Cannabis-Konsum: Höhepunkt ist erreicht

BERN. Der Konsum von Cannabis hat in den letzten Jahren in der Schweiz dramatisch zugenommen. Die Spitze dürfte allerdings erreicht sein, wie eine nationalfondsunterstützte Studie der «Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme» zum Cannabis- und Tabak-Konsum zeigt. Beim Rauchen ist die Trendwende bereits eingetreten.

Knapp zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer rauchen, und bis zu 10'000 von ihnen bezahlen es jährlich mit dem Leben. Die Zahl der Kifferinnen und Kiffer ist zwar weniger hoch, doch sie hat sich in den letzten zehn Jahren praktisch verdoppelt: In der Schweiz konsumieren heute rund 250'000 Personen Cannabis. Mehr als die Hälfte der 20- bis 24-Jährigen haben Erfahrung mit der Droge. Was bedeutet das für die Planung im Gesundheitswesen? Und wie muss die Prävention ausgerichtet werden? Die Psychologin Sandra Kuntsche von der «Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme» (SFA) hat eine Doppel-Studie zur Entwicklung des Cannabis- und Tabak-Konsums in der Schweiz verfasst. Begleitet wurde das Projekt von Gerhard Gmel, Co-Leiter der SFA-Forschungsabteilung, finanziell unterstützt wurde es vom Schweizerischen Nationalfonds.

Was den Konsum von Cannabis anbelangt, so scheint der Höhepunkt hierzulande erreicht zu sein. Sandra Kuntsche spricht von einer «Stagnation auf hohem Niveau». Ihre Arbeit basiert auf den Zahlen der Schweizerischen Gesundheitsbefragungen von 1997 und 2002. Um die Entwicklung des Konsums in den kommenden Jahren abschätzen zu können, stützt sich Sandra Kuntsche auf ein Modell über die Verbreitung von Innovationen in der Gesellschaft. Laut dieser Theorie wird ein Trend zuerst von gebildeten und gut verdienenden Männern aufgenommen. Als Statussymbol einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht wird die neue Mode auch für weitere Kreise interessant: Sie greift auf Männer mit tieferem Bildungsniveau und - etwas verzögert - auf Frauen über. Wenn der Höhepunkt unter den Frauen erreicht ist, beginnen sich die männlichen Trendsetter bereits wieder davon abzuwenden. Schliesslich geht die Verbreitung in allen Bevölkerungsgruppen zurück.

Die dramatische Zunahme des Cannabis-Konsums ist vor allem darauf zurückzuführen, dass Personen mit weniger guter Ausbildung und tieferem Einkommen beim Kiffen «aufgeholt» haben. Sandra Kuntsche rechnet deshalb nicht damit, dass sich der Konsum weiter stark ausbreiten wird. Sie empfiehlt allerdings, die Prävention stärker auf diese Gruppen zu konzentrieren.

Was die Planung im Gesundheitswesen betrifft, so rät die Autorin, ein Beratungsangebot für Cannabis-Konsumenten zu schaffen und ein entsprechendes Behandlungskonzept zu erstellen. Konkrete Zahlen über die Auswirkungen des Kiffens gibt es zwar keine. Es wird aber vermutet, dass bei regelmässigem und starkem Konsum über längere Zeit psychische Probleme auftauchen können. So sind in den letzten Jahren in psychiatrischen Kliniken immer mehr Cannabis-Patienten festgestellt worden.

Frauen besonders gefährdet

Beim Rauchen sieht die Situation anders aus: Im Unterschied zum Cannabis nahm die Verbreitung des Tabaks in der Schweiz bereits im 19. Jahrhundert ihren Anfang, und die Trendwende zum Nichtrauchen unter Leuten mit höherer Bildung setzte schon vor gut 30 Jahren ein. Ein Grund, bei der Prävention leiser zu treten, ist das allerdings nicht. Gerade unter Frauen ohne Universitätsabschluss ist der Tabakkonsum noch weit verbreitet. Und das hat Folgen: Sandra Kuntsche rechnet damit, dass tabaksbedingte Krankheiten wie Lungenkrebs bei Frauen in zehn bis 20 Jahren verstärkt auftreten werden. Zurzeit ist die Krebsrate unter Männern noch am höchsten. Diese Entwicklungen müssen bei der Planung im Gesundheitswesen berücksichtigt werden. Was die Prävention betrifft, müsste man sich laut der Autorin noch stärker an Frauen und an Bevölkerungsgruppen mit tieferem Bildungsniveau wenden.

Für die beiden Studien wurden vom gesamten Datenmaterial nur die Daten von Personen ausgewertet, die zum Zeitpunkt der Befragung 25 Jahre oder älter waren. Der Grund dafür ist, dass der Bildungsgrad - als entscheidender Faktor für die Entwicklung des Konsums - bei Schülern und Lehrlingen noch nicht erhoben werden kann. Es zeichnet sich allerdings ab, dass unter jungen Leuten beim Tabak-Konsum der Unterschied zwischen den Geschlechtern an Bedeutung verliert. Ob dies der Anfang einer neuen «Tabakwelle» ist, lässt sich laut Sandra Kuntsche allerdings noch nicht sagen.

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news box august 2004