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Vicco:

Ich wollte immer jemand sein;

jetzt weiss ich: Ich bin es !

Vicco, ein ehemaliger Hells Angel, erhielt vor 20 Jahren die Chance, seine Geschichte  in einem Film, der Welt näher zu bringen. Vicco erlebte seine Kindheit mit vielen Sorgen, welche weitführende Konsequenzen bis in sein Erwachsenen-Dasein mit sich brachten.

Weder zu Hause bei seinen Eltern, noch im Heim für Schwererziehbare, fühlte er sich verstanden. Seine Geschichte zeigt uns, wie er sich vom Leben leiten liess, was das Leben mit ihm und er mit dem Leben machte.

snc

portrait und fotos: nesrin okumus

snc: Über Dich und Dein Leben, Vicco, gibt es einen Film. Was war der Anlass den Film zu drehen?

Vicco: Der Film wurde etwa vor 20 Jahren gedreht. Die Idee war einen Film über schwierig Erziehbare zu drehen. Dies war noch vor der Zeit, als alt Bundesrat Furgler das neue Kinderschaftsrecht verlegte. Dazumal waren die Kinder, welche nicht den Normen entsprachen, auf Deutsch gesagt, weg vom Fenster gewesen. Man hatte das Recht, die Kinder zu „versenken“. Ich lebte damals aber nicht unbedingt wild. Ich habe weder gestohlen noch sonstiges angestellt. Ich lebte wie die Jugendlichen heutzutage. Der Film sollte die damaligen Erziehungsmethoden in den Kinderheimen aufdecken. Dies war natürlich gar nicht gern gesehen in der Schweiz.

Wer hat den Film gedreht?

Der Philosoph Dr. Alexander Seiler. Die Idee kam jedoch von seiner Frau, Kovac, welche übrigens eine weltberühmte Pianistin war. Sie hatte auch die Filmmusik ausgesucht.

Wie kam Dr. Seiler auf Dich?

Ich erlebte damals eine sehr wilde Zeit. Damals ist in Zürich der sogenannte Bunker noch offen gewesen. Ich verkehrte auch dort. Dort kam ein Mitarbeiter von Dr. Seiler hin und interviewte einige Leute mit der Begründung, er wolle ein bewegendes Leben verfilmen.

So ist er auf mich gestossen.

Eines Abends kam ein Telefon von Herrn Dr. Seiler und es hiess, dass sie einen Film über mein Leben drehen wollten. Ich wurde gebeten, zu ihm zu gehen und mein Leben ausführlich zu erzählen. Ich ging. Er sagte dann, es gäbe mehrere Involvierte und er könne nicht versprechen, dass gerade mein Lebensteil gedreht werde. Doch anscheinend ist mein Leben so interessant gewesen, dass man sich auf meine Geschichte einigte.

Kannst Du uns Deine Geschichte etwas näher bringen?

Ich bin am 27. August 1949 geboren. Ich war kein erwünschtes Kind. Mein Vater wollte ein Mädchen. Dazumal war er Hilfsarbeiter auf der Baustelle. Praktisch war kein Geld zu sehen. Ich genoss die staatlichen Schulen bis zur 3. Klasse. Dann merkte man in der Schule, dass bei mir zu Hause etwas nicht stimmte. So kam die erste Bewegung. Man tat mich fort! In ein Heim. Nach einem Jahr ging ich zurück zu meinen Eltern. Doch es ging nicht lange gut. Meine Mutter hatte Magenkrebs und musste operiert werden. Ich musste auf meine Geschwister aufpassen, daher hatte ich sehr viel Schulausfall. Es gab immer wieder Reibereien. So bin ich wieder etwa in der 4. oder 5. Klasse in ein Heim zurück. Allerdings war ich dort auch nur ein Jahr geblieben, kam danach wieder nach Hause zurück und blieb eine längere Zeit zu Hause bis zum Schulaustritt.

