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Christoph Kamber:

„Nicht mit den Augen singen“

Christoph Kamber, ein blinder Chorleiter, leitet den Basler Chor The Gospel Voices.

The Gospel Voices ist für jede und jeden, der aus Freude singt, offen.

snc

interview und foto: nesrin okumus

Die grosse Vielfalt europäischer Gospelchöre zeigt eindrücklich, dass auch weisse SängerInnen in der ursprünglich afroamerikanischen Musik so richtig mitgrooven und ihre Fröhlichkeit zum Ausdruck bringen können.

Über viele Generationen hinweg hat die traditionelle Gospelmusik nichts von ihrer starken Aussagekraft verloren. Ja sie hat auch andere Musikstile wie Jazz-, Blues oder Soulmusik beeinflusst.

Bereits im Herbst 2001 entstand in Affoltern am Albis der erste Chor. Seine erklärte Spezialität ist die konfessionelle Unabhängigkeit und die Offenheit für jede und jeden. Leute, die engagiert mitsingen möchten, wenn es gilt, das Evangelium – nicht nur im Advent oder an Weihnachten, sondern durchs ganze Jahr hindurch mit der Musik der schwarzen Menschen Amerikas weiterzugeben, sind immer gerne gesehen. Da diese Musik auch weisse Menschen bewegt und beflügelt, dauerte es nicht lange, bis an zwei weiteren Standorten ähnliche Chöre sich formierten. So entstanden im Mai 2002 The Gospel Voices Basel und Aarburg.

Die Offenheit für alle Interessierten, egal ob mutterlos, weit weg von Zuhause oder getragen wie vom Wind, ob traurig, enttäuscht und verzweifelt oder glücklich, frei und beschwingt, gesund und/oder behindert, bestätigt sich mit dem blinden Chorleiter der Gospel Voices in Basel.

Wir haben uns mit ihm unterhalten:

Lieber Herr Kamber, als erstes würde ich gerne von Ihnen erfahren, aus wie viel Leuten ihr Chor besteht.

Im Moment sind es 10 bis 13 Personen, die bei mir in Basel singen. The Gospel Voices bestehen aus drei Chören. Affoltern am Albis, in Aarburg und Basel wird geprobt und gesungen. Ideal wäre ein Chor mit etwa 20 Personen pro Standort. Leider haben wir immer zu wenig Männer, das ist ein generelles Problem. 

Was können Sie uns zu der Entstehung ihres Chores in Basel erzählen?

In Basel gibt es uns seit Mai 2002, ein Jahr. Im Jahr 2000 begleitete ich in Affoltern einen Chor an einem „Gospical“ also Gospel-Musical. Dort habe ich zum Gospel gefunden und habe mich entschieden, Gospel zu singen und zu machen. Ein Gospical habe ich auch selbst geschrieben und möchte es noch inszenieren. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass es mehr Chöre braucht und setzte mich dafür ein, dass es in Basel auch einen gäbe.

Können Sie die Leute, welche mitsingen, grob beschreiben? Sind es wirklich unterschiedliche Leute?

Ja, die Jüngste ist 15 und die Älteste über 70 Jahren. Es gibt keine Altersbegrenzung. Jede Stimme ist uns wichtig. Mir ist es sehr wichtig, dass die Sängerinnen und Sänger ihre eigene Stimme finden. In vielen Chören ist es so, dass der Chorleiter bei den ersten paar mal Vorsingen des Bewerbers entscheidet, ob es eine Sopran- oder Altstimme, Tenor- oder Basstimme ist. Bei uns soll dies bei jedem Gospel frei entschieden werden können. Ich verteile auch keine Noten zum Singen, sondern nur den Text. Die SängerInnen sollen ihr Gehör entwickeln und nachsingen.

Seit wann singen Sie selbst?

