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1998: Erste zweisprachige Nordwestschweiz-Sendung. Bizim

Radyo/Unser Radio Team im Basler Radio-X Studio.

Wurde der Traum wahr? (foto: snc - nuriye polat)

20 Jahre Lokalradios

Ein Traum wurde nicht wahr

Es begab sich, dass sich in diesem, unseren  Lande vor gut einem Vierteljahrhundert ein durchaus in die herrschenden Verhältnisse eingebundener, nichtsdestotrotz leicht frustrierter Akademiker, Journalist und genialischer Selbstdarsteller aus eben diesem Lande auszog, um fortan als Pirat, genauer als Ultrakurzwellen-Pirat, vom Ausland her die von Staates wegen monopolisierten Radiowellen der SRG zu unterwandern. Überall brachte man diesem revolutionären Tun Sympathie entgegen, ortete man doch in vielen, vornehmlich bürgerlichen Kreisen die öffentlich-rechtliche SRG als leninistisch-stalinistisch und sonst wie –istisch unterwanderte Organisation, deren mutmasslich zersetzende Berichterstattung neo-konservativen Polit- und neo-liberalen Wirtschaftskreisen ein Dorn im Auge war. Ein Aggregatszustand, der sich übrigens im Laufe der Jahre bis heute nicht gross verändert hat.

snc: niklaus freundlieb

Was das Publikum will

Diese Stimmung gegen den öffentlich-rechtlichen Meinungsmonopolisten kam natürlich unserem Radio-Piraten mehr als entgegen. Nicht dass er nicht gewusst hätte, dass er mit seiner Radio-Pfadfindergruppe in der norditalienischen Diaspora das Informationsmonopol und den Professionalismus der SRG auch nur annähernd gefährden könnte, aber es war ein Anfang und es war Radio. Fernsehen kam aus wirtschaftlichen und politischen Erwägungen noch nicht in Frage, das wusste unser Radio-Pirat genau, der fortan zusätzlich, je nach Bedarf, nun auch die populistischen Strumpfhosen eines Robin Hood überzog, um die durch die dazumals mehr als betulichen Radiowellen der SRG eingelullten, vor allem jugendlichen Massen in und rund um «Downtown Switzerland» hinter sich zu scharen. Und diesen Massen ging es nur bedingt um die politisch korrekte Information. Klar, der umgefallene Ochsner-Kübel rund um die Ecke als Regionalmeldung im Radio, das war eine neue Dimension der Berichterstattung. Das hatte bis jetzt gefehlt, und wurde in der Tat von der behäbigen SRG nicht wunschgemäss abgedeckt. Aber das wichtigste war der Sound, der Groove, wie das die Radio-Piraten bezeichneten. Spielte «Radio Beromünster» nach Mitternacht noch die Nationalhymne, getrauten sich diese masslos von sich überzeugten, dynamischen Ultrakurzwellen-Söldner, dem stattdessen kalifornischen Mainstream-Rock als kühnen Gegenentwurf entgegenzusetzen. Das war toll. Als die «Bucks» mit ihrem unbändigen Punk im Zürcher AJZ  die Schweizer Rockmusik aufmischten, köderte unser Radio-Pirat sowie Robin Hood «vocis populi» in Personalunion, und mittlerweile sogar zusätzlich zum Radio-Pionier geadelt, also die Massen mit den «Eagles» und natürlich mit Lokal-News, zum Beispiel, dass anlässlich eines Konzertes der «Bucks» im AJZ diverse Kalamitäten aufgetreten seien. Und es funktionierte. Das Volk wünschte moderne, wenngleich nicht zu moderne Musik am Radio, Moderatoren, die in etwa dem Durchschnitt der sprechenden Bevölkerung entsprachen und umgestürzte Ochsner-Kübel, die vor dem AJZ in Brand gesetzt wurden (nach einem Konzert der «Bucks»!).

Wer darf?