Dann folgte eine wilde Zeit. Ich hatte die Schule beendet, wusste  aber noch nicht was ich werden wollte. An der Mülhauserstrasse, wo ich damals auch wohnte, gab es eine Elektrofirma: Diese bot mir an, eine Lehre als Elektromonteur zu beginnen. Ich habe die Chance genutzt und begann mit der Lehre. Ein Mitarbeiter namens Löliger war ein Freund meines Vaters. Mein Vater versicherte ihm, dass er mir eins oben drauf schlagen dürfe, wenn ich mich nicht benehme, was dann auch passierte. Das ging natürlich nicht lange gut, denn ich lief davon. Die Lehre wurde natürlich abgebrochen. Ich musste also wieder nach Hause, weil ich nicht wusste, wo ich hin sollte. So ist es dazu gekommen, dass ich bei meinem Vater auf der Baustelle arbeiten musste. Mein Vater machte dazumal Bodenlegerei. Es war jedoch Bodenlegerei auf Unterlacksböden, auf Sand und Zement. Meine Arbeit als  (Bränte-) Schlepper begann. Damals hatte man noch keine Aufzüge, man musste die Last "buggeln". Es kam so weit, dass ich auf der Treppe fast zusammenbrach und zu meinem Vater rannte. Mein ganzer Rücken blutete. Ich sagte ihm, was los war und dass ich nicht mehr könne. Er unternahm dann auch was. Und zwar gab er das Kommando, dass man meine Ladung nur noch halb füllen soll. Laufen musste ich trotzdem.

Nach einiger Zeit ging ich wider zu meinem Vater und sagte, ich wolle nicht mehr schleppen, sondern abglätten lernen.

Das ist, wenn der Unterlacksboden abgezogen wird und man mit der Bügelkelle noch mal darüber geht. Heute macht man das maschinell. Das Ziel ist, den Boden sanft und glatt zu machen, um beispielsweise Parkett zu belegen usw. Es war alles okay. Meine Enttäuschung war jedoch, dass ich dies während meiner Freizeit lernen musste. Wenn die anderen Mittagspause hatten, musste ich nach der Schlepperei lernen, wie man abglättet. Als ich die Sache dann gelernt hatte, redete mein Vater mit seinem ehemaligen Chef und fragte ihn, ob ich denn jetzt mehr verdienen würde, wenn ich abglättete. Dieser war bereit, mehr zu bezahlen. Ich war happy. Leider konnte ich von meinem Lohn aber nichts sehen, weil alles in den Haushalt ging. Als ich meinem Vater mal den Vowurf machte, meinte er nur, es interessiere ihn nicht. Er habe für mich viel Geld ausgegeben, bis ich oben gewesen sei. Jetzt verlange er auch etwas zurück. Ich dachte, so kann man es ja auch sehen, oder eher, man kann es ja so sehen, wie man es will.

Danach folgte meine wildeste Zeit. Ich riss von zu Hause los. Mein Vater hatte meine Koffer bereits gepackt. Damals war ich vielleicht 16 Jahre alt. Ich ging dann mit meinem Koffer zum Marktplatz, setzte mich auf ihn in der Annahme, dass vielleicht ein Kollege vorbeikäme.

Das passierte auch. Ein Kollege kam vorbei sagte, er kenne eine 26 jährige Serviertochter, vielleicht könne ich bei ihr wohnen. Ich ging drauf ein. Die Frau hiess Trudi. Sie war eine gutmütige Frau und war mir sogar bei einer Lehrstellensuche auch sehr behilflich. Doch nach eineinhalb Wochen kam die Polizei und verhaftete mich. So kam ich in das AH (Aufnahmeheim) an der Missionsstrasse. Dort sagte man mir nach  vier Wochen, ich würde mich jetzt entweder benehmen oder man versorge mich.

Was heisst versorgen?

Man bringe mich in ein Heim. Das war mir auch egal. Ich kam aber nach Hause und riss aber nach kurzer Zeit wieder los zur Trudi. Wieder wurde ich verhaftet und kam in den Erlenhof hinten in Reihnach. Das ist eine Jugenderziehungsanstalt. Ich sagte dort, ich wolle Elektromonteur lernen. Als Antwort bekam ich, das ginge nicht so einfach, ich müsse erst mal ein Jahr auf die Landwirtschaft. Das machte ich dann auch. Allerdings ging ich immer wieder auf Kurve. So nennt man das. Ich bin abgehauen. Natürlich ging ich jedesmal zur Trudi.

