Was
das Publikum will
Diese
Stimmung gegen den öffentlich-rechtlichen Meinungsmonopolisten
kam natürlich unserem Radio-Piraten mehr als entgegen. Nicht dass
er nicht gewusst hätte, dass er mit seiner Radio-Pfadfindergruppe
in der norditalienischen Diaspora das Informationsmonopol und den
Professionalismus der SRG auch nur annähernd gefährden könnte,
aber es war ein Anfang und es war Radio. Fernsehen kam aus
wirtschaftlichen und politischen Erwägungen noch nicht in Frage,
das wusste unser Radio-Pirat genau, der fortan zusätzlich, je
nach Bedarf, nun auch die populistischen Strumpfhosen eines Robin
Hood überzog, um die durch die dazumals mehr als betulichen
Radiowellen der SRG eingelullten, vor allem jugendlichen Massen in
und rund um «Downtown Switzerland» hinter sich zu scharen. Und
diesen Massen ging es nur bedingt um die politisch korrekte
Information. Klar, der umgefallene Ochsner-Kübel rund um die Ecke
als Regionalmeldung im Radio, das war eine neue Dimension der
Berichterstattung. Das hatte bis jetzt gefehlt, und wurde in der
Tat von der behäbigen SRG nicht wunschgemäss abgedeckt. Aber das
wichtigste war der Sound, der Groove, wie das die Radio-Piraten
bezeichneten. Spielte «Radio Beromünster» nach Mitternacht noch
die Nationalhymne, getrauten sich diese masslos von sich überzeugten,
dynamischen Ultrakurzwellen-Söldner, dem stattdessen
kalifornischen Mainstream-Rock als kühnen Gegenentwurf
entgegenzusetzen. Das war toll. Als die «Bucks» mit ihrem unbändigen
Punk im Zürcher AJZ die
Schweizer Rockmusik aufmischten, köderte unser Radio-Pirat sowie
Robin Hood «vocis populi» in Personalunion, und mittlerweile
sogar zusätzlich zum Radio-Pionier geadelt, also die Massen mit
den «Eagles» und natürlich mit Lokal-News, zum Beispiel, dass
anlässlich eines Konzertes der «Bucks» im AJZ diverse Kalamitäten
aufgetreten seien. Und es funktionierte. Das Volk wünschte
moderne, wenngleich nicht zu moderne Musik am Radio, Moderatoren,
die in etwa dem Durchschnitt der sprechenden Bevölkerung
entsprachen und umgestürzte Ochsner-Kübel, die vor dem AJZ in
Brand gesetzt wurden (nach einem Konzert der «Bucks»!).
Wer
darf?
Aber
bis zur Legalität war es noch weit, wenngleich der Druck der
Strasse, sprich vieler, das Herz auf dem rechten Fleck und das Ohr
nahe der diesbezüglichen Strasse habender Politiker und
Meinungsträger, den Markt für private Medienanbieter zu öffnen,
stetig zunahm. Aha,
hier ging es also gar nicht um Radio, sondern um den Markt, und
ein Markt ist erst dann ein Markt, wenn mehrere Anbieter unter ähnlichen,
wenn möglich sogar gleichen Voraussetzungen, ihre Waren
feilbieten können. Und daran haperte es dazumals beträchtlich.
So reagierte die Politik schweizerisch unüblich schnell und
begann erste Voraussetzungen für eine neue helvetische Radiowelt
zu schaffen. Bundesämter wurden neu geschaffen oder
umstrukturiert, Konzessionen wurden ausgeschrieben, die SRG
reagierte mit neuen Sendeformen auf die sich abzeichnende
Konkurrenz und ging ihrerseits mit Konzessionsgesuchen für
weitere eigene Programme wie DRS-3 oder Couleur-3 ins Rennen. Aber
ohä! Dass die durch Gebühren finanzierte SRG nun ebenfalls sich
anheischig machte, am viel beschworenen Markt zu partizipieren,
gefiel jetzt ihrerseits den privaten Marktöffnern überhaupt
nicht. «Gleich lange Spiesse» hiess das Argument, das sie unablässig
in den Mund nahmen, und tatsächlich war die SRG im Vorteil. Sie
bezieht zwangserhobene Gebühren und kann mit geregelten Einnahmen
in nicht unbeträchtlicher Höhe operieren, während die privaten
Anbieter in spe noch nicht einmal wussten, wo sie diese Einnahmen
generieren sollten. Der schlussendliche politische Kompromiss, der
in der Folge die Marktöffnung für private Radioanbieter ermöglichte,
beinhaltete limitierte Werbeinnahmen unter strengen Auflagen für
die privaten Radiobetreiber, Gebühren-, aber keine Werbeeinnahmen
für die Radioprogramme der SRG sowie ein marginaler SRG-Gebührenanteil
für private Anbieter in Randregionen, beziehungsweise für
Stationen mit sogenannten Randgruppenprogrammen.
