sollen ihr Gehör entwickeln und nachsingen.
Seit
wann singen Sie selbst?
Ich
selbst singe schon seit meiner Kindheit. In meinem ersten Beruf
bin ich Primarlehrer. In diesem Beruf wird man nebenbei auch
musikalisch ausgebildet. Als Diplominstrument spielte ich bereits
schon Klavier. Doch die Musik, die ich damals machte gefiel mir
nicht. Ich habe sehr spät zu der „alten Musik“ gefunden. Dies
geschah während meinem Theologiestudium. Nebst dem Studium machte
ich immer wieder Unterhaltungsmusik. Unter anderem waren das
verschiedene Trios und diverse Formationen mit Sängerinnen und Sänger.
Als ich angefragt wurde, das Gospical in Affoltern zu begleiten,
traf ich die Entscheidung, Gospelmusik zu machen. In unserem Chor
singen wir auch Moderneres. Wir gehen immer vom Text, genauer
gesagt, vom Inhalt, aus. Die Geschichte soll erzählt werden.
Meistens sind bei einem Gospel nur zwei Strophen gegeben. Die
Geschichte ist damit jedoch vielfach noch nicht fertig erzählt.
Daher kommt es sehr oft vor, dass ich die Lieder fertig schreibe,
ergänze oder ganz umändere. Beispielsweise der Gospel „I
believe“ ist ein Glaubensbekenntnis. Ich dachte wenn ein
Glaubensbekenntnis, dann ein Richtiges. So habe ich die Melodie übernommen,
doch den Text umgeschrieben. Auch gibt es keine Adventslieder,
deshalb bin ich auf mich selbst angewiesen bei den Texten.
Sie
sind der Hauptleiter. Wie kommen Sie als Blinder zurecht in ihrer
Funktion?
Frau
Kamber, meine Frau, ist die Co-Leiterin in Basel und Aarburg. Sie
ist mir eine grosse Hilfe. Es fehlt nun mal an Kommunikation, wenn
es um optische Sachen geht. Sie ist diejenige, die Sänger bei
Verhaltensfragen anspricht oder reagieren kann. Da ich nur höre,
kann ich schlecht beurteilen, welche Mimik ein Sänger aufsetzt.
Der Vorteil, dass Frau Kamber mitsingt, ist sehr gross.
Was
sind die Anforderungen, um in ihrem Chor mitsingen zu können? Im
Probeplan steht, dass Singfreude und ein gutes Ohr zum Zuhören
reichen. Wie läuft das genau ab?
Die
beiden Kriterien genügen wirklich. Ein gutes Ohr ist sehr
wichtig. Wie gesagt, müssen die SängerInnen eher mitsingen als
ablesen.
Wo
finden die Proben statt?
Die
Proben in Basel sind alle 14 Tage im QUBA an der Bachlettenstrasse
12, jeweils am Mittwoch um 20.15 Uhr.
Wie
kann man sich bei Ihnen anmelden oder wie kann man Sie engagieren
für ein Konzert?
Auf
unserer Homepage www.komm-inform.com
kann man sich über uns informieren.
Alles
geht über mich, daher kann man mich anrufen oder anmailen.
Christoph
Kamber
061
272 91 52
Gospel.Voices@freesurf.ch
Wie
ist es mit der Verbindlichkeit? Klappt es, die Proben konsequent
durchzuziehen?
Das
ist leider auch immer wieder ein Problem. Daher auch die Kampagne.
Alle Interessierten kommen und verschwinden bei geringem
Interesse. Deshalb biete ich zwei Schnupperabende an, worauf sie
sich entscheiden müssen, ob sie nun konsequent mitsingen oder
nicht.
Wichtig
sind natürlich auch die Auftrittsmöglichkeiten! Dies sind nämlich
die wichtigsten Erfahrungen. Nur Proben alleine bringt die SängerInnen
nicht weiter. Viele Leute haben auch Angst vor dem Singen, weil
sie denken, sie könnten es nicht. Ich zeige den Leuten, dass es
geht. Die Stimmen entwickeln sich. Das anspruchsvolle Ziel ist,
pro Monat mindestens einen Auftritt zu haben.
Wie
ist es mit der Mitgliedschaft?
Die
Mitglieder bezahlen einen Jahresbeitrag. In diesem Beitrag sind
Spesen mit allen Auftritten zusammen eingeschlossen. Bei Defiziten
bezahle ich aus meinem eigenen Sack.