War das der Ort wo Du Dich am wohlsten fühltest?

Auf jeden Fall. Sie war für mich mehr als meine Eltern. Die Leute im Erlenhof meinten, ich sei nicht mehr tragbar, ich würde immer wider zu der 26 jährigen Bargirl abhauen. Dann sind Untersuchungen gemacht worden, ob ich mit ihr überhaupt was gehabt hätte. Ich war ja noch minderjährig. Sie verhafteten mich wieder und brachten mich wieder ins AH in Basel. Dort blieb ich ein halbes Jahr. Danach folgte eine Gerichtsverhandlung. Nicht weil ich gestohlen hatte oder sonst ein Verbrechen beging. Nein wegen leidlichem Lebenswandel. So nannten sie das. Das passte damals einfach nicht in die Normen der Gesellschaft. Für die war ich schwer erziehbar. Der Heimleiter vom AH fand dann, das bringe nichts. Er habe eine Lösung. Ich würde doch Pferde mögen. Eine Ausbildung als Pferdepfleger wäre die beste Lösung für mich. Ich hätte dies auch gen gemacht. Es geschah aber nicht, man brachte mich auf den Tessenberg, ein Erziehungsheim für Jugendliche . Ich war kein Tag da und riss los. Es ist ein ekelhaftes Gebiet. Jedesmal haute ich ab zur Trudi und man holte mich wieder zurück. Wenn man uns zurückbrachte auf den Tessenberg, haute man unsere Haare ab. Dann mussten wir in die Kiste. In 24 Stunden bekamen wir 2 dl Suppe und ein Stück Brot. So ging das eine Woche lang. Danach bin ich straffällig geworden. Als ich wieder einmal abhaute, klaute ich ein Motorrad. Ich brauchte das Motorrad, um nach Basel zur Trudi gelangen zu können. Natürlich holten sie mich aber wieder. So ging das eine Zeit lang hin und her. Das letzte mal, als ich auf Kurve ging, suchten sie mich wieder bei Trudi, doch diesmal war ich ohne Pass und ohne Geld unterwegs nach Marseille. Ich schaffte es. Von Marseille ging ich wider zurück, denn ich wollte nach Algier in die Fremdenlegion. Ich habe mich bei der Fremdenlegion anwerben lassen und bin dann wirklich eingetreten. Als ich jedoch sah, wie es dort zuging, haute ich wieder ab. Ich war also nicht lange bei der Fremdenlegion. Das war gefährlich. Die suchten mich und ich musste wieder ohne Pass und Papiere flüchten.

Dann kam die Zeit wo es mir in Basel nicht mehr passte. Mir ging es zu Hause nicht gut. Meine Geschwister mochten mich nicht unbedingt, was auch heute so ist. Wir sehen uns praktisch nur, wenn wir müssen. Da sagte ich zu mir: Jetzt ist fertig. Ich gehe nach Zürich. Ich packte mein Werkzeug und ging ab. So wie es in Zürich ist, tagsüber krampften wir und Abends gingen wir in den Kreis 4. Das, was wir verdiensten, gaben wir am Abend wider aus.

Es kam so weit, dass ich mir ein Motorrad kaufte und irgendwie mit Tino, dem ehemaligen Boss der Hells Angels, in Kontakt kam. Er bot mir an, mit den Hells Angels loszuziehen. Ich merkte bald, dass ich auf diese Weise keine Arbeit mehr kriege. Ich lief ja damals auch mit dem Kittel mit der Aufschrift Hells Angels rum. Wir konnten nur als Gruppe arbeiten, zum Beispiel an Festen oder Veranstaltungen Tische auf- und abräumen usw. Damals war ich etwa 24 oder 25 Jahre alt. Nach einem halben Jahr trat ich aus. Ich wollte bei meinem Job bleiben. Dazu muss ich ehrlich sagen, dass ich mich nicht unbedingt integriert oder wohl gefühlt habe bei den Hells. Es war auf jeden Fall nicht das Leben, das ich mir vorgestellt hatte.