Startschuss
in eine neue Zukunft
Am
1. November 1983 war es dann soweit: Um Mitternacht begann die
neue Schweizer Radio-Welt, und die ersten privaten Radiostationen,
unter ihnen, respektive natürlich an erster Stelle auch unser
Radio-Pirat, -Robin Hood und –Pionier, der nun sein bis anhin
illegales Domizil in Italien mit einem brandneuen Studio in Zürich
tauschen konnte, aber auch die SRG mit ihrem dritten Programm
gingen auf Sendung.
Während
DRS-3 mit seinem professionellen, teilweise avantgardistischen,
aber etwas kopflastigen Programm, trotz guter Kritiken in Sachen
Zuhörer-Resonanz nicht so recht auf Touren kam, beim «staatlich
verordneten Störsender» traten sich beamtete Rock-Akademiker und
lebensnahe Medien-Jungtürken permanent auf die Füsse, und DRS-1
mit neuem Konzept nach seiner Identität suchte, schrieben vor
allem die Privatradios in den Agglomerationen teilweise überraschend
hohe Zuhörerzahlen. Der Reiz des Neuen, aber auch der Zwang
mangels eigener, in der Regel keineswegs überbordender
finanzieller Mittel, mit originellen Aktionen Zuhörerbindung
herzustellen, liess die privaten «Radiöler» anfangs zu
innovativen Ansätzen hinreissen, wie man sie nachher nicht mehr
erlebt hat. Gleichzeitig mussten aber die Lokalradios Glaubwürdigkeit
und journalistische Kompetenz markieren, um einerseits
Verkaufsargumente der Werbewirtschaft, aber auch für die lokalen
Politiker zu liefern, denn die waren es, die sich für die
Lokalradios, bessere Sendebedingungen usw. einsetzten, oder eben
nicht. So rüsteten zumindest die grossen Stationen mit
professionellem Know-how auf, engagierten Top-Profis und
versuchten sich auf lokalem und nationalem Politparkett zu
profilieren. Und auch
das funktionierte bis zu einem gewissen Grad und für eine gewisse
Zeitdauer. Biedere Lokalpolitiker lernten nun recht schnell, in
symbiotische Zusammenarbeitsverhältnisse mit lokalen Stationen zu
treten, die ihrerseits von deren Insider-Wissen profitierten, oder
dies zumindest glaubten. Ereignisfälle wie Chemie- und
Brandkatastrophen, sowie Zug- oder Flugzeugunfälle, bei deren
Berichterstattung Radio DRS teilweise böse schnitzerte, brachten
den Privatstationen, die mit einfachen, aber effizienten Mitteln
darüber informierten, zusätzlich Kredit und Glaubwürdigkeit
beim Publikum, das sich glücklich wähnte, im eigenen Idiom
bedient und informiert zu werden.
Konsolidierungsphase
& Einheitsbrei
Als
sich die glorreichen 80er Pionierjahre dem Ende zuneigten, hatten
sich die wichtigsten Stationen etabliert und genossen in
ungeahntem Ausmass die Gunst der Hörer und der Politiker. Es
zeigte sich aber auf der anderen Seite, dass der Markt nicht grösser
wurde und deshalb nicht nur Gewinner, sondern eben halt auch
Verlierer hervorbrachte. Radio DRS vermochte zwar mit seinen
diversen Programmen immer noch über die Hälfte aller Radiohörer
im Lande zu erreichen, aber vor allem in den grossstädtischen
Agglomerationen wanderte die Gruppe der für die Werbewirtschaft
relevanten Zuhörer immer mehr zu den Privaten ab. Bis Mitte der
90er Jahre konnten sich nun die grösseren Stationen
konsolidieren, aber der insgeheim erhoffte Gedanke, dass sich
durch Vernetzung, Kooperationen und Zusammenschlüsse auf privater
Ebene quasi eine Gegen-SRG bilden könnte, blieb in Ansätzen
stecken. Die Erfolgreicheren unter den Lokalradio-Fürsten hatten
aus ihren Betrieben gut funktionierende Geldmaschinen gemacht und
brachten mehrheitlich nur funktionierende Kooperationen im Bereich
der Werbeakquisition zustande. Und weil nun langsam auch private
Fernsehanbieter und lokale Fernsehstationen auf den Markt drängten
und unter anderem deswegen auch der Stellenwert des Mediums Radio
abnahm, begannen die Lokalradios Überlebensstrategien zu
entwickeln. Mit computergestützten Sendeautomationen konnte das
Formatradio eingeführt werden, was einerseits Personal einsparte,
andererseits den Sendern eine erkennbare Struktur gab.
