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Starke
Ökosysteme, stabiles Klima, den Boden schonender nutzen
BERN. Ökosysteme sind der
Schlüssel für sauberes Wasser und eine reiche Artenvielfalt. Sie sind
wegen menschlicher Aktivitäten weltweit unter Druck; der
mensch-verursachte Klimawandel verstärkt diesen zusätzlich.
Anlässlich des internationalen Tages der Umwelt vom 5. Juni 2004 ruft
BUWAL-Direktor Philippe Roch auf, den Schutz der Ökosysteme weltweit zu
verstärken und den Kampf gegen die Klimaerwärmung voranzutreiben. Die
Schweiz spielt eine aktive Rolle in der internationalen Umweltpolitik
und soll im eigenen Land die Ziele erreichen durch eine
umweltverträgliche Raumplanung, den Schutz und die Vernetzung
zerschnittener Lebensräume, Renaturierung von Gewässern, und die
Umsetzung des CO2-Gesetzes.
Natürliche Gewässer, Wälder,
Feuchtgebiete, und Böden leisten der Menschheit unbezahlbare Dienste.
Diese Ökosysteme liefern sauberes Trinkwasser, indem sie das Wasser
auffangen, filtern, zurückhalten und dosiert wieder abgeben. Zudem
versorgen sie uns mit Nahrung, beherbergen die gesamte Vielfalt an Arten
und genetischen Ressourcen und sind eine wichtige Grundlage für die
Wirtschaft: Die genetischen Ressourcen sind unabdingbar für die
Produktion von Kulturpflanzen und Zuchttieren und demzufolge für die
Lebensmittelsicherheit. Zudem sind sie Voraussetzung für die
Herstellung von Medikamenten und anderen industriellen Erzeugnissen.
Weltweit verschwinden jedoch jährlich 27‘000 Tier- und Pflanzenarten,
und im letzten Jahrhundert wurde die Hälfte der Feuchtgebiete
zerstört. Zudem wurde alleine in den letzten zehn Jahren Tropenwald auf
einer Fläche entwaldet, die 30-mal so gross ist wie die Schweiz.
Verstärkter weltweiter Schutz der
Ökosysteme
Die vielfältigen Leistungen der
Ökosysteme und der Artenvielfalt lassen sich nachhaltig schützen, wenn
jene Bevölkerungsgruppen, welche die Ressourcen pflegen, auch dafür
entschädigt werden. Dadurch wird nicht zuletzt auch ein Beitrag zur
Bekämpfung der Armut im Weltsüden geleistet.
- Entschädigung von Leistungen
Einwohner im oberen Teil der
Flusseinzugsgebiete, sogenannte Oberlieger, die ihre Wälder
nachhaltig bewirtschaften, leisten einen Beitrag an gute
Wasserqualität und Hochwasserprävention, und davon profitieren vor
allem die im unteren Teil der Flüsse lebenden, meist reicheren
Bevölkerungsgruppen. Wenn diese die Oberlieger für ihre Dienste
entschädigen, steigt deren Motivation, die Lebensgrundlagen zu
erhalten.
- Kein Projekt ohne Schutz der
Ökosysteme Entwicklungs-
und Investitionsprojekte in den Bereichen Wald, Wasser,
Landwirtschaft und Infrastruktur sollen den Schutz und die
nachhaltige Nutzung der betroffenen Ökosysteme
berücksichtigen.
- Gerechte Verteilung der Vorteile
Wegen des bedeutenden Potenzials
genetischer Ressourcen für die Entwicklung von Biotechnologie,
insbesondere im landwirtschaftlichen, industriellen und vor allem im
pharmazeutischen Bereich, betrachten die Entwicklungsländer, die im
Besitz der Mehrheit der genetischen Ressourcen sind, diese als neues
„grünes Gold“. Wenn beispielsweise ein Pharmaunternehmen eine
Heilpflanze erforschen und später nutzen will, muss die gerechte
Verteilung der daraus möglicherweise entstehenden Vorteile vorher
vertraglich geregelt werden. Dieses so genannte „Access and
Benefit Sharing“ (ABS; Zugang zu genetischen Ressourcen und
gerechte Verteilung der Vorteile) ist ein starker Anreiz für die
lokale Bevölkerung, Ökosystem und Arten zu schützen.
Gesunde Ökosysteme wirken einerseits
als Puffer gegen die je länger je deutlicher spürbaren Folgen des
Klimawandels: Sie können Niederschläge auffangen, in Trockenphasen
Wasser liefern und wirken somit bis zu einem gewissen Grad mildernd auf
meteorologische Extremereignisse. Anderseits geraten die Ökosysteme
wegen dem Klimawandel immer stärker unter Druck.
Kyoto-Protokoll und CO2-Gesetz
umsetzen und vorausblicken
Zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen
muss deshalb der Kampf gegen den Klimawandel und der Schutz des Menschen
vor den Folgen der Klimaänderungen vorangetrieben werden. Dies
geschieht in mehreren Etappen:
- Erstens durch die Umsetzung der im
Protokoll von Kyoto beschlossenen Zielsetzungen zur Senkung der
Treibhausgase bis 2012. In der Schweiz wird dieses Ziel zur
Hauptsache im Rahmen des CO2-Gesetzes umgesetzt. Sollten die im
Gesetz vorgesehenen, bereits ergriffenen freiwilligen Massnahmen
nicht ausreichen, braucht es weitere Massnahmen. Der Bundesrat wird
in nächster Zeit über das weitere Vorgehen zur Erreichung des
CO2-Reduktionsziels entscheiden.