So holte ich wieder mein Werkzeug hervor. Ich bekam auch Aufträge und konnte wieder arbeiten.

Ich war damals mit Jacky, meinem Partner zusammen. Gemeinsam machten wir Anschlägerei. Wir lebten aber mehr als wir arbeiteten. So kam es dazu, dass wir die Maschinen verpfänden mussten. Das war wieder ein sozialer Absturz. Wir waren auf Betteltour, wie zum Beispiel mit der Frage, ob uns jemand ein Bier bezahlen kann usw. Am Schluss landete ich in der Telefonzelle. Es war tiefer Winter und ich wusste nicht wohin. Zu den Hells wollte ich auch nicht wider zurück. Was ich dort bekam, gefiel mir auch nicht. Dann habe ich mit etwa 26 Jahren meine erste Frau kennen gelernt. Ich erzählte ihr, ich hätte ein tolle Einzimmer-Wohnung. Das Telefon und das Büchergestell seien direkt über meinem Kopf platziert. Sie könne ich auf jeden Fall anrufen. Natürlich konnte ich nicht sagen, dass ich in einer Telefonzelle schlief. Als sie mich aber nach der Adresse fragte, habe ich einfach die Wahrheit gesagt und erzählt, dass die Tel-Zelle 2 mir gehöre und niemand ausser mir dort übernachten dürfe. Es war auch so. Immer um Mitternacht etwa trat ich in meine Zelle.

Sie glaubte mir aber nicht. Als sie jedoch einmal zur Kontrolle kam und mich dort schlafen sah, musste sie es fast glauben. Sofort sah sie sich nach einer Pension für mich um, versorgte mich mit Essen. Ich zog also in die Pension, welche im voraus schon bezahlt war ein. Ich genoss es, in einem Bett zu schlafen. Zwei bis drei Monate musste ich in der Zelle schlafen. Sie liess mich ein paar Tage  ruhen und kam dann mit Überkleider und meinte; „So jetzt wird ein Job gesucht.“

Tatsächlich bin ich in Zürich als Angestellter arbeiten gegangen. Das ging aber nicht lange gut, nur etwa 1 ½  Monate. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich musste meine Anschläge machen. Meine Frau, meinte, sie könne mit ihrer Grossmutter sprechen. Die habe Geld und wir könnten unser Geschäft aufbauen. Innerhalb eines Jahres stellten wir es auf, nach zwei Jahren aber war es wieder zu Ende. Es ging zwischen uns nicht. Ich arbeitete wieder allein. Einsam konnte ich auch nicht sein. Als alles, was den Schwung ausgeholt hatte, wieder sank, lief ich mal in eine Bar hinein. Dort habe ich Evelyn kennen gelernt. Alles ging sehr schnell, wir lebten zusammen. Als es Krieg zwischen uns gab und wir auseinander gingen, ist es ganz dumm gelaufen. Evelyn war schon schwanger. Sie war auch nicht die geschaffene Mutter. Ich fühlte mich verpflichtet dem Kind gegenüber. Während dem ich arbeitete und Sachen für unser kommendes Kind beischaffte, sass sie in der Bar und trank Whisky. Ich war gar nicht einverstanden, auch nicht mit ihrer Raucherei. Ehrlich gesagt, gäbe es schon nur ein Buch über diese Zeit. Ich hielt es nicht mehr aus und bin weggegangen. In der Annahme, dass ich ein paar alte Freunde von den Hells Angels treffen würde , ging ich die Ole Bar. Ich wollte schwatzen und erzählen. Ich sass also da, allein, und trank mal zwei Biere. Da sagte das Barmädchen plötzlich, die zwei Biere seien  bereits bezahlt. Ich verstand es nicht. Doch dann erblickte ich eine Frau und begriff. Man nannte sie Sönne, Lämpe Sönne oder Spinner Sönne. Richtig hiess sie Sonia. Sonia lief zu mir rüber und fragte, ob ich Probleme hätte, ich solle sie nicht so tragisch nehmen. Ich erzählte von meiner schwangeren Freundin und dass ich sie nicht mehr wolle. Sie fragte nur, ob ich kurz warten könne, sie müsse kurz auf die „Gass“. Nach einer Weile kam sie zurück, legte mir 500 Franken auf den Tisch und sagte, es gehöre mir. Als ich sie verblüfft anschaute, gab sie als Antwort, sie könne sich das leisten, sie sei eine Prostituierte. So wie das ist, ergab sich das. Ich ging zu ihr nach Hause. Am nächsten Morgen sagte sie, sie müsse los, etwas für heute Abend verdienen und nehme an, ich bliebe. Ich versicherte es ihr und wir verabredeten uns in der Ole Bar. Als ich ankam, blätterte sie mir wieder 700 Franken auf den Tisch. Sie meinte, ich müsse ihr sparen helfen. Ich lachte. Ganz ernst fuhr sie aber fort und sagte, ich müsse auch nicht mehr zurück zu meiner Alten, da sei genug Geld, um auch sie mit dem Kind zu versorgen. Das sei auch noch nicht alles. Nach dem Nachtessen, gehe sie wieder auf Tour. So bin ich in die Zuhälterei hineingerutscht...

