| 150 Jahre
Pfahlbauforschung: Ausstellung im Ortsmuseum Meilen
ZÜRICH. Vor 150 Jahren entdeckte der Lehrer Johannes Aeppli in Obermeilen die erste Pfahlbausiedlung. Dieses Ereignis stiess europaweit auf grosses Interesse, die Begeisterung ging weit über den engen Kreis der Fachleute hinaus. Das Bild von Dörfern auf Seeplattformen und Holzpfählen faszinierte eine breite Öffentlichkeit. Anlässlich dieses Jubiläums finden im Kanton Zürich verschiedene Ausstellungen statt. Im Ortsmuseum Meilen eröffnet Baudirektorin Dorothée Fierz heute Donnerstag, 25. März 2004, die Ausstellung «150 Jahre Pfahlbauforschung - Vom Pfahlbaufieber zur Seeufersiedlung», eine Gemeinschaftsproduktion der Kantonsarchäologie und des Ortsmuseums Meilen. Im Winter 1854 war der Pegel des Zürichsees auf einem historisch tiefen Stand. Im trocken liegenden Seegrund stiessen Arbeiter bei Aushubarbeiten auf Fundgegenstände. In der Folge konnten vor der Rorenhaab in Meilen Reste von Dörfern aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit freigelegt werden. Der Dorflehrer Johannes Aeppli erkannte rasch die Bedeutung der Funde. Er hatte aber nicht genügend Einfluss, um die Bauherren dazu zu bewegen, mit ihren Arbeitern bei der Fundbergung zu helfen. Aeppli wurde im Gegenteil vom Baugelände verwiesen, weil seine Nachforschungen die Arbeiten verzögerten. Daher wandte er sich an den Präsidenten der 1832 gegründeten Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Ferdinand Keller, und meldete ihm seine Entdeckung. Keller, der von 1800 bis 1881 lebte, war einer der ersten prähistorischen Archäologen. Dank seiner Erfahrung im Umgang mit vorrömischen Funden gelang es ihm, die Entdeckung von Meilen in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Er propagierte das Modell der Pfahlbausiedlungen: Dörfer, die draussen im See auf einer von hunderten von Pfählen gestützten Plattform errichtet worden waren. Noch im Entdeckungsjahr veröffentlichte er seinen ersten «Pfahlbaubericht», der nicht nur die Funde von Meilen sondern zahlreiche gleichartige Fundstellen aus der ganzen Schweiz behandelte. Pfahlbauten als staatstragendes Element im 19. Jahrhundert Das Interesse an den Pfahlbauten war unerhört gross. Im Sonderbundskrieg hatten sich wenige Jahre zuvor die industrialisierten reformierten Kantone gegen die bäuerlichen katholischen Orte durchgesetzt. Als Folge davon wurde der bisherige Bund souveräner Kantone in den Nationalstaat Schweiz umgewandelt. Das neue Staatsgebilde nahm dankbar alle Elemente auf, die einigend, identitätsstiftend und ausgleichend wirkten. Die Pfahlbauten eigneten sich dazu in mehrfacher Hinsicht. Zur Zeit der Pfahlbauer war die Welt noch in Ordnung. Sie wohnten auf selbst gebauten Inseln an den klaren Seen. Es waren freie, urwüchsige Menschen, die von der Jagd und von der Landwirtschaft lebten und ihren Unterhalt nicht in einer lärmigen Fabrik oder einem düsteren Kontor verdienen mussten. Sie liessen sich in der ganzen Schweiz nachweisen und keine Religionsgruppe konnte sie für sich in Anspruch nehmen. Daher waren die Pfahlbauer ideale Identifikations- und Integrationsfiguren. Die Bedeutung der Pfahlbausiedlungen für die Forschung Das Einmalige an den Pfahlbausiedlungen sind die ausgezeichneten Bedingungen für die Erhaltung des Fundmaterials. Eingebettet in die Seesedimente haben auch Gegenstände wie Schalen und Schöpfer aus Holz, Matten aus