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"Humanitäre Hilfe hat immer Auswirkungen auf den Krieg" BERN. Mit den Gefahren unbedachter oder falsch konzipierter Hilfeleistungen erstmals systematisch auseinandergesetzt, hat sich Mary Anderson. Ihr 1999 erschienenes Buch «Do No Harm» ist zum viel zitierten Entwicklungsklassiker avanciert. Heute berät sie weltweit Entwicklungsagenturen und NGOs beim möglichst effizienten Einsatz von humanitärer Hilfe. Auch die DEZA nimmt ihre Dienste in Anspruch. Interview: Thomas Jenatsch.* Eine Welt: Kann Hilfe Konflikte vermeiden oder wenigstens eindämmen? Mary Anderson: Kriege sind politisch. Hilfe kann Kriege weder stoppen noch verursachen. Sie wird einfach inmitten von Kriegen geleistet, so dass die Hilfswerke verantwortlich sind für die Auswirkungen ihrer Hilfe auf den Konflikt. Die Botschaft von «Do No Harm» ist, dass es keine neutralen Auswirkungen gibt. Die Art, wie Hilfe geleistet wird,hat immer Auswirkungen auf den Krieg. Man muss klug vorgehen, um jene Auswirkungen zu erhalten, die man anstrebt. Welches sind die häufigsten Probleme bei Hilfslieferungen? Nahrungsmittelhilfe wird von den Kriegsparteien oft zweckentfremdet. Manchmal werden die Nahrungsmittel verkauft oder zur Verpflegung von Armeen verwendet. Ausserdem können politische Führer durch die Wahl des Ortes für die Nahrungsmittelverteilung die Bevölkerungsbewegungen – zum Beispiel von Flüchtlingen – manipulieren. Ein von Hilfsorganisationen oft begangener Fehler liegt in der Auswahl der Zielbevölkerung. Kommt die Hilfe nur einer bestimmten religiösen oder ethnischen Gruppe zu gute, kann der Eindruck entstehen, dass eine Partei gegenüber einer anderen bevorzugt behandelt wird. Bestehende Animositäten können dadurch verschärft und der Konflikt angeheizt werden. Wie kann Hilfe in kluger Weise geleistet werden? Indem man das reduziert, was die Menschen trennt, und die Dinge verstärkt, die sie verbinden. In Bosnien, Somalia und Sudan hat die internationale Hilfe den Bürgerkrieg eher verlängert als eingedämmt, meinen Kritiker. Viele humanitäre Organisationen, die im Südsudan arbeiteten, kamen tatsächlich zu diesem Schluss. Sie litten unter der Tatsache, dass die internationale Hilfe den Parteien ermöglichte, länger Krieg zu führen, als sie ohne diese zusätzlichen Ressourcen in der Lage gewesen wären. Die Mitarbeiter waren sich aber auch bewusst, dass sie grosses Leiden lindern konnten, und dass viele Menschen ohne sie gestorben wären. Was schlagen Sie in solchen Fällen vor: Die Hilfe fortführen, mit dem Risiko, den Krieg zu unterstützen, oder die Hilfe ganz einstellen? Entweder-oder-Argumente treffen selten die ganze Wahrheit. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sich eine Art Reinheit oder Neutralität aufrecht erhalten lässt, wenn man sich aus dem Konflikt heraushält. Der Entschluss, nicht in einem Kriegsgebiet zu intervenieren, lässt andere Dinge unwidersprochen. Auch hier geht es darum, wie die Hilfe geleistet wird. Hilfe kann die Vormachtstellung einer Partei stärken oder sie kann als internationale Augen und Ohren diese Macht in Frage stellen. Es gibt viele Möglichkeiten Hilfe zu leisten, und es findet sich immer ein Weg, sie so zu leisten, dass sie keinen Schaden anrichtet. Sind die humanitären Hilfeleistungen im heutigen Irak nicht bloss Mittel zum Zweck der politischen Stabilisierung? Meiner Meinung nach sind die Hilfeleistungen derart unbedeutend und gering, dass sie nicht sehr viel zur Stabilisierung der Situation beitragen. Falls überhaupt Stabilität erreicht wird, ist sie das Ergebnis der Bemühungen der irakischen Bevölkerung, die eine stabile Situation wünscht. Die Geberorganisationen können keine bedeutende Rolle im Irak spielen, solange die Regierung Bush darauf besteht, sämtliche Entscheide zu kontrollieren. Unter