Ich selbst singe schon seit meiner Kindheit. In meinem ersten Beruf bin ich Primarlehrer. In diesem Beruf wird man nebenbei auch musikalisch ausgebildet. Als Diplominstrument spielte ich bereits schon Klavier. Doch die Musik, die ich damals machte gefiel mir nicht. Ich habe sehr spät zu der „alten Musik“ gefunden. Dies geschah während meinem Theologiestudium. Nebst dem Studium machte ich immer wieder Unterhaltungsmusik. Unter anderem waren das verschiedene Trios und diverse Formationen mit Sängerinnen und Sänger. Als ich angefragt wurde, das Gospical in Affoltern zu begleiten, traf ich die Entscheidung, Gospelmusik zu machen. In unserem Chor singen wir auch Moderneres. Wir gehen immer vom Text, genauer gesagt, vom Inhalt, aus. Die Geschichte soll erzählt werden. Meistens sind bei einem Gospel nur zwei Strophen gegeben. Die Geschichte ist damit jedoch vielfach noch nicht fertig erzählt. Daher kommt es sehr oft vor, dass ich die Lieder fertig schreibe, ergänze oder ganz umändere. Beispielsweise der Gospel „I believe“ ist ein Glaubensbekenntnis. Ich dachte wenn ein Glaubensbekenntnis, dann ein Richtiges. So habe ich die Melodie übernommen, doch den Text umgeschrieben. Auch gibt es keine Adventslieder, deshalb bin ich auf mich selbst angewiesen bei den Texten.

Sie sind der Hauptleiter. Wie kommen Sie als Blinder zurecht in ihrer Funktion?

Frau Kamber, meine Frau, ist die Co-Leiterin in Basel und Aarburg. Sie ist mir eine grosse Hilfe. Es fehlt nun mal an Kommunikation, wenn es um optische Sachen geht. Sie ist diejenige, die Sänger bei Verhaltensfragen anspricht oder reagieren kann. Da ich nur höre, kann ich schlecht beurteilen, welche Mimik ein Sänger aufsetzt. Der Vorteil, dass Frau Kamber mitsingt, ist sehr gross.

Was sind die Anforderungen, um in ihrem Chor mitsingen zu können? Im Probeplan steht, dass Singfreude und ein gutes Ohr zum Zuhören reichen. Wie läuft das genau ab?

Die beiden Kriterien genügen wirklich. Ein gutes Ohr ist sehr wichtig. Wie gesagt, müssen die SängerInnen eher mitsingen als ablesen.

Wo finden die Proben statt?

Die Proben in Basel sind alle 14 Tage im QUBA an der Bachlettenstrasse 12, jeweils am Mittwoch um 20.15 Uhr.

Wie kann man sich bei Ihnen anmelden oder wie kann man Sie engagieren für ein Konzert?

Auf unserer Homepage www.komm-inform.com kann man sich über uns informieren.

Alles geht über mich, daher kann man mich anrufen oder anmailen.

Christoph Kamber

061 272 91 52

Gospel.Voices@freesurf.ch

Wie ist es mit der Verbindlichkeit? Klappt es, die Proben konsequent durchzuziehen?

Das ist leider auch immer wieder ein Problem. Daher auch die Kampagne. Alle Interessierten kommen und verschwinden bei geringem Interesse. Deshalb biete ich zwei Schnupperabende an, worauf sie sich entscheiden müssen, ob sie nun konsequent mitsingen oder nicht.

Wichtig sind natürlich auch die Auftrittsmöglichkeiten! Dies sind nämlich die wichtigsten Erfahrungen. Nur Proben alleine bringt die SängerInnen nicht weiter. Viele Leute haben auch Angst vor dem Singen, weil sie denken, sie könnten es nicht. Ich zeige den Leuten, dass es geht. Die Stimmen entwickeln sich. Das anspruchsvolle Ziel ist, pro Monat mindestens einen Auftritt zu haben.

Wie ist es mit der Mitgliedschaft?

Die Mitglieder bezahlen einen Jahresbeitrag. In diesem Beitrag sind Spesen mit allen Auftritten zusammen eingeschlossen. Bei Defiziten bezahle ich aus meinem eigenen Sack.

Wie haben Sie die Fähigkeit in sich entdeckt?