- Zweitens muss der Blick bereits
jetzt über 2012 hinausgehen: Wenn wir den Klimawandel abschwächen
wollen, müssen die Treibhausgasemissionen der Industrieländer
ihren Ausstoss im Vergleich zu 1990 um 70 Prozent senken. Zudem
braucht es Antworten auf das Wachstum der Emissionen in den
Entwicklungsländern.
Mehr Natur und eine schonende
Nutzung des Bodens in der Schweiz
Der Verlust an Ökosystemen geht nicht
nur weltweit, sondern auch in der Schweiz weiter. Hauptursachen sind
Verkehrswege und Siedlungen, welche natürliche Lebensräume
zerschneiden, die Verbauung der Gewässer und die intensive
Landwirtschaft. Die laufende Verbauung unseres Landes (pro Sekunde geht
ein Quadratmeter Kulturland verloren) und der Trend, immer weiter weg
von den Zentren zu wohnen und publikumsintensive Einrichtungen zu bauen,
generiert Verkehr und hat negative Einflüsse auf die Natur und den
Menschen: Nahezu eine Million Schweizerinnen und Schweizer leiden unter
Lärm.
Positive Tendenzen sind jedoch
sichtbar: So ist beispielsweise in den letzten Jahren dank
entsprechender finanzieller Anreize die Landwirtschaft deutlich
ökologischer geworden und leistet damit wieder vermehrt einen wichtigen
Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt. Zudem bildet die Landwirtschaft
ein wirksames Gegengewicht zum Siedlungsdruck.
Folgende Ansätze sollen zur Lösung
der Probleme in der Schweiz beitragen:
- Lebensräume schützen und
vernetzen Damit sich die Kerngebiete der einheimischen Tier- und
Pflanzenwelt und potenzielle Vernetzungsachsen zeigen lassen, wird
das Nationale ökologische Netzwerk (REN) aufgebaut. Es ist
eingebettet in das vom Bundesrat 1997 genehmigte Landschaftskonzept
Schweiz. Während die bereits gebauten Wildtierpassagen über
Autobahnen und Bahnlinien Wirkung zeigen, müssen in einem weiteren
Schritt auch die Lebensräume von Amphibien, Reptilien,
Kleinsäugern und Wirbellosen verbessert werden. Dies geschieht zum
Teil ebenfalls mit baulichen Massnahmen entlang der Verkehrsträger.
In der Landwirtschaft fördert die Öko-Qualitätsverordnung die
biologische Qualität und die sinnvolle Vernetzung von ökologischen
Ausgleichsflächen.
- Industriebrachen besser nutzen
Zur Schonung unbebauter Flächen und intakter Böden im Grünen,
müssen die Standorte ehemaliger Industrieunternehmen besser
genützt werden: In der Schweiz wären 15 Millionen Quadratmeter
(Grösse der Stadt Genf) nutzbar. Diese Industriebrachen sind
meistens gut erschlossen und eignen sich für attraktive
Umnutzungen. Aus Furcht vor möglichen Altlasten weichen jedoch
viele Investoren immer noch auf die „grüne Wiese“ aus.
- Planungen abstimmen Verkehrs-
und Siedlungsplanung sowie die Umsetzung der ökologischen Ziele
müssen künftig noch besser aufeinander abgestimmt werden. Dadurch
lässt sich eine übermässige Lärm- und Luftbelastung von
vornherein minimieren.
- Innovativer Lärmschutz Zudem
braucht es im Lärmschutz neue Wege: Wenn die Belastungsgrenzwerte
einmal eingehalten sind, ist der Anreiz, Lärm zu vermindern, kaum
mehr vorhanden. Ein Lärm/Ruhe-Labeling könnte helfen, die
Wohnqualität zu bewerten und das Gut „ruhiges Wohnen“ einer
breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu bringen.
- Qualitativer Bodenschutz Die
Art der Bodennutzung hat sich besser als bisher an der
Beschaffenheit und Empfindlichkeit der verschiedenen Böden zu
orientieren. Dies ist eine zentrale Aufgabe der kommunalen und
kantonalen Raumplanung.
- Mehr Naturnähe und weniger
Chemie im Wasser Die Wasserqualität ist in den letzten
Jahrzehnten in der Schweiz markant besser geworden, die Gewässer
hingegen sind noch immer zuwenig naturnah und müssen gezielt
renaturiert werden. In vielen Fliessgewässer sind heute noch keine
angemessenen Restwassermengen gewährleistet. Zudem machen eine
Vielzahl, mehrheitlich unbekannter Chemikalien im Wasser den Fischen
zu schaffen. Zur Erforschung der Ursachen startet das BUWAL ein
Projekt zur Untersuchung der Mikroverunreinigungen in den
Gewässern. Zudem appelliert es an die Selbstverantwortung der
chemischen Industrie.
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box juni 2004 |