Psychische Erkrankungen werden massiv unterschätzt

NEUENBURG. Eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums belegt: Jeder zweite Schweizer
leidet einmal im Leben an einer psychischen Störung, jeder zehnte begeht einen Suizidversuch.
Obwohl psychische Erkrankungen häufig vorkommen, sind sie weit gehend tabu. Viele Menschen
erdulden die Krankheit, anstatt sie zu behandeln. Dies führt nicht nur zu unnötigem Leid, sondern
auch zu hohen Mehrkosten im Gesundheitswesen.

Neuenburg, 8. März 2004. Psychische Störungen sind keineswegs harmloser als körperliche
Erkrankungen; sie haben erhebliche Konsequenzen für die betroffenen Personen und
ökonomische Folgen für die Gesellschaft. Und sie sind häufig: Etwa die Hälfte aller Menschen ist
ein- oder mehrmals im Leben selber von ernsthaften Störungen betroffen. Doch nur ein kleiner Teil
der Erkrankten nimmt professionelle Hilfe in Anspruch. Und noch weniger tun dies rechtzeitig. Die
untersuchten Daten lassen überdies vermuten, dass die Hilfesuchenden bei der ersten
Untersuchung nur zum Teil adäquat behandelt werden. Dies zeigt sich vor allem in den hohen
Suizidraten, aber auch in den häufigen Nachfolgeuntersuchungen.

Psychische Störungen sind äusserst vielfältig und verfügen über ein breites Spektrum von
Symptomen. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen und Substanzstörungen, die durch
Drogen oder Alkohol ausgelöst werden. Diese Störungen werden oft nur als körperliche
Begleitkrankheiten wahrgenommen und behandelt. Psychogene Krankheiten wie
Rückenschmerzen, Herz-Kreislaufleiden und Magen-Darm-Beschwerden haben massive
zusätzliche Beeinträchtigungen für die Betroffenen zur Folge.

Tabu und Unwissen

Die immense Bedeutung psychischer Beschwerden lässt sich an dem damit verbundenen
Schweigen ablesen. Dieses steht in erheblichem Kontrast zu der Häufigkeit der Krankheiten. «Je
schlimmer die psychische Krankheit ist, desto grösser ist das Tabu», sagt Peter C. Meyer, Leiter
des Gesundheitsobservatoriums. «Dabei gilt zu bedenken, dass fast jeder Mensch mit psychischen
Erkrankungen in Berührung kommt, sei es als Familienmitglied, Freund oder Arbeitskollege.»
Dieser Tabuisierung entspricht das nach wie vor hohe Mass an Unwissen über psychische
Erkrankungen, besonders was die Symptome und Behandlungsmöglichkeiten betrifft. Es gibt
derzeit keinen anderen Gesundheitsbereich, welcher in ähnlichem Masse durch so viele Vorurteile
geprägt ist. Vor dem Hintergrund der vorliegenden Daten macht Peter C. Meyer deutlich: «Es muss
eine wichtige gesundheitspolitische Aufgabe werden, den Menschen handlungsrelevantes Wissen
zu vermitteln, um mit psychischen Krankheiten besser umgehen zu können. Nur so können die
Störungen rechtzeitig erkannt werden und präventive Massnahmen zum Greifen kommen.»

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news box märz 2004