Bast, Textilien, Körbe und Garnknäuel aus organischen Materialien die Jahrtausende überstanden. Im Boden stecken die bekannten Pfähle, deren Fälldatum dank der Dendrochronologie (Jahrringdatierung) auf das Jahr genau bestimmt werden kann. Gelegentlich haben sich auch weitere Konstruktionselemente der Holzhäuser erhalten, die bei Siedlungen abseits der Seen nicht mehr vorhanden sind. Szenen aus dem Leben der Pfahlbauer Die Ausstellung im Ortsmuseum Meilen ist entstanden in Zusammenarbeit von Kantonsarchäologie, Ortsmuseum Meilen sowie einem kleinen Team, das speziell für die Ausführung des Konzepts beigezogen wurde. Die Realisierung der Ausstellung wurde möglich durch namhafte Beiträge der politischen Gemeinde Meilen, der Schulgemeinde Meilen und der Alfred-und-Margaretha-Bolleter-Stiftung. Mit zwei parallelen Diapräsentationen wird die Zeit um 1854 veranschaulicht, einmal aus der Sicht der Eidgenossenschaft und dann auch mit Schwerpunkt Meilen. Zudem wird der Frage nachgegangen, warum die Pfahlbauten auf so grosses Interesse stiessen. Es sind vier Szenen aus dem Leben der Pfahlbauer dargestellt: Die Herstellung von Tongefässen, eine Szene in einem Haus an der Feuerstelle, eine Gruppe von Kindern beim Sammeln von Beeren, Wurzeln und Pilzen sowie ein Mann beim Flechten eines Korbs. Neben den Figurengruppen sind Originalfunde zum Thema in Vitrinen ausgestellt. Im Bereich zwischen diesen Ausstellungsteilen wird ergänzend auf Tafeln mit Bild und Text über die heutigen Schwerpunkte und moderne Techniken bei der Erforschung der Pfahlbauten informiert. Ausstellungen im Kanton Zürich zum Thema Pfahlbauten Ortsmuseum Meilen, Kirchgasse 14 «150 Jahre Pfahlbauforschung - Vom Pfahlbaufieber zur Seeufersiedlung» Dauer der Ausstellung: 25.03. bis 24.10.2004 Öffnungszeiten: jeden Sonntag 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr. Führungen: jeden 1. Sonntag im Monat, 11 Uhr Ausserhalb dieser Zeiten für Gruppen auf Anfrage bei Heinrich Boxler, Telefon 01 923 41 34 Weitere Informationen zur Ausstellung in Meilen, zu Führungen und speziellen Anlässen auf der Homepage der «Stiftung für Archäologie im Kanton Zürich» (STARCH): http://www.starch-zh.ch Heimatmuseum Pfäffikon «Ein Pfahlbaudorf am Pfäffikersee - Ernährung, Handwerk und Alltag vor 5000 Jahren» Kantonsarchäologie und Heimatmuseum zeigen eine Ausstellung über die 1997 vorgenommene Ausgrabung der Fundstelle «Pfäffikon-Burg». Schwerpunkte bilden die zahlreichen Holzgefässe und Holzgeräte sowie die Herstellung von Werkzeugen aus Feuerstein und Felsgestein. Dauer der Ausstellung: 16.04. bis 24.10.2004 Öffnungszeiten: jeden 1. und 2. Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr. Ausserhalb dieser Zeiten auf Anfrage: Telefon 01 950 44 37 oder 01 950 42 80 Ortsmuseum Wetzikon «Jakob Messikommer und die Pfahlbauten von Robbenhausen» Über den bekannten Urgeschichtsforscher Jakob Messikommer (1828-1917) von Wetzikon-Robenhausen und über Textilien aus Pfahlbausiedlungen ist eine Ausstellung geplant. Dauer der Ausstellung: ab Juni 2004 bis Frühling 2005. Öffnungszeiten: jeden 1. und 3. Sonntag im Monat, 14 bis 16 Uhr. Ausserhalb dieser Zeiten auf Anfrage, Telefon 01 930 02 05 Schweizerisches Landesmuseum An der Ausstellung «Die Pfahlbauer» werden 150 herausragende Funde aus schweizerischen Pfahlbausiedlungen präsentiert. Dauer der Ausstellung: 27.02. bis 13.06.2004; http://www.diepfahlbauer.ch |