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Die Stütze in den schulischen Lebensphasen

Schulpsychologischer Dienst Basel

Wir haben für Euch den Schulpsychologischen Dienst besucht. Die Psychologen im Schulpsychologischen Dienst sind wissenschaftlichem Denken verpflichtet und stützen sich auf die Grundlagen der Psychologie und Pädagogik. Ihre Hauptaufgaben sind psychologisch-pädagogische Beurteilungen von Kindern und Jugendlichen sowie ihres erzieherischen, schulischen und sozialen Umfelds, psychologisch-pädagogische Beratungen von Kindern, Jugendlichen, Familien, Erziehungspersonen, Bildungsbeauftragten und Behörden, psychotherapeutische Interventionen bei Kindern, Jugendlichen und Familien.

Herr Gutzwiller hat uns im Namen der Institution die Türen geöffnet und uns über die Tätigkeiten informiert.

snc

interview: özen aytac

foto: mehmet gürz

snc: Stellen Sie uns bitte, Ihre Institution vor.

Herr Gutzwiller: Der Schulpsychologische Dienst existiert seit 1927. Damals wurde das Schulgesetz revidiert und der sogenannte schulärztliche Dienst eingerichtet. Im schulärztlichen Dienst waren Mediziner, die sich um die Gesundheit der Schüler kümmerten. Die historische Entwicklung damals war, dass in einem Nebensatz geschrieben war, dass dem Schularzt auch Schulpsychologen beigegeben werden können. Damals gab es die Psychologie noch nicht. Diese Psychologie ist aus der Philosophie, Anthropologie und Heilpädagogik herausgewachsen. Die Psychologie, wie wir sie heute kennen, existiert an den Universitäten in der Schweiz eigentlich erst seit 1970.

Im Schulpsychologischen Dienst sah das so aus, dass ein Mann diesen Dienst 30 Jahre lang nebenberuflich geführt hat. Das Interessante daran ist, dass dieser Mann Professor für Anthropologie an der Universität war, gleichzeitig war er Viehhändler und hat mit Kühen gehandelt. Er kam von Baselland und war Schulpsychologe. Wir haben im Archiv noch Dossiers von ihm, die eine Postkartengrösse haben. Man hat von ihm gesagt, dass er ein Problem in einer Viertelstunde lösen konnte. Gleichzeitig gibt es eine Anekdote von ihm, die besagt, er hätte zum Besten gegeben, man kann über einen Menschen nichts aussagen, bevor man mit ihm nicht einen Sack Salz gegessen hat. Früher hat man einen Salzsack in einem Warenhaus gekauft, wenn man täglich eine Prise Salz in die Suppe wirft, braucht es sehr viele Tage, bis das aufgebraucht ist. Das bedeutet, das ist eine ethische Dimension, man soll vorsichtig sein, über Menschen etwas auszusagen. Man muss sehr lange mit Ihnen zusammen sein, um ein bisschen zu verstehen. Durch die Entwicklung an den Universitäten hat sich auch die Zahl der Mitarbeiter geändert. Wir sind heute 24 Leute.

Wie viele Menschen betreuen Sie?

Die Schüler Population ist etwa 17.000 in Basel. Sie hat 34.000 Eltern und sehr viele Lehrkräfte. Das ist die Population, die wir betreuen.

Beschreiben Sie uns doch bitte Ihre Arbeit.

Wir machen psychologische Interventionen. Das heisst, wenn jemand ein Problem hat und leidet, kann er hier her kommen. Wir betrachten das Problem gemeinsam, sind ein stückweit Begleiter und versuchen, mit unseren Methoden und Strategien eine Hilfe anzubieten. Diese Hilfe basiert auf dem theoretischen Hintergrund der Systemtherapie. Die Systemtheorie ist eine Methateorie. Der Hintergrund sind die tiefenpsychologischen- und sozialpsychologischen Kenntnisse. Natürlich auch alles, was Lernpsychologie, Kognition und Entwicklung beinhaltet.

Mit wem genau arbeiten Sie zusammen?

In der Regel arbeiten wir mehr mit Erwachsenen als mit Kindern und Jugendlichen. Wir wollen die Familie kennenlernen und nicht nur ein Kind. Die alte Schule wäre die, dass wir nach einem dualistischen Prinzip (Descartes) arbeiten, dass heisst These, Anti-These und Synthese. Wir möchten das Gegenteil, alle Beteiligten sollen am Tisch sein.

Können Sie uns ein spezifisches Beispiel nennen?

Wenn ein Kind vorausgeschickt wird, weil es Probleme in der Schule hat, dies sind in der Regel Leistungsprobleme oder Verhaltensaufälligkeiten, stellen wir uns die Frage, was diese(r) SchülerIn für eine Botschaft sendet. Das können wir nur im Kontext der Familie, der Schule und der Schulklasse verstehen. Wir müssen zusammen eine Lösung suchen. Oft ist es kein Schul- sondern ein Familienproblem. Oder es gibt Konflikte zwischen Lehrkräften, Eltern oder Schülern.