Aber bis zur Legalität war es noch weit, wenngleich der Druck der Strasse, sprich vieler, das Herz auf dem rechten Fleck und das Ohr nahe der diesbezüglichen Strasse habender Politiker und Meinungsträger, den Markt für private Medienanbieter zu öffnen, stetig zunahm.  Aha, hier ging es also gar nicht um Radio, sondern um den Markt, und ein Markt ist erst dann ein Markt, wenn mehrere Anbieter unter ähnlichen, wenn möglich sogar gleichen Voraussetzungen, ihre Waren feilbieten können. Und daran haperte es dazumals beträchtlich. So reagierte die Politik schweizerisch unüblich schnell und begann erste Voraussetzungen für eine neue helvetische Radiowelt zu schaffen. Bundesämter wurden neu geschaffen oder umstrukturiert, Konzessionen wurden ausgeschrieben, die SRG reagierte mit neuen Sendeformen auf die sich abzeichnende Konkurrenz und ging ihrerseits mit Konzessionsgesuchen für weitere eigene Programme wie DRS-3 oder Couleur-3 ins Rennen. Aber ohä! Dass die durch Gebühren finanzierte SRG nun ebenfalls sich anheischig machte, am viel beschworenen Markt zu partizipieren, gefiel jetzt ihrerseits den privaten Marktöffnern überhaupt nicht. «Gleich lange Spiesse» hiess das Argument, das sie unablässig in den Mund nahmen, und tatsächlich war die SRG im Vorteil. Sie bezieht zwangserhobene Gebühren und kann mit geregelten Einnahmen in nicht unbeträchtlicher Höhe operieren, während die privaten Anbieter in spe noch nicht einmal wussten, wo sie diese Einnahmen generieren sollten. Der schlussendliche politische Kompromiss, der in der Folge die Marktöffnung für private Radioanbieter ermöglichte, beinhaltete limitierte Werbeinnahmen unter strengen Auflagen für die privaten Radiobetreiber, Gebühren-, aber keine Werbeeinnahmen für die Radioprogramme der SRG sowie ein marginaler SRG-Gebührenanteil für private Anbieter in Randregionen, beziehungsweise für Stationen mit sogenannten Randgruppenprogrammen.

Startschuss in eine neue Zukunft

Am 1. November 1983 war es dann soweit: Um Mitternacht begann die neue Schweizer Radio-Welt, und die ersten privaten Radiostationen, unter ihnen, respektive natürlich an erster Stelle auch unser Radio-Pirat, -Robin Hood und –Pionier, der nun sein bis anhin illegales Domizil in Italien mit einem brandneuen Studio in Zürich tauschen konnte, aber auch die SRG mit ihrem dritten Programm gingen auf Sendung.

Während DRS-3 mit seinem professionellen, teilweise avantgardistischen, aber etwas kopflastigen Programm, trotz guter Kritiken in Sachen Zuhörer-Resonanz nicht so recht auf Touren kam, beim «staatlich verordneten Störsender» traten sich beamtete Rock-Akademiker und lebensnahe Medien-Jungtürken permanent auf die Füsse, und DRS-1 mit neuem Konzept nach seiner Identität suchte, schrieben vor allem die Privatradios in den Agglomerationen teilweise überraschend hohe Zuhörerzahlen. Der Reiz des Neuen, aber auch der Zwang mangels eigener, in der Regel keineswegs überbordender finanzieller Mittel, mit originellen Aktionen Zuhörerbindung herzustellen, liess die privaten «Radiöler» anfangs zu innovativen Ansätzen hinreissen, wie man sie nachher nicht mehr erlebt hat. Gleichzeitig mussten aber die Lokalradios Glaubwürdigkeit und journalistische Kompetenz markieren, um einerseits Verkaufsargumente der Werbewirtschaft, aber auch für die lokalen Politiker zu liefern, denn die waren es, die sich für die Lokalradios, bessere Sendebedingungen usw. einsetzten, oder eben nicht. So rüsteten zumindest die grossen Stationen mit professionellem Know-how auf, engagierten Top-Profis und versuchten sich auf lokalem und nationalem Politparkett zu profilieren.  Und auch das funktionierte bis zu einem gewissen Grad und für eine gewisse Zeitdauer. Biedere Lokalpolitiker lernten nun recht schnell, in symbiotische Zusammenarbeitsverhältnisse mit lokalen Stationen zu treten, die ihrerseits von deren Insider-Wissen profitierten, oder dies zumindest glaubten. Ereignisfälle wie Chemie- und Brandkatastrophen, sowie Zug- oder Flugzeugunfälle, bei deren Berichterstattung Radio DRS teilweise böse schnitzerte, brachten den Privatstationen, die mit einfachen, aber effizienten Mitteln darüber informierten, zusätzlich Kredit und Glaubwürdigkeit beim Publikum, das sich glücklich wähnte, im eigenen Idiom bedient und informiert zu werden.