Vermeintlich allerdings nur, denn weil sich die musikalischen
Formate der Radios immer mehr anglichen, auch DRS-3 vermochte sich
Ende des Jahrhunderts dem Marktdruck bei enttäuschenden Hörerzahlen
der Moderne nicht verschliessen, entstand allerorten ein
musikalischer Einheitsbrei, der sich knapp oberhalb von Muzak
einpegelte. Bei DRS-3 durften dank musikalischer Ausdünnung tatsächlich
neue Hörer begrüsst werden. Zwar bemüht sich DRS-3 in letzter
Zeit, die verlorengegangene musikalische Kompetenz
wiederzuerlangen, inwieweit das den durch internes Mobbing
angeschlagenen und verunsicherten Machern gelingen wird, muss sich
allerdings erst noch weisen. Die Lokalradiostationen konnten ihre
Marktanteile mehr oder weniger halten. Dass damit dem kleinsten
musikalischen Nenner, sprich einer exorbitanten kulturellen
Verarmung nachgelebt wurde und wird, muss aus wirtschaftlichen Gründen
halt in Kauf genommen werden! Insofern unterscheidet sich die
Entwicklung bei den Radios nicht von der der Printmedien in ganz
Europa, wo allerorten die Redaktionen aus wirtschaftlichen Gründen
ausgedünnt werden, und damit wertvolles Know-how verloren geht.
Anspruch
und Wirklichkeit
In
immer geringerem Masse wurden aber die privaten Anbieter ihrem
ursprünglichen Anspruch gerecht, auch auf journalistischer Ebene
die SRG zu konkurrenzieren. Punktete man zu Beginn mit
journalistischem Engagement und startete als publizistischer
Tiger, landeten die einheimischen Privatradios aus Kostengründen,
und weil man ja jetzt etabliert war und sich auch keine grosse Mühe
geben musste, mit Qualität, Originalität und Glaubwürdigkeit für
den Hörer da zu sein, als medialer Teppichvorleger. Auch das
vermehrte Engagement grosser Zeitungsverlage bei lokalen Stationen
hat bis jetzt kaum erkennbare diesbezügliche Verbesserungen
gebracht. Da hilft es auch nicht, dass einzelne Sender mit Namensänderungen
entsprechende Defizite kaschieren möchten.
Aber
solange der Hörer bei der Stange bleibt, besteht ja auch keine
Notwendigkeit, inhaltlich oder musikalisch irgendetwas zu ändern.
Es ist legitim, dass auch Radiostationen wirtschaftlich Erfolg
haben sollen. Ein Medienunternehmen sollte aber eigentlich per
definitionem mehr als ein Gemischtwarenladen sein. Und wenn man
noch im Ohr hat, wie vor gut 20 Jahren die angehenden
Radiobetreiber und –macher hüben und drüben vollmundig
angetreten sind, bessere Radioprogramme zu produzieren,
Meinungsvielfalt zu fördern und überhaupt mehr Schwung in die
Szenerie dank der Öffnung des Marktes zu bringen, kommt man nicht
umhin, die ganze Übung als eher misslungen zu bezeichnen. Dass in
der Vernehmlassung für das neue Radio- und Fernsehgesetz aus der
nationalrätlichen Kommission zu hören ist, zum Beispiel für
nicht-kommerzielle Stationen in Agglomerationen den Gebührensplitting-Anteil
zu streichen, macht auch nicht optimistischer. Sind es doch gerade
diese Sender, die seit Jahren mit ihren Programmangeboten
inhaltlicher und musikalischer Art wider den Stachel löcken und für
Alternativen gegenüber der Formatkultur der kommerziellen und öffentlich-rechtlichen
Sender sorgen.