Das Leben mit Sonia lief gut. Sie brauchte mich eigentlich gar nicht. Sie konnte ihren Platz selbst gut verteidigen, daher auch ihre Spitznamen. Sonia stellte mich den grössten Zuhältern vor. Mit allen in der Clique hatte ich es gut, da ich eben auch eine Frau am Laufen hatte. Es ging mir sehr gut, mir gefiel es, dass ich machen konnte was ich wollte und trotzdem Geld hatte. Etwa anderthalb Jahre bis zwei Jahre ging das sehr gut. In der Zwischenzeit kam mein Sohn, der Remo, auf die Welt. Ich weiss noch, wie das war. In meinem Stammlokal sagte man mir, ich hätte ein Telefon bekommen und solle mich unbedingt mit meinem Schwiegervater oder dem Spital in Verbindung setzen. Ich rief Evelyn auf der Stelle an. Das Kind sei unterwegs. Ich packte sofort meinen Schlitten und fuhr zu ihr rüber. Evelyn hielt meine Hand uns sagte, der Kerl würde nie kommen, wenn ich nicht bei ihr wäre. Ich konnte also bei der Geburt dabei sein. Es war ein super Erlebnis. Ich wusch meinen Sohn sanft und liebevoll. Da kam plötzlich eine Schwester und  meinte, das sei ein lebendiges Kind und fing an, das Kind so richtig zu schrubben. Am liebsten hätte ich ihr eine geknallt. Evelyn fragte mich, ob ich nun bliebe, jedoch war ich mit Sonia zusammen. Das Leben mit ihr gefiel mir auch.

Sie unterstütze mich auch sehr und mich riss es zu Sonia zurück. Zusammen kauften wir alles, was es für meinen Jungen brauchte. Evelyn ging es aber nicht gut. Sie schimpfte, sie könne nicht mit ihrem Jungen bei ihrem Vater wohnen. Als sie eine eigene Wohnung bekam, schimpfte sie, der Junge würde die ganze Nacht schreien. Ich bezahlte ihr die Wohnung und brachte ihr jeden Tag minimum 300 Franken für Windeln usw. rüber. Sie war gut versorgt. Sonia beschuf das Geld und meinte, es sei okay.