Das habe ich schon immer gewusst. Wir waren eine sehr musikalische Familie. Alle sagten immer wieder, ich hätte eine schöne Stimme. Im Blindenheim machten wir auch Musik. Da war es für mich nicht einfach. Obwohl ich nicht unbedingt unter der „Sklaverei“ gelitten habe, habe ich im Singen immer die Heimat gefunden. Als Blinder lernt man nur Blockflöte. Ich wollte jedoch unbedingt Klavier lernen. Sie sagten, ich könne das nicht. Mein Wille war so gross, dass ich mich durchsetzen konnte. Mein Vater spielte Klavier. Jetzt ist es lustig, aber damals wollte ich besser werden. Mein Ehrgeiz machte meinen Vater zu meinem Konkurrenten.

Mich und wahrscheinlich auch die Leser nimmt sehr Wunder, wie es ist, als Blinder einen Chor zu leiten. Wie geht man mit Ihnen um?

Ich mache nicht nur gute Erfahrungen. Es gibt nun mal die Leute, die nicht grüssen, sich nicht verabschieden. Wenn eine Stimme für mich nicht hörbar ist, dann ist die Person für mich nicht da. Daher ist es auch wieder vorteilhaft, dass sich meine Frau Beatrice darum kümmert, neue einzuweihen.

Obwohl wir dafür offen sind, gibt es jedoch in meinem Chor in Basel noch keine weitere Behinderte. In Affoltern singen auch Gehbehinderte mit.

Durch wen wird die Organisation getragen?

(Er lacht..) Ich selbst trage sie. Letztes Jahr habe ich den Basler-Chor selbst finanziert. Wir sind auch kein Verein, obwohl wir den gerne wären. Die Mitgliederbeiträge müssen ausreichen, sonst kommt es wieder aus meinem Sack.

Haben Sie bereits eine CD oder ein Demo-Band aufgenommen?

Noch nicht. Das ist jedoch mein Wunsch. Es wäre zwar nicht undenkbar, aber noch zu früh. Man kann unsere Konzerte hören.

Der Chor ist konfessionell unabhängig. Welche Religionen trifft man hier an?

Die Offenheit ist ganz bewusst. Wir wollen alle Leute ansprechen. Wenn der Inhalt der Lieder bewegt, dann ist es egal, in was für einem Gewand er vermittelt wird. Die Inhalte sind natürlich christlich. Andere Religionen trifft man zur Zeit noch nicht.

Bezwecken Sie mit ihrer konfessionellen Unabhängigkeit vielleicht auch das Zusammenkommen verschiedener Rassen?

Die Menschen sollen zusammenkommen. Das Rassenproblem ist im Gospel in der letzten Zeit ziemlich in den Hintergrund geraten. Wichtiger ist, dass es stimmt, was die SängerInnen singen, dass das Gospelsingen sie aufstellt, beschwingt und frei macht, an neues im eigenen Leben zu glauben. Gospel soll aus Freude gesungen werden.

Was haben Ihrer Meinung nach die Leute, die in ihrem Chor singen, gemeinsam?

Ich glaube den Willen, einen Weg zu gehen in der Entwicklung der eigenen Stimme.

Wie verliefen ihre bisherigen Auftritte? Was für Feed Backe erhielten Sie?

Eigentlich bin ich nie zufrieden, d.h. es gibt immer noch mehr zum Entwickeln. Aber ich bin zufrieden mit allem was wir bisher mit unseren noch begrenzten Möglichkeiten erreicht haben. Bisher erhielt ich sehr gute Rückmeldungen. Es gibt allerdings noch einiges, das wir nicht im Griff haben. Beispielsweise lenkt das Sehen sehr ab. Man sollte nicht mit den Augen singen, das schwächt die Sicherheit. Unsere SängerInnen müssen selbstsicherer werden beim Musik- machen. Mein Ziel ist, dass unser Chor auftrittssicher wird.

Was würden Sie gerne unserer Leserschaft mitteilen?

In einem Wort „Chömmet“ ! Wenn die Leute von der Lust gepackt werden zu singen, sollen sie sich trauen. Denn frisch gewagt ist halb gewonnen!