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Chronik aus dem Inneren des Europäischen Sozial Forums Begrüssungstag. Mittwoch, 12. November 2003. Der erste Tag des Europäischen Sozial Forums hier in Saint-Denis, Paris, war hart, sehr hart. Nach einer langen Reise fast ohne Schlaf und den üblichen Problemen beim Anmeldungsprozess, kamen wir in einer Turnhalle an, die für 150 Leute bereit stand, aber nur zwei Toiletten hatte und kein warmes Wasser. Ein paar vor uns haben es sich nicht zwei Mal überlegt. Sie haben auf der Stelle ein Zimmer in einem Hotel gebucht. Andere, wie der Schreibende, haben entschieden, das Konzept „sozial“ auch bis zum Ende durchzuhalten. Trotz der anfänglichen Hürden und Schwierigkeiten, ist die Moral im Forum sehr hoch. Die Stimmung ist überragend. Den ganzen Tag lang sind Gruppen von den verschiedensten Ecken Europas angekommen. Alle bewaffnet mit ihren Schlafsäcken, ihren bunten Kleidern und ihrer kritischen Meinung gegenüber neoliberaler Politik. Und natürlich spricht jede Gruppe eine andere Sprache: Französisch, spanisch, italienisch, türkisch, polnisch oder deutsch. Der authentische Turm zu Babel hat sich hier in Saint-Denis getroffen, das für viele der kleine Bruder von Porto Alegre ist. Dazu ist zu sagen, dass Saint-Denis eine der letzten französischen Gemeinden ist, die von der Kommunistischen Partei regiert wird. Der Eröffnungsakt des Europäischen Sozial Forums wurde gleichzeitig, um 18.30 Uhr, in den vier verschiedenen Camps (Saint-Denis, La Vallete, D´Ivry-Sur-Seine und Bobigny), in denen die mehr als 500 Seminare, Vorträge und Workshops stattfinden werden, durchgeführt. Ab morgen und bis Samstag wird man versuchen, in den hunderten von Veranstaltungen Strategien zu finden, die ein „demokratischeres, partizipativeres, gleicheres und sozialeres Europa“ bringen sollen. Wie die Organisatoren schon sagten, kann dieses Europäische Sozial Forum, an dem laut den Veranstaltern um die 60.000 Teilnehmer dabei sind, historisch werden. Viele Journalisten, die wie ich hier im Medienzentrum sind, waren mit Sergio Haddad, Präsident von ABONG (Brasilianische Vereinigung von NGO´s), die das Welt-Sozial- Forum mitgegründet hatte, einverstanden, als er sagte: „Die Seattle- Bewegung hat bereits erreicht, die Politiker und die Institutionen der Macht, wie George Bush, Tony Blair, die WTO und den IMF in Frage zustellen und zum Wackeln zu bringen“. Die Debatten der nächsten Tage in Paris werden sehr interessant sein, nicht nur wegen der Präsenz von Leuten wie José Bove, Ignacio Ramonet, Susan George oder George Monbiot, aber auch weil diese soziale Bewegung alles andere als auf dem Rückzug ist. Also, ich schlüpfe jetzt in meinem Schlafsack, denn morgen fangen die Diskussionen an.... Zweiter Tag am Forum. Donnerstag, 13 November 2003. Seit den ersten Stunden des Tages konnte man in den Metrostationen von Paris tausende von Teilnehmern des Europäischen Sozial Forums sehen. Jeder mit seiner Akkreditierung um den Hals und mit dem Programm der Konferenzen und Debatten unter dem Arm. Die Pariser, die in die Metro einstiegen, waren erstaunt. Ihre Gesichter sagten so etwas wie: „Was ist los? Wo gehen alle diese Aktivisten um 8.30 Uhr in der Frühe hin?“ Die Sitzungen begannen um neun Uhr, und niemand wollte die ersten Worte der Redner verpassen. Ich habe mich für das Pannel „Für weltliche öffentliche Güter“ entschieden, und die Sache war ganz interessant. Pedro Arroyo von der Botschaft Blau aus Spanien hat angedeutet, dass die Umleitung des Flusses Ebro „ein Attentat gegen die Natur und nur ein spekulatives Geschäft ist, in dem die spanische Regierung auch ihre Hände drin hat. Arroyo hat die Europäische Union gebeten, dass sie diesem Projekt keine weiteren Subventionen gewähren soll. Christian Garnier von France Nature Environment hat sich für die Gründung eines Internationalen Gerichtshofes für die Ozeane eingesetzt. Dieser soll die Fischerei, wie auch die schlechten Arbeitsbedingungen der Fischer regulieren. Als Fazit dieser Sitzung kann man sagen, dass die Redner die Privatisierung von öffentlichen Gütern wie Wasser, Erziehung und Gesundheitssysteme durch die WTO (World Trade Organization) verurteilt haben. Alessandro Pelizzari von ATTAC Schweiz sagte, dass in den letzten Jahren das neoliberale Modell des Managements von öffentlichen Dienstleistungen gescheitert sei. Die Bilanz sei negativ, meinte er, „die Dienstleistungen sind nicht besser oder effizienter geworden und sind monopolisiert worden, wie das Beispiel des Kommunikationsbereichs zeigt.“ Später war ich noch beim Seminar „Was kommt nach Cancún?“ Das Thema ist ja von grossem Interesse, weil sich die Drittweltländer, genauer die 21er Gruppe mit China, Indien und Südafrika dem Druck der USA und der EU in der WTO widersetzt, Ein grosser Triumph für die globalisierungskritische Bewegung. Das Problem ist, dass man vielleicht eine Schlacht gewonnen hat, aber noch lange nicht den Krieg. Die USA und die EU üben mit den bilateralen Abkommen einen mächtigen wirtschaftlichen Druck gegen die Länder der 21er Gruppe aus und die beginnen, Schwächen zu zeigen. Die einzige Möglichkeit, diese Tendenz zu stoppen, wie Susan George angedeutet hat, ist „weiteren politischen Druck gegen Pascal Lamy, Handelskommissar der EU, auszuüben, damit die Europäische Union ihre Politik ändert“. Im Forum gibt ist nicht nur Debatten und Diskussionen. In den vier Standorten, Saint-Denis, d’Ivry-Sur Seine, Bobigny y La Villete, alles sehr populäre Quartiere der Stadt, sogenannte Suburbs, in denen viele ethnische Minderheiten wohnen, gibt es 24 Stunden lang Vorstellungen, Theaterstücke, Workshops, spontane Versammlungen und Essstände mit kulinarischen Spezialitäten aus der ganzen Welt. Es ist einfach wunderbar, diese Unterschiedlichkeit und Vielfalt von Ideologien und Kulturen auf den Pariser Plätzen zu sehen. Aber nicht alles, was glänzt, ist Gold. Bereits hat es erste Beschwerden gegeben. Viele der Teilnehmer kritisieren die Organisation, weil die Standorte so weit von einander entfernt sind. Die Aktivitäten sind durch die ganze Stadt verstreut, und die Aktivisten sitzen manchmal mehr in der Metro als in den Konferenzräumen selbst. Mehrere Stimmen sagen, dass das Sozial Forum von Florenz besser war. Die Veranstaltungen waren dort konzentrierter und man konnte die Kraft der Bewegung besser sehen. Miguel Otero |