Eines Tages, ging Evelyn mit Remo zu meinen Eltern und teilte ihnen mit, sie könne den „Goofen“ nicht mehr länger dulden. Remo war nicht mal 4 Monate alt. Mich hatte sie gar nicht benachrichtigt. Als ich wieder zu ihr rüber fuhr, las ich einen Zettel, wo darauf stand was sie gemacht hatte. Ich rief bei meinem Eltern an und hörte mir an, was mein Vater mir zu sagen hatte. Sie hätten schon das Leben lang immer Probleme mit mir gehabt usw., schrie er durch das Telefon. Ich ging zu meinem Sohn. Gleich als ich eintrat schimpfte mein Vater, ich solle auf mein Kind schauen. Ich gab ihm Recht. Etwa nach vier Tagen, nachdem ich in Basel eingetroffen war, hatte ich bereits eine Wohnung gefunden und neue Familienaussichten. Einen Job als Schreiner habe ich mir auch sofort besorgt. Ich konnte wieder meine Anschläge machen. Langsam gewöhnte ich mich an das Familienleben. Ich dachte mir, dass es doch das sei, was ich mir wünschte und liess das Milieu fallen. Von Sonia hatte ich mich noch nicht getrennt. Sie wusste noch gar nicht, wo ich überhaupt war. Das ganze Familienleben spielte sich jedoch innerhalb einer Woche ab. Nach fünf Tagen Arbeit kam der grosse Boss zu mir und beschwerte sich wegen meinem Arbeitstempo. Als meine Erklärungen und Rechtfertigungen nicht genügten, gab ich ihm eine passende Antwort und lief einfach davon. Ich war mir nicht gewöhnt, herumkommandiert zu werden. Vielleicht war ich es eher zu fest gewöhnt von zu Hause aus, dass ich es nicht mehr ertragen konnte Ich musste die Wohnung kündigen. Ich rief in Zürich bei Sonia an. Sie durfte raten, wo ich war. Sie wusste es. Ich erklärte, dass ich die Zeit gebraucht hätte, um klar zu stellen, was ich wolle. Als ich sie fragte, ob sie Geld hätte, meinte sie nur, dass sie ja auf mich warte und mehr wie genug hätte. Ich ging sofort. Ich hatte die Nase voll. Sonia stellte mir ein Ultimatum: Sie oder Evelyn mit dem Jungen. Ich entschied mich für Sonia. In der Zwischenzeit hatte ich bereits meinen Vater angerufen und gesagt, sie könnten mir alle, auf deutsch gesagt, „am Arsch lecken“. Mein Vater rastete aus. Danach hörte ich aber nichts mehr von zu Hause. Im Sommer, als wir wie gewohnt unten am Limmat sassen, sah ich plötzlich Evelyn. Als ich nach meinem Sohn fragte, gab sie als Antwort, er sei bei meinem Onkel. Sie erzählte, dass sie bei meinem Onkel war und mit ihm geredet hatte. Die Frau meines Onkels konnte keine Kinder bekommen. Sie nahm aber Pflegekinder an. Remo war auch dort. Obwohl ich Stress hatte mit meinem Vater, rief ich an und fragt was los war. Er meinte, ich könne die Evelyn auch gerade den Füchsen vorwerfen. Er sei bei der Abmachung dabei gewesen. Es sei ausgemacht gewesen, dass der Onkel mit seiner Frau am Sonntag den Remo holen kämen. Evelyn hielt es aber nicht mehr aus. Schnappte den Remo schon am Diensteg und brachte ihn eigenhändig. Sie fuhr mit dem Zug hin. Eine viertel Stunde sei sie bei der Abgabe geblieben.

Das änderte nichts an der Sache. Ganz klar, ich blieb bei Sonia. Etwa nach drei Wochen rief Evelyn mich an und wollte, dass ich zu ihr komme. Sie sagte, sie habe Geld für mich. Woher sollte sie Geld haben? Sie mache jetzt dasselbe wie Sonia, gab sie als Antwort. Ausserdem habe Sonia sehr viel für unseren Jungen ausgegeben, was sie jetzt zurück bezahlen wolle. Sie behauptete sie könne genau dasselbe was Sonia auch könne. Dann kam die Zeit, wo zwei Frauen Geld mit nach Hause brachten. Nach zwei drei Monaten wurde Sonia wütend. Ich war damals 30 oder 35. Evelyn war jünger und konnte mehr verdienen. Sonia liess mich fallen. Sie ging. Evelyn ging weiter anschaffen. Einmal, als ich mit einem Zuhälter Kollegen etwas gesoffen hatte, kamen wir auf die Idee zu baden. Wir sind los gefahren. Ich musste noch auf Schlieren meine Badehosen holen gehen. Wir fuhren hintereinander. An einer Ampel, als es plötzlich von Rot auf Orange schaltete, gab er Vollgas und ich nahm an, ich könne noch hinterher. Das Unglück war, dass er sofort bremsen musste. Mit beiden Füssen stand ich auf dem Pedal, doch es reichte nicht mehr. Ich donnerte ihm hinten hinein. Es war ein Chaos auf dem Verkehr. Ich rief Evelyn an, sie solle mich holen kommen. Den Führerschein haben sie mir auch entzogen und ich musste vier Monate ins Gefängnis. Ich glaube immer noch nicht, was mir für Paragraphen aufgezählt wurden. Wenn ich damals mit meiner heutigen Frau Ruth zusammen gewesen wäre, wäre es nie dazu gekommen. Am Anfang meiner Gefängniszeit kam Evelyn mich besuchen mit einem Kollegen. Genau nach einem Monat brannte sie mit ihm durch.