Konsolidierungsphase & Einheitsbrei

Als sich die glorreichen 80er Pionierjahre dem Ende zuneigten, hatten sich die wichtigsten Stationen etabliert und genossen in ungeahntem Ausmass die Gunst der Hörer und der Politiker. Es zeigte sich aber auf der anderen Seite, dass der Markt nicht grösser wurde und deshalb nicht nur Gewinner, sondern eben halt auch Verlierer hervorbrachte. Radio DRS vermochte zwar mit seinen diversen Programmen immer noch über die Hälfte aller Radiohörer im Lande zu erreichen, aber vor allem in den grossstädtischen Agglomerationen wanderte die Gruppe der für die Werbewirtschaft relevanten Zuhörer immer mehr zu den Privaten ab. Bis Mitte der 90er Jahre konnten sich nun die grösseren Stationen konsolidieren, aber der insgeheim erhoffte Gedanke, dass sich durch Vernetzung, Kooperationen und Zusammenschlüsse auf privater Ebene quasi eine Gegen-SRG bilden könnte, blieb in Ansätzen stecken. Die Erfolgreicheren unter den Lokalradio-Fürsten hatten aus ihren Betrieben gut funktionierende Geldmaschinen gemacht und brachten mehrheitlich nur funktionierende Kooperationen im Bereich der Werbeakquisition zustande. Und weil nun langsam auch private Fernsehanbieter und lokale Fernsehstationen auf den Markt drängten und unter anderem deswegen auch der Stellenwert des Mediums Radio abnahm, begannen die Lokalradios Überlebensstrategien zu entwickeln. Mit computergestützten Sendeautomationen konnte das Formatradio eingeführt werden, was einerseits Personal einsparte, andererseits den Sendern eine erkennbare Struktur gab. Vermeintlich allerdings nur, denn weil sich die musikalischen Formate der Radios immer mehr anglichen, auch DRS-3 vermochte sich Ende des Jahrhunderts dem Marktdruck bei enttäuschenden Hörerzahlen der Moderne nicht verschliessen, entstand allerorten ein musikalischer Einheitsbrei, der sich knapp oberhalb von Muzak einpegelte. Bei DRS-3 durften dank musikalischer Ausdünnung tatsächlich neue Hörer begrüsst werden. Zwar bemüht sich DRS-3 in letzter Zeit, die verlorengegangene musikalische Kompetenz wiederzuerlangen, inwieweit das den durch internes Mobbing angeschlagenen und verunsicherten Machern gelingen wird, muss sich allerdings erst noch weisen. Die Lokalradiostationen konnten ihre Marktanteile mehr oder weniger halten. Dass damit dem kleinsten musikalischen Nenner, sprich einer exorbitanten kulturellen Verarmung nachgelebt wurde und wird, muss aus wirtschaftlichen Gründen halt in Kauf genommen werden! Insofern unterscheidet sich die Entwicklung bei den Radios nicht von der der Printmedien in ganz Europa, wo allerorten die Redaktionen aus wirtschaftlichen Gründen ausgedünnt werden, und damit wertvolles Know-how verloren geht.

Anspruch und Wirklichkeit

In immer geringerem Masse wurden aber die privaten Anbieter ihrem ursprünglichen Anspruch gerecht, auch auf journalistischer Ebene die SRG zu konkurrenzieren. Punktete man zu Beginn mit journalistischem Engagement und startete als publizistischer Tiger, landeten die einheimischen Privatradios aus Kostengründen, und weil man ja jetzt etabliert war und sich auch keine grosse Mühe geben musste, mit Qualität, Originalität und Glaubwürdigkeit für den Hörer da zu sein, als medialer Teppichvorleger. Auch das vermehrte Engagement grosser Zeitungsverlage bei lokalen Stationen hat bis jetzt kaum erkennbare diesbezügliche Verbesserungen gebracht. Da hilft es auch nicht, dass einzelne Sender mit Namensänderungen entsprechende Defizite kaschieren möchten.

Aber solange der Hörer bei der Stange bleibt, besteht ja auch keine Notwendigkeit, inhaltlich oder musikalisch irgendetwas zu ändern. Es ist legitim, dass auch Radiostationen wirtschaftlich Erfolg haben sollen. Ein Medienunternehmen sollte aber eigentlich per definitionem mehr als ein Gemischtwarenladen sein. Und wenn man noch im Ohr hat, wie vor gut 20 Jahren die angehenden Radiobetreiber und –macher hüben und drüben vollmundig angetreten sind, bessere Radioprogramme zu produzieren, Meinungsvielfalt zu fördern und überhaupt mehr Schwung in die Szenerie dank der Öffnung des Marktes zu bringen, kommt man nicht umhin, die ganze Übung als eher misslungen zu bezeichnen. Dass in der Vernehmlassung für das neue Radio- und Fernsehgesetz aus der nationalrätlichen Kommission zu hören ist, zum Beispiel für nicht-kommerzielle Stationen in Agglomerationen den Gebührensplitting-Anteil zu streichen, macht auch nicht optimistischer. Sind es doch gerade diese Sender, die seit Jahren mit ihren Programmangeboten inhaltlicher und musikalischer Art wider den Stachel löcken und für Alternativen gegenüber der Formatkultur der kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Sender sorgen.