Wie
haben Sie die Fähigkeit in sich entdeckt?
Das
habe ich schon immer gewusst. Wir waren eine sehr musikalische
Familie. Alle sagten immer wieder, ich hätte eine schöne Stimme.
Im Blindenheim machten wir auch Musik. Da war es für mich nicht
einfach. Obwohl ich nicht unbedingt unter der „Sklaverei“
gelitten habe, habe ich im Singen immer die Heimat gefunden. Als
Blinder lernt man nur Blockflöte. Ich wollte jedoch unbedingt
Klavier lernen. Sie sagten, ich könne das nicht. Mein Wille war
so gross, dass ich mich durchsetzen konnte. Mein Vater spielte
Klavier. Jetzt ist es lustig, aber damals wollte ich besser
werden. Mein Ehrgeiz machte meinen Vater zu meinem Konkurrenten.
Mich
und wahrscheinlich auch die Leser nimmt sehr Wunder, wie es ist,
als Blinder einen Chor zu leiten. Wie geht man mit Ihnen um?
Ich
mache nicht nur gute Erfahrungen. Es gibt nun mal die Leute, die
nicht grüssen, sich nicht verabschieden. Wenn eine Stimme für
mich nicht hörbar ist, dann ist die Person für mich nicht da.
Daher ist es auch wieder vorteilhaft, dass sich meine Frau
Beatrice darum kümmert, neue einzuweihen.
Obwohl
wir dafür offen sind, gibt es jedoch in meinem Chor in Basel noch
keine weitere Behinderte. In Affoltern singen auch Gehbehinderte
mit.
Durch
wen wird die Organisation getragen?
(Er
lacht..) Ich selbst trage sie. Letztes Jahr habe ich den
Basler-Chor selbst finanziert. Wir sind auch kein Verein, obwohl
wir den gerne wären. Die Mitgliederbeiträge müssen ausreichen,
sonst kommt es wieder aus meinem Sack.
Haben
Sie bereits eine CD oder ein Demo-Band aufgenommen?
Noch
nicht. Das ist jedoch mein Wunsch. Es wäre zwar nicht undenkbar,
aber noch zu früh. Man kann unsere Konzerte hören.
Der
Chor ist konfessionell unabhängig. Welche Religionen trifft man
hier an?
Die
Offenheit ist ganz bewusst. Wir wollen alle Leute ansprechen. Wenn
der Inhalt der Lieder bewegt, dann ist es egal, in was für einem
Gewand er vermittelt wird. Die Inhalte sind natürlich christlich.
Andere Religionen trifft man zur Zeit noch nicht.
Bezwecken
Sie mit ihrer konfessionellen Unabhängigkeit vielleicht auch das
Zusammenkommen verschiedener Rassen?
Die
Menschen sollen zusammenkommen. Das Rassenproblem ist im Gospel in
der letzten Zeit ziemlich in den Hintergrund geraten. Wichtiger
ist, dass es stimmt, was die SängerInnen singen, dass das
Gospelsingen sie aufstellt, beschwingt und frei macht, an neues im
eigenen Leben zu glauben. Gospel soll aus Freude gesungen werden.
Was
haben Ihrer Meinung nach die Leute, die in ihrem Chor singen,
gemeinsam?
Ich
glaube den Willen, einen Weg zu gehen in der Entwicklung der
eigenen Stimme.
Wie
verliefen ihre bisherigen Auftritte? Was für Feed Backe erhielten
Sie?
Eigentlich
bin ich nie zufrieden, d.h. es gibt immer noch mehr zum
Entwickeln. Aber ich bin zufrieden mit allem was wir bisher mit
unseren noch begrenzten Möglichkeiten erreicht haben. Bisher
erhielt ich sehr gute Rückmeldungen. Es gibt allerdings noch
einiges, das wir nicht im Griff haben. Beispielsweise lenkt das
Sehen sehr ab. Man sollte nicht mit den Augen singen, das schwächt
die Sicherheit. Unsere SängerInnen müssen selbstsicherer werden
beim Musik- machen. Mein Ziel ist, dass unser Chor auftrittssicher
wird.
Was
würden Sie gerne unserer Leserschaft mitteilen?
In
einem Wort „Chömmet“ ! Wenn die Leute von der Lust gepackt
werden zu singen, sollen sie sich trauen. Denn frisch gewagt ist
halb gewonnen!