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Der Regierungsrat zum Bettag 2004 Herausforderung Verantwortung APPENZELL AUSSERRHODEN. Kein Mensch und keine Gesellschaft kann bestehen ohne die wechselseitige Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das Individuum trägt gleichzeitig Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft, die Gemeinschaft ihrerseits verantwortet das Gesamtwohl und das Wohl ihrer einzelnen Glieder. Es ist eine menschliche Grunderfahrung, dass aus der Begegnung mit den Mitmen-schen und aus der Gestaltung der Welt der Ansporn wächst, Verantwortung zu übernehmen. Wir denken beispielsweise an junge Menschen, die einen gemeinsamen Haushalt und eine Familie gründen und die sich dann mit anderen Eltern für ihre Kinder und für ein gesundes und förderliches Umfeld daheim, im Quartier, in Kindergarten und Schule engagieren. Weil viele Lebensbereiche komplexer werden, die Anforderungen in Ausbildung und Beruf wachsen und sich rasch wandeln, Familienstrukturen sich verändern, die Selbstverwirklichung einen höheren Stellenwert bekommt, weil Menschen sich aus Hilflosigkeit gegenüber einschneidenden Ereignissen ins Private zurückziehen, bedarf es zunehmend grösserer Anstrengungen, um Personen für ein freiwilliges Engagement zu gewinnen, insbesondere dort, wo es sich um zeitaufwendige oder auch exponierte Funktionen handelt. Veränderungen in der Gesellschaft, in Politik, Wirtschaft und Umwelt fordern jedoch geradezu heraus, verantwortlich mitzuwirken – der resignierte Rückzug der Bürgerinnen und Bürger aus der gemeinsamen Verantwortung ist die falsche Antwort. In einem Gespräch hat kürzlich eine junge Israeli gesagt, sie sei dermassen frustriert von der Politik in ihrer Region, dass sie von ihr nichts Gutes, keine Hilfe mehr erwarte. Deshalb lese sie keine Zeitung, schaue kein Fernsehen, habe nur den einen Wunsch, trotz der ständigen Bedrohung einigermassen so zu leben, wie das Gleichaltrige in friedlicheren Gebieten tun könnten. Diese Aussage sollte die politisch Verantwortlichen in höchstem Masse erschüttern – es ist verhängnisvoll, wenn sich eine ganze Generation ausklinkt. Das gilt für alle Gesellschaften, auch wenn die Ursachen durchaus unterschiedlich sein können. Der Mensch muss Rechenschaft ablegen über sein Tun, über seinen Einsatz für ein gelingendes Lebens und für seinen Anteil zum Wohle der Gemeinschaft – aber auch über das, was er unterlassen hat. Als Beziehungswesen sollte er gar nicht anders können, als auf den Anruf der Nächsten, der Umwelt, der Erfahrungen und der Ereignisse zu reagieren. Es braucht dazu Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit zur Betroffenheit, ungebrochene Lebenskraft und Mut sowie Respekt vor anderen Lebensgeschichten, Mentalitäten und Wertvorstellungen. Wer Verantwortung tragen, mutig sprechen und wirkungsvoll handeln will, muss zuerst sich selbst ausloten, in sich hineinhören und sich Fragen beantworten: Dient das, was ich tue, der Gemeinschaft? Unterstütze ich die Mitmenschen im Bestreben, Verantwortung zu übernehmen? Hilft mein Tun auch den Schwächeren in unserer Gesellschaft? Habe ich das Leben und die Zukunft unserer Nachkommen im Auge? Solche und ähnliche Fragen führen hin zu einer Haltung der Ehrfurcht vor dem Leben und vor den anderen Menschen und bereiten vor auf ein verantwortliches, respektvolles, aufmerksames Mitwirken und Mitgestalten an der Zukunft der Gesellschaft und des Staates – gerade unsere Demokratie eröffnet dazu so viele Möglichkeiten, von der Meinungsäusserung bei den Urnengängen bis zum politischen Amt in Gemeinde oder Kanton. „Ein Mensch ist nicht viel, aber nichts ist so viel wie ein Mensch.“ Mit diesem Wort von André Malraux ersucht der Ausserrhoder Regierungsrat alle, persönlich Verantwortung zu übernehmen und gemeinsame Aufgaben mitzutragen. Unsere Gesellschaft braucht alle; sie ist stark, wenn jede und jeder sich nach Kräften beteiligt. |