150 Jahre Pfahlbauforschung in der Schweiz: Entdeckung der Urgeschichte am Bodensee

THURGAU. Im Winter 1853/54 entdeckte man dank niedrigem Wasserstand im Zürichsee die Reste einer vorrömischen Siedlungsstelle. Nur wenig später wurde man auch am Bodensee fündig. Darauf brach in ganz Europa das «Pfahlbaufieber» aus.

Damals hatten die Schweizer Seen den niedrigsten Wasserstand seit Menschengedenken. In Meilen wollte man die freigewordenen Uferflächen nutzen, um einen Hafen zu bauen. Beim Graben stossen die Arbeiter bei der Rorenhaab nach 30 Zentimeter Tiefe auf eine schwärzliche Schicht, in der morsche Pfähle, Knochen, Keramik und Holzgegenstände staken. Der Lehrer Johannes Aeppli aus Obermeilen sammelt und erwirbt diese seltsamen Gegenstände und berichtet der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, es handle sich um «Überbleibsel menschlicher Thätigkeit, die geeignet seien, über den frühesten Zustand der Bewohner unerwartetes Licht zu verbreiten». Der Gelehrte Ferdinand Keller, der Begründer der Pfahlbautheorie, fasste die Ergebnisse zusammen: Das waren «Äxte, Meisel, Hämmer, Netzsenker, Waffen, Kochgeschirre u.s.w., Alles aus einer uralten Zeit und von einem uralten Volk, Kelten genannt, herrührend». Nach weiteren Untersuchungen auch am Bielersee postulierte er: «In frühester Vorzeit haben Gruppen von Familien ihre Wohnung auf Pfahlwerk in den Schweizerseen erbaut».

Handel mit Steinbeilen 

Auch entlang den Bodenseeufern begann nun die Suche nach diesen Pfahlbauten, auf deutscher Seite wurde man zuerst fündig. Gemeinderat Kaspar Löhle aus Wangen hatte schon vorher Gegenstände aus jener Zeit aufgesammelt. Von 1856 an grub er systematisch nach. Er fand als erster Reste von verkohltem Getreide und Brot. Aber auch auf thurgauischer Seeseite fahndeten Lehrer, Landwirte und Pfarrer nach urzeitlichen Siedlungsspuren. Bereits 1864 kannte man steinzeitliche Siedlungsplätze in Steckborn, Berlingen, Ermatingen, am Nussbaumersee und in Niederwil (Frauenfeld). Ein schwunghafter Handel mit Steinbeilen und anderen Fundgegenständen förderte das Raubgraben. In der ganzen Schweiz sahen sich die Behörden veranlasst, diese vorgeschichtlichen Siedlungsstellen zu schützen und nur noch Fachleuten die Erforschung zu erlauben. Im Thurgau war diese Massnahme auch die Geburtsstunde für die Professionalisierung der Archäologie.

Schutz unter Wasser Am beinahe 90 Kilometer langen Bodenseeufer sind bis heute über 30 Siedlungsplätze bekannt. Die meisten sind durch Wellenschlag, Hafenbauten oder Schiffsverkehr von Erosion bedroht. Da ein Ausgraben dieser gefährdeten Stationen jegliches Budget sprengen würde, sind Bestrebungen im Gange, die offenliegenden Schichten mit Sedimentschichten abzudecken. Eine erste archäologische Schutzmassnahme in den Seeufersiedlungen von Ermatingen-Westerfeld im Winter 1998 war sehr erfolgreich. Insgesamt wurden über 700 Quadratmeter Siedlungsschichten mit einem Kieskoffer überdeckt und so vor zukünftiger Erosion gesichert.

Zahlreiche Fundstellen 

Der Thurgau ist reich an Siedlungsspuren aus dem Neolithikum und der Bronzezeit, die im Lauf des 20. Jahrhunderts untersucht und ausgewertet wurden. Zum Jubiläum «150 Jahre Pfahlbauforschung» werden am 15. Mai 2004 eine Ausstellung im Museum für Archäologie eröffnet, im Sommer eine Nachgrabung in Pfyn-Breitenloo unternommen und weitere Veranstaltungen angeboten. Auch in Konstanz, im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen und in Buchau (Federsee) sind Ausstellungen zu diesem Thema geplant. Für weitere Informationen steht die Internetseite www.pfahlbauten.ch zur Verfügung.

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