Sind Sie psychologisch tätig?

Ich bin Psychologe. Bei uns arbeiten Kinder- und JugendpsychologInnen. Alle haben eine Ausbildung in angewandter Psychologie und eine Zusatzausbildung in Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie, oft spezifisch auf Familientherapie. Ich führe die Leitung, arbeite mit Familien, Gruppen, Schülern, Klassen und habe auch einen Lehrauftrag in klinischer Psychologie an der Universität.

Wann wendet man sich genau an Sie?

In der Regel gibt es in der Schule Symptome. Die Symptome führen meistens zu Leistungsschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten im Klassenverband. Dann redet der Lehrer mit den Eltern und empfiehlt ihnen, sich bei uns zu melden, damit wir das miteinander anschauen. Es gibt auch sehr viele Eltern, die etwas von uns möchten. Die haben in der Familie spezifische Probleme, bezüglich der Schule, mit den Kindern. Die kommen zu uns und möchten, das wir das zusammen erarbeiten. Es gibt sehr viele Kinder und Jugendliche, die von sich aus kommen. Die haben Konflikte mit den Eltern, mit den Lehrern oder mit den Mitschülern. Die möchten sehr oft nicht, dass die Eltern oder die Lehrer davon wissen. Das ist nicht so einfach. Früher oder später ist es notwendig, dass alle Beteiligten am Tisch sitzen. Wir müssen so arbeiten, dass sie einsehen, dass es eben doch die anderen Beteiligten braucht.

Wird die Anonymität gewahrt?

Ja. Bei Kindern ist es so, dass die Eltern ihr Einverständnis geben müssen, bei erwachsenen Schülern hebt sich dieses Problem auf. Wir stehen unter Berufsgeheimnis und können nur weitergeben, was die Betroffenen möchten. Sonst geht das nicht.

Neben den Lernproblemen und Verhaltensauffälligkeiten gibt es viele andere Probleme. Es besteht oft ein Potential von Gewalt und Aggression in jeder Form. Aggression nach Aussen ist oft hoffnungslos, dann schaltet sich die Polizei ein. Aggressionen nach Innen gestalten sich so, dass die Klienten zum Beispiel Suizid begehen oder krank werden. Die meisten Konstellationen sind so, dass es sich um psychosomatische Krankheiten handelt. Oft zeigen diese sich in Kopfschmerzen, Bauchschmerzen usw. aber körperlich wird keine Krankheit gefunden. Es gibt viele Kinder, die Schlafstörungen haben, Jugendliche, die Probleme mit dem Essen haben, Bulimie, Anorexie und Atipositas sind sehr verbreitet. Es gibt sehr viele Formen der Gewalt, sowohl verbal wie auch tätlich. Also Gewalt, wo Schüler klein gemacht werden von andern Schülern, Lehrkräften oder Eltern, aber auch umgekehrt. Die verschiedensten Konstellationen von Familienzusammensetzungen sind sehr oft schwierig. Es gibt kaum noch eine Familie im klassischen Sinne, die wir zu sehen bekommen. Zumeist sind es Familien mit einer komplexen Konstellation.

Wie sieht es mit Migrantenfamilien aus?

Etwa die Hälfte der Population sind Ausländer. Das sind sehr viele Kulturen, die da mit hineinspielen. Wir müssen nicht nur Sprach- sondern auch ein kulturelles Problem angehen. Vor 15 Jahren hatten wir einen türkischen Psychologen eingestellt. Dieser hat überhaupt nicht psychologisch gearbeitet, er hat versucht mit diesen Leuten zu reden. Er versuchte, dem Familienoberhaupt zu zeigen, wie es laufen sollte. Ich denke die Migrantenproblematik ist insofern schwierig, dass Kinder in der Familie oft traditionell aufwachsen und in der Schule nach Baslersystem. Das sind zwei Kulturen, die sich nicht unbedingt vertragen, eine Art Spaltung. Diese Kinder müssen eine riesige Leistung vollbringen, weil sie sich in beiden Kulturen bewegen müssen. Das kann natürlich auch Konflikte geben.

Es sind oft gar nicht psychologische Fragestellungen, sondern es geht darum, den Leuten erklären zu können, wie das hier funktionieren soll. Es ist eine Aufklärungsarbeit.

Haben Sie fremdsprachige Psychologen im Haus?

Ja, türkisch, spanisch, französisch, englisch und portugiesisch Sprechende. Es hat viele Leute bei uns, die sprachgewandt sind, schlimmstenfalls, ziehen wir Konsiliarien bei. Es gibt auch ausländische Psychologen, die hier in der Schweiz studiert haben und die die Muttersprache sprechen, diese können wir beiziehen.

Gibt es manchmal Situationen, in denen Sie hart durchgreifen müssen?

Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher gefährdet ist, ist das primär die Sache der Schule, dies mit der Abteilung für Kindes- und Jugendschutz anzugehen. Die Schule kann eine Gefährdungsmeldung machen. Wir können sie unterstützen, aber wir möchten eigentlich mit den Betroffenen arbeiten, deshalb machen wir nur ausnahmsweise eine Gefährdungsmeldung.

Unsere Arbeit ist auf freiwilliger Basis, jeder der hier her kommt, ist freiwillig da. Von dem Moment an, wo sie eine Massnahme verordnen, ist es nicht mehr möglich, auf einer menschlichen Basis zusammenzuarbeiten, dann ist es ein Mächteverhältnis. Das wiederspricht der psychologischen Grundhaltung. Es gibt Situationen, wo wir selbst eine Behörde einschalten müssen, weil es nicht anders geht. Das ist dann, wenn wir ein Kind oder einen Jugendlichen schützen müssen.

Können Sie uns für diesen Fall ein Beispiel nennen?

Wir haben Jugendliche hier gehabt, die sexuell missbraucht wurden. In einem Sportverein, von einem Sportlehrer. Dies geschah in der Freizeit, nicht in der Schule. Als wir gesehen haben, dass mehrere aus diesem Club betroffen sind, haben wir die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Das war dann jemand, der schon X-Mal vorbestraft war. Der hat einfach immer wieder den Kanton gewechselt. Hier müssen wir eingreifen, um die Jugendlichen, die unsere Klienten sind, zu schützen. Wir pfelegen eine Zusammenarbeit mit Spitälern, Kliniken und Privatpraktizierenden. Im Einverständnis mit den Betroffenen geben wir die Informationen, die wir erarbeitet haben, weiter.

Wie hoch ist der Anteil ausländischer Betroffen(er)?

Es ist ziemlich genau 50 zu 50.

Wissen Sie, wenn man das aus psychologischer Warte anschaut, haben Menschen immer Probleme. Es gibt immer Menschen, die das selbst managen können, andere weniger. Das gilt für AusländerInnen und für SchweizerInnen. Ich würde sogar meinen, dass die Gewaltbereitschaft bei einer gewissen Schicht der Schweizer Bevölkerung grösser ist, als bei Ausländern. Unsere Beobachtungen sind, dass sehr oft die AusländerInnen, die wir sehen, in traditionellen Familien verankert sind, da herrscht noch eine Autorität, die sagt, dass das so und so zu gehen hat. Dies viel mehr als bei Schweizer Familien.

Wie sieht für Sie die neue Strukturierung der Familie aus? Ist sie schlechter als früher?

Das ist ganz schwierig, ich denke, dass die Familienstruktur das Spiegelbild des gesellschaftlichen Kontextes ist. Heute haben wie eine Unmenge von Informationsflut, die uns die ganze Welt viel näher bringt, als das früher der Fall war. Das ist ein riesiges Spektrum. Ich kann heute mit dem Internet nach Amerika reisen, ohne dass ich je dort war. Das sind natürlich andere Dimensionen. Die Sorgen und die Probleme, die ein Vater oder die Mutter in die Familie hineinträgt, ist natürlich nichts anderes als ein Abbild von dem, was in der Welt geschieht. Die Gewalt, die auf der ganzen Welt abläuft, die Kriege, die haben wir täglich vom Fernsehen und in den Zeitungen präsentiert. Noch vor 50 Jahren war das überhaupt nicht so. Ich denke das sind schon riesige Veränderungen, die auch die Familienstruktur verändern und belasten. Genauso wie der gesellschaftliche Kontext im Wandel ist. Es ist für viele Jugendliche und Kinder schwierig.

Ist die Zahl Ihrer Klienten stabil geblieben, oder hat es eine Erhöhung gegeben?

In den letzten fünf Jahren sind die Zahlen relativ konstant, dass heisst, 2000 Fälle pro Jahr. Aber die Komplexheit, der Arbeitsaufwand und die Intensität der Probleme nehmen zu. Das wird immer schwieriger und komplexer.

Was sind Ihre abschliessenden Worte?

Mein persönliches Anliegen aufgrund meiner Tätigkeit ist, dass man den Leuten immer wieder nahe legen muss, dass das wichtigste der Dialog ist. Die Dialogfähigkeit und dass man die Probleme, die man hat, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen ansprechen kann. So lange wir reden können, gibt es keine Gewalt und keinen Krieg. Von dem Moment an, wo der Dialog abbricht, wird es Gewaltakte geben und es wird zu einem Mächtekampf. Deshalb denke ich, dass der Dialog das wichtigste ist.

       

Adresse

Schulpsychologischer Dienst Basel-Stadt

Austrasse 67

CH-4051 Basel

Tel.: 061 / 267 69 00

Internet: www.spd-basel.ch

Mail: spd@bs.ch

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