Ich kam aus dem Gefängnis und wollte nach Hause. Doch wo war ich nun zu Hause. Der neue war auch schon längst bei mir eingezogen. Trotzdem ging ich dort hin und schmiss ihn raus. Er holte die Polizei. Schon wieder musste ich für drei Tage in die Kiste. Als ich raus kam, bekam ich die Verwarnung, mich nicht mehr als 100 Schritte zu ihm zu nähern.

Einsam, hing ich herum. Geld hatte ich auch keins. Ich ging in mein Stammlokal. Da traf ich eine Ruth. Ich ging mit ihr nach Hause. Erst als ich sie am nächsten Morgen bemerkte, fiel mir auf, wie hübsch sie war. Sie hatte Gipfeli geholt und schwatzte vor sich rum, jetzt komme die berühmte Masche, ich müsse bestimmt nach Hause zu meiner Frau, oder bestimmt müsse ich arbeiten? „Nichts von all dem.“, konnte ich ihr zu ihrer Erleichterung antworten. Ihr erzählte ich meine Geschichte. Sie fragte mich, ob wir etwas aufbauen könnten. Zusammen kamen wir auf Basel. Sie meinte, Zürich täte mir nicht gut. An der Missionsstrasse hatten wir eine Wohnung gefunden. Etwa 1 ½   Jahre lief es sehr gut. Dann habe ich raus gefunden, dass Ruth etwas mit ihrem Ex hat. Damals hatte ich eine Chefanstellung. Durch irgendeine Absicht wollte der Chef die Firma in den Konkurs treiben. Am Weihnachtsessen sagte ich ihm meine Meinung. Er wollte nichts von mir hören. Ende Weihnachten als ich ins Büro ging erwartete er mich. Er liess seine Wut aus und entliess mich fristlos. Meine drei Monatslöhne holte ich ab, packte meine Sachen und verreiste. Ruth war noch in der Ausbildung zur Op-Schwester. Ich unterstützte sie in dieser Zeit materiell wie auch moralisch. Es kam aber so weit, dass mein Arzt meinte, ich müsse weg. Weg in die Ferien vielleicht. Das war ein schlechtes Timing. Ruth stand im Prüfungsstress. Er verschrieb mir eine Erholungskur in der Grimmi- Alp. Ich musste gehen und wollte auch ein wenig. Doch es war stinklangweilig. Nach drei Wochen von den Sechs, die dort sein sollte, hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich holte mir ein Bier machte Musik an und fing an, die Natur zu geniessen. Die Schwester regte sich aber auf und meinte, sie müsse es meinem Arzt mitteilen, dass ich keine Kur mache. Ich beschwerte mich, dass es mir langweilig sei, dass mir zum See hin- und zurücklaufen nicht genüge und sie nichts mit uns unternähmten. Sie sagte, ich solle in dem Fall abbrechen. Ich entschloss mich dazu. Am selben Tag kommt aber die neue , die jetzige und die richtige Ruth. Sie musste auch eine Kur machen. Von hinten sah ich nur ihr Haar. Blond, lang und schön waren sie. Ich sagte mir, wenn diese Frau so schön ist wie ihre Haare, dann ist sie mein. Ich fragte unauffällig, ob sie bliebe. Ein leises „Ja.“, kam zur Antwort. Also blieb ich doch auch. Die andere Ruth besuchte mich nicht einmal und hing mit ihrem Ex herum. An einem Abend nach den Prüfungsresultaten rief sie mich an und teilte mir ihren Erfolg mit. Im gleichen Atemzug sagte sie, wir müssten unsere Beziehung überdenken. Für mich war sie somit überdenkt. Es war aus. Ich ging zu meiner Ruth, der Neuen und erzählte ihr, dass ich die Kur abbrechen müsse und auf Basel fahre. Ich stellte die alte Ruth zur Rede. Ich habe ihr gekündigt uns sie ging mit ihrem Lover los.

