Einblicke in die Schnittstelle Schule-Berufslehre 

BASEL. Lehrbetriebe stützen sich bei der Suche nach Lehrlingen in erster Linie auf den persönlichen Eindruck, den sie während der Schnupperlehre gewinnen. Ebenfalls ausschlaggebend sind unentschuldigte Absenzen und die Schulnoten der Lehrstellensuchenden. Das geht aus einer Studie zur Schnittstelle zwischen Schule und Berufslehre hervor, die das Büro "ecce gemeinschaft für sozialforschung" im Auftrag der Stiftung ALU durchgeführt hat. Ausgangspunkt der Studie "‹Transition›. Zur Qualifikation und Rekrutierung von Lehrlingen im Kanton Basel-Stadt" bildete die Unsicherheit vieler Jugendlicher auf dem Lehrstellenmarkt. Viele wissen nicht, worauf die Betriebe bei der Auswahl ihrer künftigen Lehrlinge besonders achten. Ziel des Forschungsprojektes war es deshalb, diese Schnittstelle zu untersuchen. Die nun vorliegenden Ergebnisse vermitteln einen repräsentativen Einblick in den sensiblen Übergang zwischen Schule und Berufslehre. Sie sollen dazu dienen, den Übertritt für alle Beteiligten transparenter und einfacher zu machen und den Dialog zwischen Schule und Wirtschaft zu vertiefen. Untersucht wurden einerseits Rekrutierungs- und Selektionsverfahren der Lehrstellenanbietenden und andererseits individuelle Eigenschaften, Schlüsselqualifikationen und Schulabschlüsse, die Jugendliche mitbringen müssen, um auf dem Lehrstellenmarkt bestehen zu können. Von 1'484 im Sommer 2003 befragten Lehrlingsverantwortlichen aus 25 Berufen haben 807 (54,4%) den Fragebogen schriftlich beantwortet.

Die Person der Bewerbenden als Hauptinformationsquelle Zu Beginn des Bewerbungsverfahrens sind vor allem schulische Leistungsnachweise von Bedeutung. Dabei nehmen die unentschuldigten Absenzen einen besonders hohen Stellenwert ein, da diese Auskunft über die Zuverlässigkeit und den Charakter der Jugendlichen sowie des Elternhauses zu vermitteln vermögen. Aufgrund der Ergebnisse der Befragung muss davon ausgegangen werden, dass eine grosse Zahl unentschuldigter Absenzen im Volksschulzeugnis von Schülerinnen und Schülern die Aussicht, für eine Lehrstelle in die engere Wahl zu kommen, fast gänzlich verunmöglichen. Hat das Bewerbungsdossier den Ansprüchen des Betriebes genügt und der oder die Jugendliche diese erste Hürde der Selektion gemeistert, lassen sich die Lehrbetriebe in erster Linie vom persönlichen Eindruck leiten, den die Bewerbenden hinterlassen. Hauptinformationsquelle sind demnach die Jugendlichen selbst. Ihre individuellen Eigenschaften und ihr Auftreten stehen im Zentrum des gesamten Rekrutierungsprozesses. Die Lehrstellenanbieter machen sich in der Regel während der Schnupperlehre ein Bild über die Bewerberinnen und Bewerber. Der Schnupperlehre kommt, wie die Studie deutlich zeigt, innerhalb des Rekrutierungsprozesses eine ausserordentlich hohe Bedeutung zu. Ursprünglich sollte sie den Jugendlichen einen Einblick in das Berufsleben ermöglichen. Inzwischen aber hat sie sich zum fast wichtigsten Selektionsinstrument entwickelt. Die Schnupperlehre ermöglicht persönliche Kontakte und gibt aus der Sicht der Betriebe Aufschluss über Eigenschaften und Kompetenzen der Bewerberinnen und Bewerber. Dabei beurteilen die Lehrstellenverantwortlichen vor allem Fleiss, Motivation und Interesse. Grossen Wert legen sie auch auf den Umgang mit Menschen, Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit. Leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler haben während der Schnupperlehre die Möglichkeit, ihre schulischen Defizite teilweise zu kompensieren.

Eltern leisten wichtige Unterstützung Auf der Suche nach einem Lehrling müssen die Lehrstellenanbieter meist gar nichts unternehmen. Sie können abwarten, bis sich die Jugendlichen von sich aus melden. Viele Betriebe schreiben ihre Lehrstellen deshalb gar nicht aus, und nur 54% aller Lehrbetriebe melden freie Lehrstellen beim Amt für Berufsbildung, damit diese im Lehrstellennachweis publiziert werden können. Dies erschwert die Suche für zahlreiche Jugendliche, dient doch vielen eben diese Plattform als Hauptinformationsquelle über den aktuellen Stand auf dem Lehrstellenmarkt. Dies erfordert mehr Eigeninitiative der Jugendlichen sowie die Unterstützung durch das Elternhaus. Die Bedeutung des Engagements der Eltern bei der Lehrstellensuche ist bereits bei der Berufswahl und danach insbesondere beim Verfassen und Zusammenstellen der Bewerbungsunterlagen eminent. Für viele Betriebe (52,9%) ist der Kontakt mit den Eltern sogar Bedingung, bevor ein Lehrvertrag abgeschlossen wird. Bei einem solchen Treffen werden die gegenseitigen Erwartungen ausgetauscht. Zudem ermöglichen diese Begegnungen den Lehrbetrieben, einen weiteren Eindruck über die Bewerberinnen und Bewerber und deren Umfeld zu gewinnen.

Umsetzung der Ergebnisse Die Studie wurde von einer Expertengruppe begleitet. Nebst der fachlichen Unterstützung bestand ihre Aufgabe darin, die Ergebnisse im Hinblick auf Umsetzungsmöglichkeiten zu sichten. Unter anderen wurden folgende Projekte definiert: - Die Lehrbetriebe sind der Meinung, dass die Jugendlichen sehr gut über die verschiedenen Berufe informiert seien. Sie beziehen diese Informationen aber mehrheitlich vom betreffenden Berufsverband sowie vom Berufsbildungscenter und weniger von der Schule, was Lücken beim Informationsaustausch zwischen Schule und Wirtschaft vermuten lässt. Mit einem jährlichen Wirtschaftstag soll dieser Situation begegnet werden. - Mithilfe eines Flyers soll den Jugendlichen die Wichtigkeit der einzelnen Qualifikationskriterien bewusster gemacht werden. - Der Gewerbeverband will den Lehrbetrieben eine Checkliste als Unterstützung bei der Selektion zur Verfügung stellen.

Die detaillierten Ergebnisse der Studie "‹Transition›. Zur Qualifikation und Rekrutierung von Lehrlingen im Kanton Basel-Stadt" sind im 119-seitigen Bericht enthalten (vgl. www.ecce.ch/index-Dateien/transition).

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news box juni 2004