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Früh- und
hoch-mittelalterliche Vorgängerkirchen und ein mysteriöses Grab zutage
ZÜRICH. Ende Oktober 2003 konnte die Rettungsgrabung der Archäologie der Baudirektion Kanton Zürich bei der reformierten Kirche in Elsau, östlich von Winterthur, abgeschlossen werden. Die Ergebnisse überraschten. Ein bisher als Teil eines römischen Gutshofs gedeutetes Gebäude entpuppte sich als Kirche aus dem 7./8. Jahrhundert. Rätselhaft ist das Grab einer Frau, die im 9. bis 11. Jahrhundert in einem Anbau der Nachfolgekirche bestattet worden war. Nur etwa ein Jahr nach der Beerdigung hatte man das Grab nochmals geöffnet, Manipulationen am Skelett vorgenommen und anschliessend auf der Grababdeckung Amulette deponiert. Bereits bei der letzten Kirchenrenovation von 1959 hatte der damalige Kantonsarchäologe bei Ausgrabungen in und ausserhalb der Kirche Mauerreste zweier älterer Bauten aufgedeckt. Die ältere datierte er in die römische Zeit. Die jüngere deutete er als Burg. Das aktuelle Bauvorhaben betraf das 1959 nicht ausgegrabene Innere der beiden Gebäude. Aus diesem Grund führte die Kantonsarchäologie vom 15. September bis zum 24. Oktober 2003 eine Rettungsgrabung durch, die ganz neue Erkenntnisse zutage brachte: Die bislang als römisch angesehenen Mauerreste erwiesen sich als Teil einer Kirche des 7./8. Jahrhunderts. Die als Reste einer Burg gedeuteten Mauerteile gehören zu einer Kirche des 9. bis 11. Jahrhunderts. Die Kirche von Elsau ist damit bedeutend älter als bisher angenommen wurde. Eigenkirche mit Steinkistengrab aus dem 7./8. Jahrhundert Das ältere Steingebäude wies im Zentrum des Innenraums ein Steinkistengrab auf, das allerdings keine Bestattung enthielt. Immerhin liefert es einen Anhaltspunkt für die Bauzeit des Gebäudes, da diese Bestattungsform im 7./8. Jahrhundert gebräuchlich war. Zudem kann das Bauwerk auf Grund des Grabes als Eigenkirche einer lokalen Führungsfamilie gedeutet werden. Vergleichbare Kirchenbauten sind im Raum Winterthur in Hettlingen und Veltheim ausgegraben worden. Im Zeitraum zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert ersetzte man die Kirche durch einen grösseren Neubau. Im Norden wies dieser einen gleichzeitig erstellten Anbau auf, der im untersuchten Bereich ein äusserst interessantes Grab enthielt. Dank der interdisziplinären Zusammenarbeit der Kantonsarchäologie mit dem Anthropologischen Institut der Universität Zürich und dem Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel liegen nun aufschlussreiche Resultate zu einer von Krankheit und Schmerz gezeichneten Frau und seltsamen, rund ein Jahr nach dem Begräbnis durchgeführten Handlungen vor. Grabfrevel aus Angst vor einer Wiedergängerin? Die Frau, die bei ihrem Tod etwa 40 Jahre alt war, hatte an zwei schweren Krankheiten gelitten. Da alle Wirbelkörper, die Kniegelenke und die Fersenbeine eine porös veränderte Knochenoberfläche mit teils bis zu 9 Millimeter breiten und tiefen Löchern zeigen, konnte eine entzündliche Knochenkrankheit diagnostiziert werden. Zudem sind an beiden Kniegelenken Spuren einer schmerzhaften Gehbehinderung (Arthrose) sichtbar. Nach einem Zeitraum von nur einem Jahr, öffnete man das Grab nochmals, um Manipulationen am Skelett vorzunehmen. Nach diesen Handlungen deckte man das Skelett mit Erdreich und einer Steinpackung zu. Auf diese Steine legte man über dem Schädel den Fuss eines Seeadlers und über den Knien einen Teil des Fusses eines Fuchses nieder. Schliesslich baute man im Innenraum des Anbaus noch einen Mörtelboden ein. Beim jetzigen Kenntnisstand zeichnet sich ab, dass die nachträglichen Veränderungen am Skelett und das Deponieren des Seeadler- und Fuchsfusses in der Schweiz bisher beispiellos sind. Auch das Zudecken eines Grabes mit Steinen war in der damaligen Zeit unüblich. Wie historische und volkskundliche Belege zeigen, versuchte man damit zu verhindern, dass Tote als Wiedergänger ins Diesseits zurückkehrten und Schaden anrichteten. Möglicherweise ereigneten sich nach dem Tod der Frau Unglücksfälle - denkbar sind unter anderem Unwetter, Ausbrüche von Krankheiten, Häufung von Unfällen oder Todesfällen -, die mit ihrem Tod in Verbindung gebracht wurden. Mit einer Reihe von Massnahmen versuchte man dem Übel ein Ende zu setzen. Weshalb war die Frau im Anbau einer Kirche begraben worden? Mit Begräbnissen in Kirchenanbauten suchte man das im 9. Jahrhundert erneuerte Bestattungsverbot im Kircheninnern zu umgehen. Anbauten boten noch immer eine räumliche Nähe zum Hauptaltar und zu den Heiligen, wodurch sie als besonders privilegierte Bestattungsorte galten. Somit könnte die gesellschaftliche Stellung der Frau für die Wahl des Begräbnisortes ausschlaggebend gewesen sein. Oder erhoffte man sich einen besonderen Schutz und versuchte, einem allfälligen Wiedergang sogar vorzubeugen? |