Dann habe ich wider meine Ruth getroffen. Ich besuchte sie in Thun, wo sie wohnte. Ihren Sohn und ihre Bekannten habe ich kennen gelernt. Mein Leben nahm einen ganz anderen Lauf und geriet in einen ganz anderen Alltag. Wir sind jetzt seit 18 Jahren zusammen. Ich habe es wunderschön. Wir arbeiten selbständig als Teppichleger. Unsere Aufträge haben wir heute noch und damals schon nur Ruth zu verdanken. Damals war es aber fast nur Ruths Business. Die Kunden wollten auch nur noch mit ihr reden. Das gefiel mir nicht. Ich wollte mein eigenes Geschäft. Ich fühlte mich nicht akzeptiert. So fuhren wir nach Basel zurück und nahmen uns eine Wohnung an der Wasserstrasse.

Wie bist Du auf Bodenlegerei gekommen?

Eine lustige Geschichte. Als Ruth einmal wütend auf mich war, hat sie einen Farbkübel über mich leeren wollen. Sie verfehlte aber ihr Ziel und die Farbe war auf dem ganzen Flur verteilt. Alle Türen waren dazu auch noch offen gewesen. Ich habe natürlich alles neu gemacht. Als der Verwalter einmal fragte, welche Firma unsere Teppiche verlegt habe, antwortete Ruth, das sei ich gewesen. So habe ich mich entschieden. Natürlich habe ich am Anfang auch einige schlechte Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel hatte ich zu viel Leim genommen usw. Ich liess mich aber dann ein  Jahr anstellen, um alles von diesem Beruf zu erlernen. Danach machte ich mich wieder selbständig.

Was sind die Lehren Deines Lebens für Dich?

Das Leben lang habe ich mich bemüht, mit den Normen mitzuschwimmen, mich der Gesellschaft anzupassen. Immer weder wurde ich abgekapselt. Das Erlebnis bei den Hells Angels zeigte mir, dass dies auf jeden Fall die falsche Bahn war. Ich bekam keine Anstellung mehr und anderes.

Wenn ich zurück blicke, sage ich mir nur: „Das waren die Hells und das bin ich.“ Das passt nicht zusammen. Immer habe ich nach Erfolg gestrebt. Jetzt sehe ich, dass ich es doch noch geschafft habe. Ich kann aufblicken und Hallo sagen. Eine Villa und sonstiges, was ich mir erträumte, habe ich nicht. Aber ich habe ein schönes, warmes zu-hause, eine super Frau und ein glückliches Leben mit ihr zusammen. Ich danke ihr vielmals für das Leben, das sie mir wieder geschenkt hat. Ich bin immer noch froh, dass ich keine Betreibungen habe, meine Rechnungen zur Zeit bezahlen kann und ein geregeltes Daheim habe.

Gibt es Momente in Deinem Leben, die Du bereust?

Es gibt Momente, die nicht hätten sein sollen. Allerding hatte ich keinerlei Einfluss darauf. Ich denke, dass da von Anfang an etwas schief gelaufen ist. Ich war aber immer der Typ „am Rande der Gesellschaft“. Obwohl ich ihr so nachrannte. Jetzt frage ich mich wieso. Ich bin nun 53 Jahre alt und habe es trotzdem zu etwas gebracht. Im Heim sagte man uns immer, wir seien nichts. Ich wollte immer das Gegenteil beweisen. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, habe ich aber gebraucht, um da zu stehen, wo ich jetzt bin. Ich wollte immer jemand sein. Jetzt weiss ich, dass ich schon lange jemand bin, ich es aber nur nicht gemerkt hatte.