derartigen Bedingungen werden die Hilfsorganisationen als Handlanger der USA angesehen, die diesen helfen, ihre Ziele zu verfolgen. Einige Hilfsorganisationen haben sich denn auch aus dem Irak zurückgezogen, weil sie genau das nicht wollen. Die Bilanz der Entwicklungshilfe in Sachen Konfliktprävention ist nicht sehr eindrücklich: Die Budgets steigen, doch die Konflikte nehmen scheinbar nicht ab. Die Zahlen sagen etwas anderes. In den letzten fünf Jahren ging die Zahl der Konflikte gemäss fundierter Studien zurück. Haben die Hilfsorganisationen dazu beigetragen, Konflikte zu verhindern oder zu verringern? Wahrscheinlich nicht auf explizite Weise.Alle denken neuerdings an Prävention, denn sie ist natürlich besser als Heilung. Meist beginnt Konfliktprävention damit, dass man untersucht, warum Menschen überhaupt Krieg führen. Und dann sucht man nach einem überzeugenden System, mit dem sie von einer kriegerischen Auseinandersetzung abgehalten werden können. Die NGO, der ich vorstehe, geht anders vor. Gegenwärtig machen wir eine Reihe von Fallstudien über Gruppen in kriegsgebeutelten Gesellschaften, die eine Strategie gefunden haben, sich aus dem Krieg um sie herum herauszuhalten. In gewissem Sinn sind diese Menschen wahre Konfliktverhinderer. Vielleicht können wir von diesen Gruppen etwas Nützliches lernen, das uns allen helfen wird, künftige Kriege zu verhindern. Gibt es eine Möglichkeit, Krieg in einem grösseren Rahmen zu verhindern? Ich glaube, zurzeit weiss niemand, wie Krieg verhindert werden kann. Aber ich weiss, dass mehr Kriege verhindert als angefangen werden. Die Zahlen sprechen für die verhinderten Kriege. Statistisch gesehen ziehen mehr Länder nicht in den Krieg, als dass sie es tun. Natürlich ist es schwierig,Menschen vom Kriegführen abzuhalten, wenn sie sich bereits darauf eingelassen haben. Doch braucht es einige Anstrengungen, Menschen in den Krieg zu schicken. Etwas muss geschehen, damit es soweit kommt. Bürgerkriege werden oft eher aus Habgier denn aus Not geführt. Muss eine Strategie zur Armutsreduktion letztlich scheitern, wenn es um Konfliktprävention geht? Noch einmal, es ist ein Fehler zu glauben, mit humanitärer Hilfe und wirtschaftlicher Zusammenarbeit könnten kriegerische Konflikte gelöst werden. Aber Sie haben Recht. Krieg wird selten wegen Armut geführt. Es gibt mehr arme Länder, die keinen Krieg führen, als solche, die einen führen.Allerdings sind mehr Krieg führende Länder arm als reich, also muss es zwischen Armut und Kriegsführung einen Zusammenhang geben.Allerdings ist Armut nicht der einzige oder bestimmende Faktor für einen Krieg. Der Kampf gegen die Armut ist eine gute Sache und sollte ernsthaft und energisch vorangetrieben werden.Aber er ist nicht die beste Strategie zur Entschärfung von Konflikten. Welches sind die Ziele Ihrer Arbeit mit der DEZA? Die DEZA ist daran interessiert, die Ideen der beiden Ansätze «Do No Harm» und «Reflecting on Peace Practice» aufzugreifen.Wir arbeiten bereits mit zahlreichen internationalen Organisationen zu diesen Themenbereichen zusammen und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit einer weiteren wichtigen Organisation. Sie arbeiten seit zehn Jahren mit dem «Do No Harm»-Ansatz. Haben Sie im Feld irgendwelche Auswirkungen dieser Arbeit feststellen können? Ich kenne die richtige Antwort auf diese Frage nicht. Ich weiss nur, dass uns viele Menschen sagen, sie arbeiteten nach dem «Do No Harm»-Ansatz und fänden ihn sehr nützlich, um ihre Hilfsprogramme für die Menschen, mit denen sie arbeiten, klüger und verträglicher zu konzipieren. Doch ist «Do no Harm» ein ständiger Lernprozess.Wir ziehen nie einen Schlussstrich und sagen, so, das ist es, das ist die Wahrheit, geht hinaus und lebt danach. *Thomas Jenatsch ist Mitarbeiter der Abteilung Medien und Kommunikation der DEZA |